Probleme beim Einloggen

Wachsende Wohnungsnot und steigende Mieten – Müssen wir mehr bauen?

Wohnraum wird immer teurer und knapper – nicht nur in Städten, auch außerhalb der Ballungsräume. Wie und wo soll der Mensch künftig bauen?

Die gesellschaftliche Relevanz ist wichtiger als der Gewinn

Rupert Voß
  • Die Rekordzahlen beim Wohnungsbau zeichnen ein irreführendes Bild
  • Nicht die Masse sollte entscheidend sein, sondern die Nachhaltigkeit
  • Die Kommunen müssen aufhören, den Höchstbietenden zu bevorzugen

6.154 Reaktionen

25 Prozent mehr Baugenehmigungen als im Vorjahr, etwa 300.000 fertiggestellte Wohneinheiten. Wer die nackten Zahlen betrachtet, könnte meinen, Deutschland sei im Bereich Wohnungsbau auf einem guten Weg, Niedrigzinsen und knappem Wohnraum sei Dank. Doch weit gefehlt: Selbst mit diesen Rekordzahlen ist der tatsächliche Bedarf des Landes noch immer nicht gedeckt. Was aber mindestens genauso schwer wiegt wie die Unterversorgung, ist die Ideenlosigkeit und mangelnde Qualität der Projekte. Es fehlen schlicht gesellschaftlich relevante und soziale Konzepte. Denn so profitieren nur die Bauherren von dem Boom, der vor allem von Renditeoptimierung getrieben ist. Qualität und Nachhaltigkeit bleiben auf der Strecke, weil kaum einer überhaupt die Frage stellt, was Menschen wirklich benötigen. Eine Verdichtung des Wohnraums ergibt nur dann wirklich Sinn, wenn sie intelligent ist.

Wohnen will man nur in einem lebenswerten Umfeld

Dabei ist der fehlgeleitete Wohnungsbau vor allem das Ergebnis eines tiefgreifenden Missverständnisses. Viele Projektentwickler und Investoren sehen einen unüberwindbaren Widerspruch zwischen gesundem Gewinn und sozialer Orientierung eines Projekts. Ihr Kompass sind Kostenstrukturen und Zielgruppencluster anstatt nötiger Infrastruktur und regionaler Voraussetzungen. Dabei bräuchte Deutschland Projekte, die die gesamte Gesellschaft abbilden: Familien wie Singles, Young Professionals wie Best Ager, Nine-to-five-Worker wie Schichtdienstmitarbeiter, Doppelverdiener wie Schwächergestellte oder pflegebedürftige Menschen. Dass beides möglich ist, einen gesunden Gewinn erwirtschaften und gesellschaftlich relevanten Wohnraum schaffen, kann ich als Entwickler und Geschäftsführer des Generationenwohnprojekts „Dahoam im Inntal“ in Brannenburg, in dem 300 Einheiten für 800 Menschen entstehen, bestätigen.

Doch dafür müssen die Bauherren verantwortungsvoller agieren, gesellschaftliche Entwicklungen in die Projekte einbringen und aufhören, die Rendite bis zur letzten Kommastelle zu optimieren. Das lässt sich mit einer ganz einfachen Formel auf den Punkt bringen: Wohnen will man nur in einem für sich lebenswerten Umfeld. Das kann je nach Stadt oder Land die Nahversorgung sein, die Kinderbetreuung, die Pflegekonzepte oder auch die Gewerbeeinheiten für den fehlenden Supermarkt – alles Stellschrauben, an denen die Entwickler selbst mitwirken können.

Der Mehrwert für den Mieter schafft eine Alleinstellung auf dem Markt

Ich behaupte sogar: Wenn die Projektverantwortlichen nur fünf Prozent ihrer Rendite ideenreich reinvestieren, können sie ihre Konzepte deutlich aufwerten – und Kapital auch einen sozialen Mehrwert verleihen. Zum Beispiel mit der Auflage eigener, von der Politik unabhängiger Förderprogramme für Alleinverdiener oder Familien mit vielen oder pflegebedürftigen Kindern, um auch ihnen den Erwerb von Wohneigentum zu erleichtern. Dabei muss diese soziale Orientierung kein Selbstzweck sein – kann sie jedoch. Denn auf diese Weise schaffen sich Entwickler auch eine Alleinstellung auf dem Markt – und einen Vorteil gegenüber dem Wettbewerb.

Dafür müsste auch mit üblichen Marktgesetzen aufgeräumt werden. Denn solange Kommunen, die Länder oder auch der Bund ihre Flächen an den Höchstbietenden veräußern, ohne die Konzepte dahinter zu berücksichtigen, bleibt die Realisierung solcher Projekte schwierig. Dass es trotzdem funktioniert, beweisen wir mit unserem Wohnprojekt Dahoam im Inntal in Oberbayern, mit dem wir die Vision vom modernen Wohnraum und generationenübergreifender Lebensgestaltung tatsächlich umsetzen – und wollen das Konzept nun auch bundesweit ausrollen. Nachahmer und Mitwirkende sind herzlich willkommen, denn letztlich wollen wir mit diesem Musterprojekt ein Beispiel dafür geben, wie gesellschaftlich relevanter Wohnraum aussehen kann.

Veröffentlicht:

Rupert Voß
© Rupert Voß
Rupert Voß

Geschäftsführer, Innzeit Bau GmbH

Der Schreinermeister und eigene Bauherr ist Geschäftsführer der Baufirma Innzeit Bau und leitet seit 2011 das Wohnprojekt Dahoam im Inntal. Auf einem ehemaligen Kasernengelände im oberbayrischen Brannenburg sollen 800 Menschen jeden Alters miteinander leben. Zentrales Anliegen ist für Rupert Voß, Vater von fünf Kindern, der generationenverbindende Aspekt des neuen Wohn- und Lebensraums für ein kooperatives Miteinander von Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen.

Mehr anzeigen

Werden Sie kostenlos XING Mitglied, um regelmäßig Klartext-Debatten zu aktuellen Themen zu lesen.

Als XING Mitglied gehören Sie zu einer Gemeinschaft von über 14 Mio. Berufstätigen allein im deutschsprachigen Raum. Sie erhalten zudem ein kostenloses Profil und den Zugang zu spannenden News, Jobs, Gruppen und Events.

Mehr erfahren