Krise für die Psyche: Wie stark stresst Corona die mentale Gesundheit?

Existenzängste, Sorgen um die eigene Gesundheit und die der Familie: Die Corona-Pandemie wirkt sich massiv auf unser Wohlempfinden aus. Wie kommt man raus aus dem Motivationstief?

Die Coronaerschöpfung ist da – so können wir ihr begegnen

Angelika Rohwetter

Psychotherapeutin, Autorin, Dozentin

Angelika Rohwetter
  • Die Akzeptanz für den Pandemieschutz ist bei vielen der Resignation gewichen
  • Der Grund: Wir fühlen uns der Situation oft ohne Mitspracherecht ausgeliefert
  • Damit aus der Erschöpfung kein Burn-out wird, brauchen wir neue Strukturen

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Zu Beginn der Coronapandemie waren wir eher guter Dinge. Für manche fühlte es sich sogar abenteuerlich an. Und wenn nicht, haben wir die vorgeschriebenen Maßnahmen zumindest unter der Prämisse akzeptiert, dass bald alles vorbei sein würde. Aber es ging nicht einfach vorbei. Der Sommer kam – und damit nicht die Erlösung, die wir erwartet hatten. Uns wurde klar: Wir wissen nicht, wann es vorbei sein wird.

Das Ganze ist etwa so, wie auf einen Urlaub zu warten. Noch sechs Wochen, das ist zu schaffen, dann bittet uns der Chef, noch drei Wochen länger zu arbeiten. Wir sind müde und frustriert, atmen tief durch – und schaffen auch das. Dann aber kommt der Chef und sagt: „Dieses Jahr gibt es keinen Urlaub mehr – und über das nächste Jahr kann ich noch nichts sagen.“

Das führt zu Gefühlen wie Hilflosigkeit und Resignation. Eine tiefe Erschöpfung entsteht. Wie sollen wir das denn bewältigen? Wie lange müssen wir durchhalten? Und was dann?

Coronaviren und Masken passen nicht zu unserem Selbstbild

Wir haben alle eine relativ genaue Vorstellung davon, wie unser Leben aussieht, heute, morgen und in mittlerer Zukunft. Wir haben unerfüllte Wünsche und arbeiten an deren Erfüllung. Wir haben Rituale, wie wir unsere Kontakte pflegen, nehmen Freunde in den Arm, küssen Freundinnen und Enkelkinder. Vor allem haben wir ein Selbstbild. Ein Coronavirus kommt darin nicht vor.

Unser Körperselbstbild sieht uns – halbwegs realistisch – mit unserer körperlichen Erscheinung und unseren Eigenschaften. Im Laufe von Jahren können wir auch Brillen, falsche Zähne oder Schuheinlagen integrieren. Eine Maske kommt darin nicht vor. Langsam wird deutlich, wie viel sich verändert – ohne dass wir ein Mitsprachrecht oder eine Kontrolle über diese Veränderungen haben. Deshalb fühlen wir neben der Hilflosigkeit auch Ärger auf das, was ist, einen Widerstand. Dieser Widerstand macht alles noch schwieriger. Wenn wir eine Arbeit bewältigen müssen, die wir nicht verstehen, nicht für sinnvoll halten, geschieht das Gleiche. Kommt das oft vor, kann daraus ein Burn-out entstehen. Damit ist die Coronaerschöpfung durchaus vergleichbar: Wir leiden zunehmend an einem Corona-Burn-out.

Die Lösung: Leben diesseits der Pandemie

Was können wir tun? Können wir überhaupt etwas tun? Ja, wir können, aber es ist nicht leicht! Wer glaubt denn heute noch, dass es immer leicht sein muss? „Erwarte nichts. Heute: Das ist dein Leben.“ Das hat der kluge, radikale Kurt Tucholsky gesagt. Und genau das scheint mir die Lösung zu sein: Leben wir – mit Gedanken, Gefühlen, Handlungen und Planungen – diesseits der Pandemie.

Dazu gehört viel Disziplin. Wir richten unseren Alltag konsequent ein, mit einer Tagesstruktur, bestehend aus Arbeit, Handlung und Ruhe. Und immer wieder nach schönen Dingen Ausschau haltend: Was bringt Freude in mein Leben – im Hier und Jetzt? Suchen und erleben wir all das Schöne, das auf dieser Seite möglich ist. Realisieren wir, wie die Luft bei unterschiedlichem Wetter riecht; planen wir den nächsten Geburtstag unter Schutzbedingungen. Widerstand zwecklos und ermüdend!

Ria Tiemann, eine engagierte Sportlehrerin, hat gesagt: „Wenn ihr denkt, ihr seid erschöpft, schafft ihr noch die Hälfte von dem, was ihr schon geschafft habt.“ Wir können diese verbliebene Energie nutzen, uns hier einzurichten – ohne den (ständigen) Blick auf das „Und dann?“.

So kehren wir zur anfänglichen Akzeptanz dessen zurück, was gerade ist und was notwendig ist – und heraus aus der resignativen Erschöpfung. Das Leben ist (trotzdem) schön – und Freude und Dankbarkeit sind gute Wirkstoffe gegen den Burn-out. Deshalb noch ein Zitat von Voltaire (1694–1778): „Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein.“

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Angelika Rohwetter
© Angelika Rohwetter
Angelika Rohwetter

Psychotherapeutin, Autorin, Dozentin

Angelika Rohwetter (Jg. 1952) ist Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Bremen. Sie gibt Seminare und verfasst Artikel und Bücher. Zuletzt erschienen sind von ihr "Nur Mut! Vom Umgang mit Ängsten" (Klett-Cotta, 2020) und "Wege aus der Mitgefühlsmüdigkeit" (Beltz Psychologie, 2019).

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