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Politik ja, Partei nein: Wie politikverdrossen sind wir Bürger?

Viele würden sich kaum noch für Politik interessieren, klagen Experten und Politiker. Doch zeigen aktuelle Befragungen: Es mangelt nicht an Engagement, sondern an der Identifikation mit den Parteien.

Marieke Reimann
  • Die jungen Generationen müssen mit den Entscheidungen der „Alten“ leben
  • Das Interesse an Politik ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen
  • Argumente wie, die „Jungen“ würden sich nicht einmischen, sind überholt

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Viele junge Menschen wollten weder den Brexit, noch fürchten sie sich vor Flüchtlingen. Sie sind enttäuscht von den älteren Generationen, die für sie zu viele Entscheidungen treffen, mit denen sie in Zukunft leben müssen.

Viel zu oft höre ich den Vorwurf, die sogenannte Generation Y sei viel zu träge, um sich einzumischen. Dabei ist aus ihr längst eine Generation „Why not?“ geworden. Es sind junge Leute, die sich auf Krisen einstellen und auch mit ihnen umgehen können. Doch die demografische Entwicklung spielt den 1980 bis 1999 Geborenen fies in die Karten. Es sitzen kaum Menschen zwischen 18 und 37 Jahren in Parlamenten, lediglich acht Prozent der Mitglieder großer etablierter Parteien hierzulande sind jünger als 30 Jahre.

Der Brexit zeigt: Junge sind in der Mitbestimmung benachteiligt

Klar, Entscheidungen zu treffen braucht oftmals Erfahrung, nur: Die, die am häufigsten Entscheidungen treffen, sind nicht diejenigen, die die meiste Zeit ihrer Zukunft damit verbringen werden.

Ein Beispiel aus dem vergangenen Jahr: Dass Großbritannien aus der EU austritt, ist die Schuld der „Alten“. 80 Prozent der Frauen und Männer zwischen 18 und 24 Jahren stimmten für einen Verbleib in der EU. Dagegen sagten nur 37 Prozent der über 65-Jährigen „In“. Umso höher man die Alterspyramide der Wählerinnen und Wähler hinaufklettert, desto eher stimmten diese für „Raus!“ Was ist das für ein Zeichen an junge Menschen? „Bleib lieber beim Alten, da weißt du, was du hast!“, „Sei vorsichtig statt mutig!“ oder gar „Sei stets skeptisch!“? Das frustriert und enttäuscht.

Steigendes Politikinteresse versus sinkendes Vertrauen

Gerade wurden die Ergebnisse der größten europäischen Jugendstudie, „Generation What“, veröffentlicht. Die Studie, an der fast eine Million Europäer und Europäerinnen zwischen 18 und 34 Jahren teilnahmen, zeigt eines deutlich: Junge misstrauen der Politik. 45 Prozent aller Befragten haben demnach „überhaupt kein Vertrauen“ und 37 Prozent „eher kein Vertrauen“ in Politik.

Neun von zehn Befragten nannten als Hauptgrund für ihr Misstrauen die Zunahme sozialer Ungleichheit. Die gleiche Anzahl war ebenfalls der Meinung, dass das Finanzsystem die Welt bestimme. Deutsche Befragte haben am meisten Sorge vor sozialen Unruhen, davor, nicht genug Geld zum Leben zu haben, und sie machen sich Gedanken um den Zustand der Umwelt. Die Angst vor Zuwanderung spielt eine untergeordnete Rolle.

Junge zeigen kein Interesse an den Parteien – aber an Politik

Wer hier ansetzt und sagt: „Ach, die haben doch eh alle keinen Bock, sich mit Politik auseinanderzusetzen“, irrt gewaltig. Die Shell-Jugendstudie 2015 befragte 2.558 Jugendliche aus Deutschland zwischen 12 und 25 Jahren nach ihren Werten. 41 Prozent gaben dabei an, sich für Politik zu interessieren. Das ist im Vergleich zu vorherigen Ergebnissen der gleichen Studie aus dem Jahr 2002 ein Anstieg um elf Prozent.

Etablierte Parteien profitieren vom wachsenden Interesse der Jugend jedoch nicht. Den Jungen geht es bei ihrem Interesse vor allem um eigene politische Verantwortung: Ein Viertel von ihnen lief schon einmal auf einer Demo mit, und zehn Prozent engagieren sich in Bürgerinitiativen. „Kein Bock“ sieht anders aus.

Der Frust ist zu Recht groß bei jungen Menschen. Sie sind es, die noch am längsten auf dieser Welt leben und für eine Rente arbeiten müssen, von der sie selbst wahrscheinlich gar nichts mehr haben werden. Es wäre also schön, wenn sie mehr eingebunden würden – vom Wahlzettel bis zum Chefsessel.

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Marieke Reimann
© Marieke Reimann
Marieke Reimann

Stellvertretende Redaktionsleiterin, Ze.tt

Als stellvertretende Redaktionsleiterin von „Ze.tt“, dem Online-Angebot des Zeit Verlags für junge Zielgruppen, koordiniert Reimann die täglichen Abläufe und die inhaltliche Weiterentwicklung der Plattform. Bevor sie 2015 die „Ze.tt“-Redaktion mit aufbaute, schrieb sie u.a. für die „Süddeutsche Zeitung“, „11 Freunde“ und „Focus Online“. Als Coach gibt sie Seminare zu Neuen Medien und Storytelling. 2015 zeichnete sie das „Medium Magazin“ als eine der „Top 30 bis 30“-Journalistinnen und Journalisten des Jahres aus.

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