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Ist die deutsche Autoindustrie für die Digitalisierung gerüstet?

Der VW-Skandal war zuletzt das bestimmende Thema. Dabei steht die gesamte Branche vor gewaltigen Umbrüchen: Zur diesjährigen Detroit Motor Show aber werden die Zeichen des Wandels offenbar.

Die Deutschen müssen ihr Schubladendenken aufgeben

Kevin Czinger

Gründer, Divergent Microfactories Inc.

Kevin Czinger
  • Elektromobilität ist nicht die Lösung der Umweltprobleme
  • Wir müssen Autos mit weniger Energie und Material bauen
  • Traditionelle Autohersteller sind in alten Technologien gefangen

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Ein Gespenst geht um in der deutschen Autobranche: Apple, Google, Uber, Faraday und Tesla planen im Silicon Valley eine weltweite Offensive mit selbstfahrenden Elektroautos. Werden sie damit die tragende Säulen der deutschen Industrie zum Einsturz bringen und über VW, BMW und Daimler triumphieren?

Sind die deutschen Hersteller für diese Revolution gerüstet? Ja, aber nur wenn die führenden Köpfe in den Konzernen bereit und in der Lage sind, unabhängig zu denken und nicht dem Hype zu folgen. Um es mit den Worten von Vaclav Smil zu sagen, dem von Microsoft-Gründer Bill Gates geschätzten Autor und Energieexperten: „Der Tesla ist ein völlig überbewertetes Spielzeug für Angeber.“

Dematerialisierung ist die Kraft der Zukunft

Heutzutage sind wir besessen vom Auspuff der Autos und der Idee des autonomen Fahrens. Dabei sind das im Gesamtbild der automobilen Landschaft nur Mosaiksteine – und sicher nicht die bedeutendsten. Dennoch dominieren sie die Medien und die öffentliche Wahrnehmung. Dabei ist die Kraft, die revolutionäre Neuerungen beim Bau der Autos im kommenden Jahrzehnt hervorbringen wird, die Dematerialisierung der Kraftfahrzeugproduktion – also der Einsatz von immer weniger Material in den Autos, während Systeme zur Vermeidung von Zusammenstößen zur Grundausstattung gehören werden.

Rund zwei Milliarden Autos sind in den vergangenen 115 Jahren gebaut worden. Eine mehr als doppelt so hohe Zahl dürfte in den kommenden 35 bis 40 Jahren produziert werden. Das hat gravierende Auswirkungen auf die Umwelt und auf die Gesundheit der Menschen.

Die meisten Emissionen entstehen in der Herstellung

Manche glauben, elektrische Autos oder andere Null-Emissions-Fahrzeuge könnten diese Probleme lösen. Die Wahrheit ist aber, dass ein SUV, also ein sportlicher Geländewagen, mit einem 85 kWh starken Elektromotor und einer 2400 Kilo schweren Batterie zwar keinen Auspuff hat. Aber er richtet einen enormen ökologischen und gesundheitlichen Schaden an. Denn der weitaus größere Teil der Emissionen eines Autos wird beim Bau des Fahrzeugs, der Gewinnung und Verarbeitung der dafür nötigen Rohstoffe und Teile sowie der Entsorgung in die Atmosphäre geblasen. Die Belastung der Umwelt durch die Nutzung des Fahrzeugs spielt eine weitaus geringere Rolle.

Daraus lässt sich nur ein Schluss ziehen: Wenn es um den Schutz unserer Umwelt geht, ist die Frage, wie wir unsere Autos herstellen, weitaus drängender als die Frage, mit welcher Energieform wir sie betreiben. Dematerialisierung – also die Reduzierung von Material und Energie, die man für den Bau eines Fahrzeugs benötigt – ist der einzig wirklich effiziente Weg, der zu sinkenden Emissionen, weitaus geringerem Energieeinsatz und spürbar verbessertem Kraftstoffverbrauch führt – bei der Produktion ebenso wie bei der Nutzung. Zudem bedeutet eine leichtere Bauweise der Autos weniger Abnutzung der Straßen und eine deutlich niedrigere Zahl von Verkehrsopfern: Schon eine Reduzierung des Fahrzeuggewichts um 450 Kilo bedeutet rund 30 Prozent weniger Verkehrsopfer, wie die US-Bundesbehörde für Straßen- und Fahrzeugsicherheit vorrechnet.

Neue Technologien helfen der Umwelt

Die etablierten Autobauer sind Gefangene ihres eigenen massiven Kapitaleinsatzes, der nötig ist, um die Investitionen in die konventionelle Fertigung zu finanzieren. Jeder der heute am Markt operierenden Hersteller von Toyota bis Tesla hat Hunderte von Millionen Dollar aufgewendet, um Autofabriken zu bauen und auszurüsten. Darum müssen sie alles dafür tun, für diese Investitionen die maximale Rendite zu erwirtschaften.

Dabei gibt es inzwischen eine neue technische Basis für die industrielle Fertigung. Dazu gehören Innovationen wie der 3-D-Druck, den deutsche Ingenieure erfunden haben und jetzt zügig weiterentwickeln. Bei Divergent 3D fokussieren wir uns darauf, diese neuen Techniken zu nutzen, um beim Design und der Produktion komplexer Strukturen – wie etwa beim Autobau – radikal weniger Material einzusetzen. Unser Ziel ist es, damit den Umweltschaden, den Autos anrichten, um mehr als 70 Prozent zu reduzieren. Zusätzlich lassen sich die Kapitalkosten des Designs und der Herstellung auf ein Zwanzigstel des bislang üblichen Niveaus senken. Außerdem werden Innovationen beschleunigt. Ein superleichtes Auto, das mit diesen neuen technischen Verfahren gebaut wird, verursacht nur rund ein Drittel des ökologischen Schadens, den Produktion und Nutzung des 85 kWh starken SUV anrichten. Ziel ist es, mit noch weniger Emissionen auszukommen. Außerdem können diese Fahrzeuge in der Region und langlebig gebaut werden. Unser Ansatz ist dabei nur einer von vielen.

Bleiben Sie offen für Neues!

Unsere bescheidene und respektvolle Botschaft an die deutsche Autoindustrie ist daher: Denken Sie langfristig, und fokussieren Sie sich dabei auf eine Analyse der Lebenszyklen der Fahrzeuge, die die gesamte Wirkung dieser Produkte auf unseren Planeten und nicht nur die reinen Abgaswerte berücksichtigt. Seien Sie in diesem Rahmen bereit zu experimentieren, zu schnellen Tests und offen für Innovationen. Legen Sie sich nicht auf eine Technologie fest, bleiben Sie offen für Neues – ganz gleich, ob es um den Antriebsstrang, die Elektronik im Auto oder den Produktionsprozess geht.

Zum Schluss denken Sie stets daran: Wenn aus dem Einsatz einer Technologie eine Ideologie wird, verspielen wir unsere Chance, die anstehenden Herausforderungen – einschließlich der ökologischen – auf rationale und effiziente Weise zu bewältigen. Wir zählen auf Sie! Darauf, dass Sie auch künftig die Führung übernehmen und nicht einem Hype hinterherrennen. Bauen Sie Autos, die weniger Material und Energie brauchen, mehr Funktionen und Fahrvergnügen bieten und dabei auch noch erschwinglicher sind. Es ist möglich; es liegt in Ihrer Hand.


The Germans need to start thinking outside of the box

  • Electromobility is not the solution to the environmental problem
  • We need to build cars that use less material and energy while having greater functionality
  • Traditional automakers are held captive by massive capital investments in old technologies

There is a specter haunting the German car industry. Back in Silicon Valley, Apple, Google, Uber, Faraday and Tesla are planning a global offensive surrounding autonomous and electric cars. Will they disrupt this industrial pillar and triumph over VW, BMW and Daimler?

Is the German automobile industry ready for this revolution? Yes – but only if their executives are ready to think independently and not follow the hype. To quote Bill Gates’ favorite author and energy guru, Professor Vaclav Smil, “The Tesla is an utterly derivative overhyped toy for showoffs.”

The force of the future will be dematerialization

Today we are obsessed by automobile tailpipe emissions and autonomous driving. Those are small pieces in the automotive landscape mosaic and not the most important ones. Yet, they dominate the media and public perception. In our view, the force driving a revolution in automobiles over the next decade will be the dematerialization of automotive manufacturing coupled with large-scale implementation of crash avoidance systems.

Around two billion cars have been built over the last 115 years; and twice that number will be built over the next 35 to 40 years. The environmental and health effects will be enormous. Some think the solution is electric cars or other low- or zero-emission vehicles. The truth is, an 85 kWh electric SUV with a king-size-mattress-format battery weighing 2,400 kilos may not have a tailpipe, but it has an enormous impact on our environment and health. A far greater percentage of a car’s total emissions comes from the materials and energy needed to manufacture a car (mining, processing, manufacturing, and disposal), not the car’s operation.

How we make our cars is the biggest environmental issue

The conclusion from this is straightforward: how we make our cars is actually a bigger environmental issue than how we fuel our cars. We need to focus our innovation not just on automotive products, but equally on the process by which those products are made. Dematerialization – that is, reducing the materials and energy needed to build a car – is the only effective way forward. It will lead to far fewer emissions from both manufacturing and operation, much lower material and energy inputs in manufacturing, dramatically improved gas mileage, and lower wear on roads. It will also help reduce fatalities from car accidents: The U.S. National Traffic and Safety Commission’s research has shown that a reduction of 1,000 pounds in vehicle weight would lower traffic accident fatalities by 30 percent.

New technologies are helping our environment

Traditional automakers are held captive by the massive capital investments required to build cars using conventional methods. Every one of today’s car companies, from Toyota to Tesla, has invested hundreds of millions of dollars in every car factory it has built. That means they must organize everything they do around generating a maximum return on that investment.

However, we now have a new technology base for industrial manufacturing. That base includes innovations such as 3D metal printing that German inventors and companies created and are rapidly driving forward. At Divergent 3D, we are focused on using this new technology base to radically dematerialize the design and manufacture of complex structures, such as automobiles. Our objective is to reduce the environmental damage cars cause by over 70 percent, lower capital costs for design and manufacturing 20 times or more, and dramatically accelerate innovation. A super-lightweight car built using this technology generates only a third of the total health and environmental damage of an 85 kWh electric car. We aim to drive that figure down even further. And it can be made locally and built to last. Ours is just one approach to the dematerialization process; there will be a number of others.

Stay opened for new technologies!

This is our humble and respectful message to the German car industry: Over the long term, focus on a life-cycle analysis that looks at total product impact on our planet, rather than simply tailpipe emissions. Within that life-cycle framework, experiment, test rapidly and innovate; be technology agnostic – be it related to drivetrains, electronics or manufacturing processes. Finally, always remember that when a technology becomes an ideology, we lose any chance of facing our challenges – including environmental degradation – in a rational and effective way. We are rooting for you to continue to lead, not follow, the hype. Build cars that use less material and energy while having greater functionality, affordability and Fahrvergnuegen. It is possible, and it starts with you!

About the author:

Kevin Czinger is the founder of Divergent Microfactories Inc. With this company he intends to revolutionize the automotive industry. He started his career as a banker and consultant with posts at Goldman Sachs and Bertelsmann AG. Afterwards, he founded a company called Coda Automotives where he developed one of the world’s first electric cars. Today he produces lightweight vehicles whose entire chassis are produced using a 3D printer.

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Kevin Czinger
© Getty Images
Kevin Czinger

Gründer, Divergent Microfactories Inc.

Kevin Czinger ist Gründer des Unternehmens Divergent Microfactories Inc., mit dem er die Autobranche revolutionieren will. Nach seiner Karriere als Banker und Berater unter anderem bei Goldman Sachs und der Bertelsmann AG, gründete Czinger 2009 zunächst das Unternehmen Coda Automotives, mit dem er eines der ersten Elektro-Autos weltweit entwickelte. Inzwischen tüftelt er unter dem Dach der Firma Divergent Microfactories Inc. an Leichtbaufahrzeugen, dessen Chassis komplett per 3D-Drucker hergestellt wird.

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