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Brauchen wir einen Weltfrauentag?

Bis 1958 durften Frauen ohne Einwilligung des Ehemanns kein Bankkonto eröffnen, bis 1977 nicht ohne Erlaubnis arbeiten. Das ist zum Glück Vergangenheit. Doch ist der Kampf für mehr Rechte beendet?

Die „göttliche Ordnung“ ist noch nicht verschwunden

Petra Rohner
  • Das Ringen um die Gleichstellung ist noch längst nicht vorbei
  • Frauen werden bei Bewerbungen um Spitzenpositionen insgeheim benachteiligt
  • Sobald Väter mehr in die Erziehung einsteigen, wird die Wirtschaft umdenken

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Ich kann mich sehr gut an den 9. März 2017 erinnern: In der Schweiz startete der Film „Die göttliche Ordnung“ von Regisseurin Petra Volpe. In diesem Film geht es um die Zeit, als das Frauenstimmrecht in der Schweiz noch nicht gesetzlich verankert war und Frauen, die das Recht auf Gleichstellung einforderten, beschimpft und gesellschaftlich als Unruhestifterinnen verurteilt wurden. Selbst viele Frauen bezeichneten es damals als „göttliche Ordnung“, dass Männer die politischen Entscheidungen treffen.

Ist Chancengleichheit tatsächlich heute selbstverständlich?

Ich hatte das Glück und die Gelegenheit, diesen Film in einer Vorpremiere mit 300 Frauen zu erleben. Sehr viele Grossmütter und Mütter waren mit ihren Töchtern und Enkelinnen gekommen. Die Gesichter, Äusserungen und Reaktionen der jungen Frauen nach dem Film sprachen Bände. Einheitlich war ein Unverständnis sichtbar, dass Männer in der Schweiz so lange das Leben der Frauen bestimmt hatten; dass es eine Zeit gab, in welcher es den Frauen in unserem Land nicht möglich war, eigenständig einen Vertrag abzuschliessen, ein Bankkonto zu eröffnen oder ihre politische Stimme abzugeben. Das ist eine so grosse Ungeheuerlichkeit, dass sich die jungen Frauen einfach nicht erklären konnten, warum ihre Mütter, Grossmütter und „Vorbilder“ das vielfach so hingenommen hatten.

In den Gesprächen hörte ich Aussagen wie: „Das wäre mir nie passiert“ und „Das hätte ich nie akzeptiert“, ja sogar: „Wie kann man sich selbst so aufgeben?“.

Verständlich, denn vom ersten Schultag an wird den Mädchen von heute vermittelt: Ihr könnt alles werden, was ihr wollt. Da auch die Gleichstellung gesetzlich geregelt ist, glauben viele junge Frauen, dass Chancengleichheit eine Selbstverständlichkeit ist.

Die Benachteiligung von Frauen findet immer noch statt, ist aber besser versteckt

Doch Ungerechtigkeit, wie sie vor 1971 noch klar ersichtlich war, besteht auch heute noch, nur ist sie oft besser versteckt oder gut verpackt. Warum sind wir nur scheinbar dort angekommen, wo die Vorreiterinnen von 1971 die Frauen gesehen haben? Natürlich hat es in der Schweiz noch viele strukturelle Probleme, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie angeht. Natürlich gibt es noch viele Firmen, die noch nicht erkannt haben, dass sie ihrer Positionierung als attraktiver Arbeitgeberin schaden, wenn sie die Rahmenbedingungen für Vereinbarkeit von Führungsposition und Familie nicht schaffen.

Das Problem liegt nicht nur bei den politisch ungelösten Fragen wie „Vaterschaftsurlaub“ und „Elternzeit nach der Geburt“. Es liegt oft an der Tatsache, dass die Gleichstellung für junge Frauen so selbstverständlich ist, dass sie nicht mehr thematisiert wird.

Nur damit kann erklärt werden, dass viele gut ausgebildete Frauen bei der Familienplanung die eigene Karriere nicht in gleichem Masse berücksichtigen, wie es ambitionierte Männer machen. Das freiwillige Zurückstecken der Frauen bei der Karriere bewirkt, dass Firmen die Notwendigkeit von Veränderungen nicht sehen und nicht aktiv angehen. So werden beispielsweise immer noch zu wenig 80-Prozent-Anstellungen bei Firmen für Kaderpositionen eingeplant. Frauen mit Kindern oder der Absicht, eine Familie zu gründen, erleben dann die Realität, dass trotz offizieller Gleichstellung ihre Chancen geschmälert werden.

Es braucht einen neuen Kampf – zusammen mit den jungen Vätern

Es braucht deshalb wieder einen neuen, anderen Kampf, jedoch ähnlich positioniert wie der von 1971. Es braucht den Kampf der Männer auf das Recht, sowohl Führungsperson wie auch präsenter, fürsorglicher Vater zu sein. Erst wenn die Väter klar kommunizieren, dass sie ihren Anteil an der Erziehung der Kinder mittragen möchten, gleichzeitig aber auch die Kaderpositionen weiterhin bekleiden wollen, wird die Wirtschaft ihren Blick in Bezug auf die Mütter und deren Karrieren ändern.

Es ist an der Zeit, die vermeintliche „göttliche Ordnung“ definitiv abzuschaffen, indem Mann und Frau so viel Druck auf Politik und Wirtschaft geben, dass gleicher Lohn und gleiche Rechte nicht mehr länger ein Papiertiger bleiben.


Diskutieren Sie mit: Welche Erfahrungen haben Sie als Frau, Kollege bzw. Kollegin und Vorgesetzter oder Vorgesetzte gemacht? Inwiefern sind Frauen nach benachteiligt?

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Petra Rohner
© Petra Rohner
Petra Rohner

Dozentin und Referentin, PR Consulting GmbH

for Frauen, Business, Networking, Netzwerke

Petra Rohner ist Dozentin und Seminarleiterin zum Thema „Netzwerke im Bewerbungsprozess“. Mit PR Consulting GmbH ist sie Ansprechpartnerin für Universitäten, Hochschulen, Institutionen und in der Outplacement Beratung. Als XING Ambassadorin betreut sie die Gruppe SWONET (Swiss Women Network), inzwischen das grösste Frauen-Businessnetzwerk der Schweiz. Diese Vernetzung wird aktuell im XING auch auf Deutschland und Österreich ausgeweitet.

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