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30 Jahre Mauerfall: Zeit, sich von Legenden zu verabschieden!

Die deutsch-deutsche Grenze ist Vergangenheit - doch in unseren Köpfen halten sich die Vorurteile über den "anderen" Teil Deutschlands. Unsere Autoren machen Schluss mit einigen dieser fixen Ideen.

Deutsche Streitlinien verlaufen nicht zwischen Ost und West

Laura-Kristine Krause

Geschäftsführerin, More in Common Deutschland

Laura-Kristine Krause
  • Unsere Studie zeigt: Die Ost-West-Teilung besteht nur noch in unseren Köpfen
  • Uns eint viel mehr, als es die öffentliche Debatte vermuten lässt
  • Die echten Trennlinien unserer Gesellschaft verlaufen an ganz anderer Stelle

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Im Jahr 2019 wurde viel auf Ostdeutschland geschaut – zu Recht. Denn in drei der sechs Bundesländer im Osten fanden dieses Jahr Landtagswahlen statt, und es jährt sich der Herbst der friedlichen Revolution 1989 zum 30. Mal. Doch in TV-Runden und der Presse wird derzeit vor allem gefragt, ob „der Osten“ anders „tickt“ oder was „typisch ostdeutsch“ ist, alles Fragen, die selten über einen anderen Teil von Deutschland gestellt werden. Damit hat der Blick auf Ostdeutschland auch etwas Pathologisches – und betont die Unterschiede zwischen Ost und West eher, anstatt 30 Jahre nach dem Mauerfall zu schauen, was die Menschen miteinander verbindet.

In einer Studie haben wir den Zustand der deutschen Gesellschaft untersucht

Angesichts der großen gesellschaftlichen Spaltung in Ländern wie Großbritannien oder den USA hat uns die Frage interessiert, wie es um den Zustand der deutschen Gesellschaft im Ganzen steht. Wir, das ist More in Common, eine Initiative für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wir wollten wissen: Wie schauen die Menschen in Deutschland auf ihr Land? Was verbindet uns, was trennt uns? Und was erwarten die Menschen sich von der Zukunft? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, haben wir seit Jahresbeginn über 4000 Menschen befragt und Fokusgruppen durchgeführt – in ganz Deutschland. Mit einem innovativen Forschungsansatz ging es vor allem um die grundsätzliche Perspektive, aus der Menschen in Deutschland auf ihre Gesellschaft schauen. Das Ergebnis ist die Studie „Die andere deutsche Teilung“ (www.dieandereteilung.de), die vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde. Sie bietet einen frischen Blick auf den Zustand der deutschen Gesellschaft – und räumt mit dem Eindruck auf, dass Ost- und Westdeutsche sich wesentlich unterscheiden.

Denn die Trennlinien in der deutschen Gesellschaft verlaufen anders, als es die öffentliche Debatte suggeriert. Nicht zwischen Alt/Jung, Rechts/Links oder Stadt/Land, sondern eher zwischen Menschen, die in der Gesellschaft gut verankert sind und sich in ihr zurechtfinden, und denen, für die das nicht der Fall ist. Zum Beispiel fühlen sich 30 Prozent der Deutschen häufig einsam – darunter überraschend viele junge Menschen. Außerdem haben wir viel Gemeinsames in Ost und West gefunden: Ost- und Westdeutsche unterscheiden sich kaum in ihren Grundwerten und ihrer Perspektive auf die Gesellschaft.

Ost und West eint ein gemeinsames Wertefundament, allen Zweiflern zum Trotz

Was unsere Ergebnisse aber ebenfalls zeigen, ist, dass die Unterschiede in unseren Köpfen noch sehr groß sind: So sagen 45 Prozent der Westdeutschen, dass die Ostdeutschen ihre Werte nicht teilen, und 44 Prozent der Ostdeutschen sagen das über die Westdeutschen. Die Menschen in Ost und West sind sich also ähnlicher, als sie es selbst vermuten.

Diese Gemeinsamkeiten sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Menschen in den neuen Bundesländern seit dem Mauerfall ganz andere Erfahrungen gemacht haben als ihre Landsleute im Westen. Aber das Wissen um ein gemeinsames Wertefundament eröffnet vielleicht auch genau den Raum, empathisch über diese unterschiedlichen Erfahrungen zu sprechen.

Für den weiteren Einsatz für gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland wünsche ich mir, dass wir weniger reflexhaft entlang Ost versus West denken, sondern uns abseits dieser Schablonen miteinander beschäftigen – zumal es mittlerweile mehr als eine Generation gibt, die das alles nicht erlebt hat. In einer unserer Fokusgruppen sagte eine junge Frau: „Generation West oder Ost gibt es nicht für mich. Ich bin in Deutschland geboren.“ Das gilt täglich für immer mehr Menschen. Außerdem sagen 73 Prozent unserer Befragten, dass man stolz auf die Wiedervereinigung sein kann, sowohl im Westen als auch im Osten. Darauf lässt sich doch aufsatteln, damit wir zum 40. Jahrestag hoffentlich andere Debatten führen.

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Laura-Kristine Krause
© More in Common
Laura-Kristine Krause

Geschäftsführerin, More in Common Deutschland

Laura-Kristine Krause (Jg. 1985) leitet More in Common Deutschland und baut die gemeinnützige und parteipolitisch unabhängige Organisation seit Juni 2018 auf. Zu den Unterstützern gehört unter anderem die Robert-Bosch-Stiftung. Zuvor leitete Krause das Democracy Lab des Think Tanks Das Progressive Zentrum, nach beruflichen Stationen in der Politikberatung und in Wahlkämpfen in Deutschland und den USA. 2017 und 2018 wurde sie als eine der 40 unter 40 der deutschen Gesellschaft und Wissenschaft ausgezeichnet.

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