Krise für die Psyche: Wie stark stresst Corona die mentale Gesundheit?

Existenzängste, Sorgen um die eigene Gesundheit und die der Familie: Die Corona-Pandemie wirkt sich massiv auf unser Wohlempfinden aus. Wie kommt man raus aus dem Motivationstief?

Der Weg aus der Coronakrise führt über gestärkte Mitarbeiter

Reinhild Fürstenberg
  • Gerade jetzt sollten Personalabteilungen nicht an der falschen Stelle sparen
  • Nur Unternehmen mit starken Mitarbeiter·innen kommen gut durch die Krise
  • Externe Beratung kann Angestellte stärken – und damit das ganze Unternehmen

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Viele Angestellte leiden zurzeit unter einer doppelten Belastung: Einerseits die anhaltende Pandemie, andererseits stehen viele Unternehmen inzwischen auch wirtschaftlich unter Druck. Da ist die Versuchung groß, den Rotstift dort anzusetzen, wo es sich vermeintlich nicht sofort in den Zahlen niederschlägt – nämlich bei zusätzlichen Angeboten für die Mitarbeiter·innen. Das mag für einige Angebote stimmen. Was jedoch keine gute Idee ist: bei Angeboten zu sparen, die die mentale Belastung am Arbeitsplatz reduzieren sollen.

Personaler wissen: Ein strikter Sparkurs ist jetzt der falsche Weg, zumindest wenn es darum geht, Fachkräfte zu halten, Mitarbeiter zu motivieren, neue Arbeitsmodelle im Homeoffice zu etablieren und auf Dauer erfolgreich zu sein. Eine gerade veröffentliche Studie von Roland Berger bestätigt dies eindrucksvoll: Investitionen in Mitarbeitergesundheit zahlen sich aus. Um durchschnittlich elf Prozent konnten Unternehmen den Umsatz pro Mitarbeitenden durch effektive Gesundheitsmaßnahmen steigern, gleichzeitig erhöhte sich der Aktienwert um 76 Prozent.

In den vergangenen Monaten stieg die Zahl der Ratsuchenden

Wir alle haben unseren Teams in den vergangenen Wochen und Monaten viel abverlangt: Veränderungen, Unsicherheiten und immer neue Herausforderungen bestimmten in rasantem Takt das (Arbeits-)Leben. Durch die Kontaktbeschränkungen fiel der persönliche Austausch im Team oder die spontane Kollegenrunde als Katalysator meist weg. An die Führungskräfte waren und sind hohe Anforderungen gestellt, ihre Teams „beisammenzuhalten“ und alle in der individuellen Performance bestmöglich zu unterstützen – denn diese Leistung wird mehr gebraucht denn je. Doch auch bei allerbester Führung: Vieles bekommt man gerade durch den hohen Homeoffice-Anteil von seinen Mitarbeitenden gar nicht mit – und kann es demnach auch nicht ausgleichen. Das bestätigen auch die Beratungsanfragen an unser Institut, die seit März stetig gestiegen sind. Bei den Ratsuchenden geht es nicht nur um coronabedingte Themen wie Angst vor Ansteckung oder homeofficebedingte Konflikte mit Kindern und in der Partnerschaft, sondern auch um den Umgang mit neuem, digitalem Stress, dem Alleinsein sowie einer massiven Zunahme an Depressionen und Suchtmittelmissbrauch.

Viele Herausforderungen lassen sich mithilfe von Führungskräften, Kolleg·innen, Personalentwicklungsmaßnahmen und anderen unternehmensinternen Angeboten lösen. Doch mindestens genauso viele Themen gibt es, die nur die Mitarbeiter·innen persönlich betreffen und die sie nur allein lösen können. Führungskräfte sollten Mitarbeitenden einen Anstoß geben, wenn sie eine notwendige Veränderung bemerken. Die Lösung muss dann der oder die Mitarbeiter·in selbst finden.

Anonyme externe Beratung sorgt für bessere mentale Gesundheit

Eine noch deutlich größere Wirkung haben solche Angebote, wenn Unternehmen ihrer Belegschaft dafür einen belastbaren Rahmen anbieten. Ein Beispiel ist die externe Mitarbeiterberatung, auch genannt Employee Assistance Programme (EAP). Der große Vorteil gegenüber internen Angeboten: Mitarbeiter·innen können sich dort anonym coachen lassen, wenn sie zum Beispiel den Kopf nicht frei haben, sich damit aber nicht an den Kollegenkreis wenden wollen.

Erwiesenermaßen verbessert ein solches Hilfsangebot nicht nur die Mitarbeiterbindung und Arbeitgeberattraktivität, sondern vor allem auch die Performance und Gesundheit der Angestellten: Schon nach dem ersten individuellen Beratungsgespräch fühlen sich im Schnitt vier von fünf Ratsuchenden wieder leistungsfähiger.

Diesen Zusammenhang kennen auch Personaler: Rund die Hälfte der HR-Verantwortlichen in Unternehmen kennen und nutzen solche EAPs. Im Mittelpunkt dieser externen Mitarbeiter- und Führungskräfteberatungen stehen individuelle Gespräche mit qualifizierten Berater·innen, die bei der Lösung beruflicher, gesundheitlicher oder persönlicher Fragestellungen unterstützen. Zusätzlicher Pluspunkt: Ein jährliches anonymisiertes Reporting hilft HR-Verantwortlichen, Stimmungen im Unternehmen aufzunehmen und den Erfolg des Programms zu bewerten.

Welche Kriterien können helfen, den richtigen Anbieter auszuwählen?

  • Gibt es einen Angebotsmix aus persönlicher Beratung, Telefon- und Onlineberatung? Dieser hat sich als besonders effektiv erwiesen.
  • Können Termine kurzfristig, auch online, gebucht werden?
  • In welchen Sprachen werden die Beratungen angeboten? Gibt es möglicherweise Kooperationen mit internationalen Anbietern?
  • Gibt es spezielle, gut ausgebildete Fachberater·innen für unterschiedliche Fragestellungen wie Konflikte, Schulden, Sucht- oder Rechtsberatung?
  • Besteht ein gutes Netzwerk an Therapieeinrichtungen und Kliniken? Und kann eine Vermittlung ohne lange Wartezeiten erfolgen?
  • Ist der Datenschutz gewährleistet? Sind die Beratungen sicher und anonym?
  • Wie ist der Kontakt zwischen Kundenbetreuung und Personalabteilung im Unternehmen? Gibt es beispielsweise anonyme Reportings, die echten Mehrwert bieten?

Viele Dienstleister haben auch gesetzlich vorgeschriebene Angebote im Programm, etwa Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) oder Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen (GBU Psyche). Wer hier richtig aussucht, kann diese Angebote mit dem EAP und anderen Weiterbildungsangeboten oder (Team-)Coachings aus einer Hand einkaufen und damit den Verwaltungsaufwand deutlich verringern.

Vor allem aber möchte ich an die Verantwortlichen in den Personalabteilungen appellieren: Wer in schwierigen Zeiten wie diesen an Mitarbeiterberatungen spart, tut das am falschen Ende. Denn insbesondere die engagierten, motivierten, zufriedenen und mental gesunden Mitarbeitenden werden Unternehmen, denen die Coronakrise einen Dämpfer verpasst hat, wieder auf die Beine helfen.

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Reinhild Fürstenberg
© Fürstenberg Institut GmbH
Reinhild Fürstenberg

Geschäftsführerin, Fürstenberg Institut GmbH

for Gesunde Führung, Job & Karriere, Wirtschaft & Management, Mental Health

Reinhild Fürstenberg (Jg. 1966) ist Gründerin und geschäftsführende Gesellschafterin des Fürstenberg Instituts. Seit 1989 unterstützt die diplomierte Gesundheitswissenschaftlerin Unternehmen und Organisationen dabei, die Gesundheit und Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter und Führungskräfte nachhaltig zu verbessern, diese in Changeprozessen zu begleiten und gesetzliche Regelungen im Gesundheitsschutz umzusetzen.

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