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Lästige Bonpflicht: Jetzt kriegt ihr die Quittung!

Ob für ein Brötchen oder einen Kaffee - seit Anfang des Jahres werden uns nun überall die Abrechnungen ausgehändigt. Ist das nervige Bürokratie oder der richtige Weg gegen Steuerbetrüger?

Kai Schmidhuber
  • Bäcker rufen aufgrund der Bonpflicht nun zu Protesten auf
  • Dabei muss das Gewerbe den Fehler bei sich selbst suchen
  • Viele Unternehmen der Branche haben die digitale Transformation verschlafen

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Die Bonpflicht erwischt die meisten Bäckereien mit voller Wucht und völlig überraschend. Aber ist sie das wirklich? Überraschend? Nein, ist sie nicht.

Die Sinnhaftigkeit der gesamten Übung, für jede noch so kleine Transaktion einen Bon zu produzieren, der zudem alle Pflichtangaben im Sinne des Steuerrechts enthält, mag ich hier gar nicht beurteilen. Die Begründung der Politik lautet: Um Steuerbetrug in Milliardenhöhe zu unterbinden. Diese sogenannte “Kassensicherungsverordnung”, die auch in anderen europäischen Ländern existiert, soll technisch sicherstellen, dass jede Transaktion auch wirklich erfasst wird. Aber muss man die Bons dafür auch tatsächlich drucken? In Italien kommt es zum Beispiel sogar vor, dass Käufer nach ihrem Einkauf von Steuerfahndern kontrolliert werden - beziehungsweise ihre Bons. Da muss der Bon immer mitgenommen werden, nicht nur bei Garantiekäufen. In Deutschland gibt es seitens der Verbraucher allerdings gar keine Bon-Annahmepflicht.

Das Bäckereigewerbe hat die Digitalisierung verschlafen

Nun beschweren sich aber die Bäcker und rufen sogar zu zivilem Ungehorsam auf: Kunden mögen bitte die Bons sammeln und ihrem Finanzamt als Abfall in den Briefkasten stopfen. Als Protest. Bravo! Tolle Aktion, sehr kreativ.

Ich sehe hier vielmehr, dass das Bäckereigewerbe die letzten 10 Jahre und damit die Digitalisierung komplett verpennt hat. Und zwar kolossal. Die schiere Unmöglichkeit, selbst bei größeren Back-Ketten - und schon gar nicht beim lokalen Bäcker um die Ecke - bargeldlos bezahlen zu können, lasse ich in diesem Beitrag mal großzügig außer Acht. Was würde ich an Geld beim Bäcker lassen, wenn ich nicht immer nur chronisch bargeldlos unterwegs wäre…

Fehlende Kundenbindung verschlimmert das Problem

Aber es wurde noch etwas anderes verschlafen, das sich jetzt böse rächt: die Kundenbindung! “Selbst unsere Stammkunden beschweren sich über die Bons, die keiner will”, meckert ein Bäckereibesitzer in einer großen deutschen Online- Zeitung. Ja, genau! Ihre eigenen Stammkunden! Bei denen sie es offenbar seit Jahren versäumt haben, ein vernünftiges Kundenprogramm anzubieten. Mit Treuebonus, digitalem Stempelheft, Infos zu Inhaltsstoffen, Aktionen und digitalem Kassenbons zum Beispiel.

Beim Brötchenkauf würde der Bon also nicht teuer gedruckt, sondern digital produziert und beim treuen Kunden in dessen App verspeichert, per Email versendet oder im Account hinterlegt. Ein Ausdruck würde schlichtweg entfallen. Und vielleicht sogar verhindert, dass mehr und mehr Kunden zum Brotkauf in Richtung Discounter abwandern. Denn dort druckt und freut man sich über jeden Bon…

Auch für kleinste Betriebe liegt die Lösung so nah

Starbucks macht es seit Jahren erfolgreich vor. Die App des Kaffeeriesen ist eine der weltweit gefragtesten Kundenbindungsprogramme und bietet eigentlich die perfekte Blaupause. Mit digitalem Bon. Und es ist heute nun wirklich nicht mehr so, als müsse man das Rad hier neu erfinden. “CRM as a Service”-Anbieter gibt es wie Brötchen in der Auslage an einem Samstagmorgen. Auch Kleinstlösungen für die Traditionsbackstube auf dem Dorf existieren bereits seit Jahren.

Jetzt argumentieren viele, dass so ein “Technik-Kram” den Bäcker um die Ecke doch überfordere. “Der soll doch Brötchen backen und hat keine IT-Experten in der Backstube rumlaufen.” Stimmt grundsätzlich.

Aber schauen Sie sich doch einmal in der Gastro-Szene genauer um. Es gibt tausende Kleinstbetriebe – Burgerläden, vegane Falafel-Shops, Food-Trucks, Cupcake-Manufakturen, Bio-Bäcker – die allesamt digitale Kundenerfahrungen anbieten. Angefangen von einer vernünftigen Website und sinnvoller Social Media-Präsenz bis hin zu digitalen Touchpad-Kassen, mobiler Bezahlung und elektronischen Kundenkarten. Auch als Ein-Mann- oder Ein-Frau-Betrieb. Die technischen Lösungen dafür liegen allesamt im Regal. Neben einer guten Geschäftsidee zählen sie zum Einmaleins jedes Gründers.

Digitalisierung ist eine Frage des Wollens und Willens

Nein, ich habe wirklich kein Verständnis für den Bon-Aufschrei dieser Tage. Die Reaktion zeigt einmal mehr, dass digitale Transformation in einer Kernbranche noch in den Kinderschuhen steckt. Digitalisierung ist heute keine Frage des Könnens mehr, sondern des Wollens und des Willens.

Ich würde erstmal kleine Brötchen backen und meine digitalen Hausaufgaben machen. Und keine Zeit damit verschwenden, die eigenen Kunden per aufwändig gestaltetem Plakatsaushang zur Randale im Finanzamt zu animieren.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes wurde auch das Portfolio des Autors erwähnt. Da es bei den Klartext-Debatten allein um das Thema geht, haben wir den entsprechenden Abschnitt aus der aktuellen Fassung herausgekürzt.

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Kai Schmidhuber
© Kai Schmidhuber
Kai Schmidhuber

Managing Partner, AI-Retail Demystify Digital!

for Internet & Technologie, Marketing & Werbung, Personalwesen, Wirtschaft & Management

Kai Schmidhuber (Jg. 1982) ist Berater und Redner mit dem Spezialgebiet Digitalisierung und Erfindertum, außerdem Vorstand im Marketing Club Düsseldorf. Nach seinem Start bei Henkel ging er zur Deutschen Post DHL, wo er als Vice President neue Geschäftsfelder, unter anderem Same-Day-Lieferung und Paketdrohnen, aufbaute. Danach war er als Senior Vice President für die Digitalstrategie der Fraport AG (darunter Flughafen Frankfurt) zuständig, bevor er zu L’Oréal wechselte und zum Chief Digital Officer aufstieg.

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