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Digitalisierung: Job-Killer oder Job-Motor?

Roboter als Kollegen, Algorithmen statt Handwerk: Die Arbeitswelt verändert sich rasant. Doch ist die Industrie 4.0 für manche ein Schreckgespenst, blicken andere optimistisch in die Zukunft.

Die Angst vorm Digitalen hemmt Innovationen

Reinhard Clemens
  • Studien warnen vor dem Verlust von Arbeitsplätzen infolge der Digitalisierung
  • Viel zu selten wird dabei aber betont, dass zeitgleich Millionen Jobs entstehen
  • Wir müssen die Digitalisierung entmystifizieren, um die Angst davor zu nehmen

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Ich bin Ingenieur. Technik fasziniert mich. Daher treibt mich auch das Thema Digitalisierung um. Ich würde sagen, ich bin Digitalisierungsoptimist – aber kein blinder und fanatischer. Viele Menschen und Unternehmen haben Angst, „Digital Angst“. Vor Robotern, die sie ersetzen. Vor dem Verlust der digitalen Selbstbestimmung. Vor neuen Wettbewerbern, die mit völlig neuen Geschäftsideen ganze Branchen auf den Kopf stellen. Mehr als 20 Millionen Jobs könnten in Deutschland durch Automatisierung wegfallen, sagt zum Beispiel McKinsey. Solche Prognosen verunsichern, machen Angst – egal wie valide sie sind. Und das verstehe ich.

Wie können wir die Digital Angst bekämpfen? Durch Information, Diskussion und Aufklärung. Deswegen begrüße ich es, wenn das Thema Digitalisierung die reine Technologieecke verlässt und breit diskutiert wird. Der Philosoph Richard David Precht sagt zum Beispiel, die Digitalisierung sei eine Herausforderung, der sich die Gesellschaft noch nicht einmal ansatzweise gestellt habe. Genau solche Diskussionen brauchen wir.

Die Digitalisierung wird Arbeitsplätze vernichten – und neue schaffen

Ich selbst bin davon überzeugt, dass die vierte industrielle Revolution die Art, wie wir arbeiten, verändern wird. Digitalisierung wird jedoch nicht dazu führen, dass alle ihre Jobs verlieren werden. Ja, sie wird Arbeitsplätze kosten – und gleichzeitig neue schaffen. Hier gehe ich also nicht konform mit Precht, der die Hälfte aller Arbeitsplätze gefährdet sieht. Ende Juni hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg eine Studie dazu veröffentlicht. Das Ergebnis bestätigt meine Meinung: Bis 2025 könnte die Digitalisierung 1,5 Millionen Jobs kosten, zeitgleich aber genauso viele neue Jobs entstehen lassen. Oder wie der Digitalverband Bitkom sagt: Allein in Deutschland wachse die Wertschöpfung dank der Digitalisierung bis 2025 um 78 Milliarden Euro.

In der Produktion zum Beispiel entstehen neue Chancen. Im Zuge der Globalisierung sind hier in großem Stil Jobs in Billiglohnländer abgewandert. Jetzt könnte die Digitalisierung die Produktion in Deutschland wieder lukrativ machen, da der Vorteil Billiglohn im Zuge der Digitalisierung an Bedeutung verlieren wird. Dafür brauchen wir allerdings angepasste Ausbildungskonzepte und Arbeitsplatzprofile, obwohl unser Ausbildungsniveau schon vergleichsweise hoch ist. Und mit diesen neuen Anforderungen müssen wir uns befassen. Nicht morgen, sondern noch heute. Denn die Digitalisierung ist weiter vorangeschritten, als manche denken.

Weg vom Hurra- hin zum Realdigitalismus

Wir müssen auch Antworten auf ganz neue Fragen finden. Wie vertragen sich Freiheit und künstliche Intelligenz? Solche Dinge sind zu diskutieren. Damit wir die Digital Angst besiegen. Dafür müssen wir Digitalisierung entmystifizieren. Weg vom Hurra- hin zum Realdigitalismus. Weiterhin gilt es, einen digitalen Kodex zu entwickeln – Leitplanken, in denen sich Unternehmen, Wirtschaft und Gesellschaft sicher bewegen. Leitplanken, die die Basis für einen souveränen Umgang mit der Digitalisierung legen. Denn wir erreichen nur dann die gesellschaftliche Akzeptanz der Digitalisierung, wenn Glaubwürdigkeit und Offenheit die Sonntagsreden der Optimisten und Weltuntergangsprophezeiungen der Pessimisten dominieren.

Und wie gehen Sie mit der Digitalisierung um? Ich freue mich auf die Diskussion!

Veröffentlicht:

Reinhard Clemens
© T-Systems
Reinhard Clemens

CEO, T-Systems

für IT, Digitalisierung, TK, Management, Cloud

Reinhard Clemens (Jg. 1960) ist im Vorstand der Deutschen Telekom AG verantwortlich für das Systemgeschäft des Konzerns und Chief Executive Officer (CEO) von T-Systems. Zuvor arbeitete er bei IBM und widmete sich dort hauptsächlich dem Vertrieb, Service und Outsourcinggeschäft. Dann wechselte Clemens in den Vorstand der Systematics AG und verantwortete danach das Deutschlandgeschäft des US-amerikanischen IT-Outsourcers EDS (später in HP aufgegangen).

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