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Gründen in Deutschland: Warum hinken deutsche Start-ups oft hinterher?

Fehlender Mut, mangelnde Innovation, unzureichende Finanzierung: Seit Jahren sinkt die Zahl deutscher Unternehmensgründungen. Hat Deutschland als Gründungsstandort überhaupt noch eine Chance?

Die deutsche Bürokratie verbaut uns Gründern alles

Fabian Silberer
  • Entgegen aller Warnungen von Freunden und Bekannten habe ich gegründet
  • Ich hatte mir staatliche Hilfe erhofft, wurde vom Fiskus aber nur enttäuscht
  • Viel zu viele Vorschriften sind schuld daran, dass immer weniger Leute gründen

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Gründen war schon immer mein Traum. Mit 16 Jahren hatte ich meinen ersten Gewerbeschein in der Hand, um neben der Schule Webseiten programmieren zu dürfen. Das war mein erstes selbst verdientes Geld, und ich war ziemlich stolz. Seitdem gab es für mich nie wirklich eine andere Option, als selbstständig zu sein.

Mein Umfeld sah das leider anders. „Gründen ist Quatsch“, durfte ich mir oft anhören, genauso wie „Du landest früher oder später eh in der Armutsfalle“ oder „Warum gründest du? Es gibt doch genügend gut bezahlte Jobs in Deutschland!“ Ermutigend war das alles nicht.

Natürlich frage ich mich, warum diese Vorurteile in Deutschland noch immer bestehen. Hat denn niemand Lust, etwas Langfristiges aufzubauen, Dinge zu bewegen und zu verändern? Einen Mehrwert für die Gesellschaft zu schaffen?

Wenn ich auf mein direktes Umfeld blicke, habe ich eine Vermutung, was der Grund für die Angst vor dem Gründen sein könnte. Ich bin im Schwarzwald aufgewachsen und komme aus einem ziemlich konservativen Elternhaus. Mein Vater war Landwirt und meine beiden Schwestern Karrierefrauen mit gutem Job. Sie sagten immer zu mir, dass ich mit meinen Fähigkeiten am besten zu SAP gehen sollte, denn da könne man gutes Geld verdienen, hätte viel Urlaub und genügend Zeit für Freunde. Ich erinnere mich auch noch gut an die Geschichte eines selbstständigen Bekannten, der mit 30 Jahren Burn-out bekam und zurück ins Angestelltenverhältnis ging. Das ist genau so eine Erzählung, wie sie die Deutschen lieben. Ein bisschen angsteinflößend, mit dem Fokus auf die Fehler und ja nicht von denen handelnd, die erfolgreich sind, sondern von dem einen, der vermeintlich gescheitert ist.

Deutschland, wie behandelst du deine Gründer?

Allen Vorurteilen zum Trotz entschied ich mich, ein Unternehmen zu gründen. Es gibt schließlich genug Stellen draußen, die einen unterstützen, dachte ich. Doch je mehr Termine mein Partner Marco und ich mit den unterschiedlichsten Personen und Behörden hatten, desto klarer wurde uns, dass man uns eigentlich gar nicht helfen konnte oder wollte und wir auf uns allein gestellt waren. Es gibt zwar gute Angebote und Programme, beispielsweise von den Landesbanken oder der KfW. Die kennt aber niemand, weil sie nicht publik gemacht werden.

Wir hatten uns auch eine Förderung vom Arbeitsamt erhofft. Doch nur wer nicht als Arbeitnehmer vermittelbar ist, bekommt diese Förderung zur Selbstständigkeit. Wir als Informatiker, die auf jeden Fall einen Job finden würden, waren also raus. Und bei unserer Hochschule das gleiche Spiel. Da war es wieder eine kleine Formalie, weshalb es mit dem Exist-Stipendium nicht klappte. Egal wo wir waren, man hatte immer das Gefühl, dass Selbstständigkeit nicht erwünscht, und alles, was mit dem Thema zu tun hat, unnötig zeitintensiv und nervenaufreibend ist.

Apropos zeitintensiv: Wussten Sie, dass man in Deutschland durchschnittlich drei- bis viermal länger braucht, um ein Unternehmen zu gründen, als beispielsweise in Frankreich, Kanada oder Großbritannien? Gewerbeschein, Verträge, Finanzamt, Steuerberater, Anwalt, Versicherungen, Notar und vieles mehr. Das sind unzählige Behördengänge, die auch wir überstehen mussten. Im Schnitt 15,3 Stunden pro Monat verbringt der typische Selbstständige so mit Bürokratie. Natürlich unvergütet. Plus die Zeit für die Steuererklärungen und den Jahresabschluss. In Summe macht das für alle rund 4,4 Millionen Selbstständigen in Deutschland einen Verdienstausfall von 50,3 Milliarden Euro pro Jahr nur durch Bürokratie. Das ist das Bruttoinlandsprodukt von Kroatien!

Es ist falsch, uns Gründern fehlenden Mut vorzuwerfen

Mit der Sozial- und Rentenversicherung sieht es leider nicht anders aus. Das war ein richtiges Chaos bei uns. Marco und ich sind permanent von „sozialversicherungspflichtig“ zu „nicht sozialversicherungspflichtig“ hin- und hergesprungen, weil es das Gesetz so vorschrieb. Dann kam eine Reform, ein neues Gesetz, und es hat sich wieder etwas geändert. Und wieder konnte uns niemand helfen.

Die Region, der Kreis, das Land und der Bund scheinen alle irgendetwas anders zu machen, nur nichts Einheitliches. Warum ist also alles so undurchsichtig und kompliziert?

Ich bin trotzdem froh, gegründet zu haben, und würde es auch immer wieder tun – wären da nicht der Bürokratiewahnsinn und das ganze Gründungschaos. Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen in unserem Land einfach mal überlegen, warum die Zahl der Gründungen seit Jahren stark zurückgeht, statt die Schuld für mangelnde Innovationskraft bei uns Gründern zu suchen? Denn glauben Sie mir: Die Ideen sind da – aber politisch gibt es in Deutschland noch einiges zu tun!


Diskutieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser: Wie bewerten Sie die deutsche Gründerlandschaft? Tut Deutschland genug, um seine Gründer zu fördern? Und haben selbige genug Mumm, um Wagnisse einzugehen? Oder scheuen sich deutsche Gründer noch immer zu sehr vor potentiellen Risiken? Wir sind gespannt auf Ihre Meinung!

Veröffentlicht:

Fabian Silberer
© Silberer
Fabian Silberer

Gründer, Sevenit GmbH

Fabian Silberer begeisterte sich bereits während seines Studiums der Wirtschaftsinformatik Software- und Gründerthemen. Zeitgleich zu seinem Master beschäftigte er sich nicht nur mit der Gründung seineseigenen Unternehmens, der SEVENIT GmbH, sondern auch mit der Frage, wie Gründern und Selbstständigen das häufig lästige Rechnungswesen erleichtert werden kann. 2017 erhielt SEVENIT eine Series-A-Finanzierung in Höhe von 3,1 Millionen Euro. Das Unternehmen beschäftigt mittlerweile über 60 Mitarbeiter.

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