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Jeder vierte Azubi wirft hin: Braucht Berufsausbildung mehr Anreize?

Es ist der höchste Wert seit den 90er-Jahren: Einer von vier Azubis bricht seine Ausbildung ab. Wo die Vergütung besonders niedrig ist, halten die wenigsten durch. Brauchen wir einen Mindestlohn?

Die Abbrüche haben nichts mit der Vergütung zu tun

Holger Schwannecke

Generalsekretär, Zentralverband des Deutschen Handwerks

Holger Schwannecke
  • Viele Azubis brechen die Ausbildung nicht ab, sie wechseln Betrieb oder Beruf
  • Die Berufsvorbereitung in den Schulen muss deutlich verbessert werden
  • Mit einem Ticket für den ÖPNV könnten wir Azubis finanziell unterstützen

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Der Wirtschaft insgesamt fehlen Auszubildende. Dieser Nachwuchsmangel hat seine tiefere Ursache darin, dass seit Jahren die Zahl der Schulabgänger pro Jahrgang zurückgeht und aus dieser kleiner gewordenen Gruppe von Schulabgängern immer mehr studieren wollen. Zu lange hat man Jugendlichen eingeredet, nur mit einem Studium in ein erfolgreiches Berufsleben starten zu können. Dieses Bewusstsein ändert sich gerade, auch in der Politik.

Die demografische Entwicklung spürt natürlich auch das Handwerk. Auch wenn wir erstmals seit Jahren wieder einen klaren Zuwachs an Ausbildungsverträgen haben, fehlen uns weiter junge Leute. Insofern bedauern wir, wenn Auszubildende vorzeitig ihre Lehre abbrechen – wie die „Süddeutsche Zeitung“ kürzlich berichtete. Und wir analysieren die Ursachen sehr genau. Dabei stellen wir fest: Es gibt sehr unterschiedliche Ursachen dafür, dass Ausbildungsverträge vorzeitig beendet werden.

Was als Abbruch in die Statistik eingeht, ist vielfach kein Abbruch, sondern ein Wechsel in eine andere Ausbildung oder in einen anderen Betrieb. Was statistisch als Abbruch vermerkt wird, ist tatsächlich bei der Mehrheit der Auszubildenden eine Vertragsauflösung, um dann die Ausbildung in einem anderen Betrieb fortzusetzen. Dabei lässt sich feststellen: Die Menge an Vertragslösungen geht einher mit dem Angebot an Ausbildungsstellen – und das ist derzeit hoch, damit fällt ein Wechsel umso leichter. Die Aussteigerzahlen müssen auch im Verhältnis zu anderen Bildungsbereichen gesehen werden. Im Vergleich zum akademischen Sektor sind die Ausbildungsabbrüche im Handwerk deutlich geringer.

Die Berufsvorbereitung in Schulen muss besser werden

Trotz dieser Entwicklungen dürfen wir die zunehmende Vertragslösungsquote nicht ignorieren. Wir führen diese auch auf die steigende Zahl von Flüchtlingen zurück, die eine Lehre machen. Sprachdefizite und unzureichende Kenntnisse beim Rechnen, Schreiben und Lesen führen vor allem in der Berufsschule zu Problemen – und damit leider auch zu Ausbildungsabbrüchen.

Wir haben außerdem beobachtet, dass immer mehr Lehrlinge zu Beginn ihrer Ausbildung merken, dass der angestrebte Beruf nicht zu ihnen passt. Die Berufsvorbereitung in den Schulen muss deswegen deutlich besser werden. Junge Menschen müssen wissen, was sie in einer Ausbildung erwartet.

Anders als derzeit diskutiert, ist jedoch selten die Ausbildungsvergütung der Grund für den Abbruch einer Ausbildung. Angehende Schornsteinfeger bekommen zum Beispiel deutlich weniger als der Durchschnitt der Lehrlinge. Dennoch lösen sie seltener als in anderen Gewerken ihre Verträge. Lehrlinge in Maurerbetrieben hingegen erhalten deutlich mehr als der Schnitt, ihre Vertragslösungsquote ist trotzdem überdurchschnittlich hoch.

Die Ausbildungsvergütung ist kein Lohn oder Gehalt

Wir dürfen nicht vergessen: Die Ausbildungsvergütung ist kein Lohn oder Gehalt, sondern ein Zuschuss zum Lebensunterhalt. Hinzu kommen das Kindergeld und weitere soziale Förderungen. Azubis sind keine voll einsatzfähigen Arbeitskräfte. Sie lernen noch. Wie hoch die Vergütung eines Auszubildenden ausfällt, ist individuell. Sie richtet sich nach Branche, Region und Leistungsfähigkeit des einzelnen Betriebes.

Eine generelle starre Untergrenze für Ausbildungsvergütungen würde dieser Vielfalt und den regionalen wie branchenüblichen Besonderheiten in keiner Weise gerecht. Deswegen kann nur ein branchenspezifischer Ansatz eine Lösung sein. Dies ist jedoch die Aufgabe von Gewerkschaften und Arbeitgebern, nicht die der Bundesregierung. Ein Mindestlohn für Auszubildende würde die Tarifautonomie aushebeln. Um Auszubildende finanziell besser zu unterstützen, gibt es auch andere Möglichkeiten. Wir können uns ein günstiges Azubi-Ticket für den ÖPNV gut vorstellen. Schließlich bekommt auch ein Student während seiner Ausbildung das Semesterticket.

Veröffentlicht:

Holger Schwannecke
© ZDH/ Schüler
Holger Schwannecke

Generalsekretär, Zentralverband des Deutschen Handwerks

Der Jurist (Jg. 1961) ist seit 2010 Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Seit 1995 ist Holger Schwannecke für den ZDH tätig, zunächst als Leiter der Rechtsabteilung, später als Geschäftsführer des Unternehmensverbands Deutsches Handwerk.

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