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Hörsaal statt Werkbank: Muss denn wirklich jeder studieren?

Kurz vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres sind mehr als 170.000 Plätze noch unbesetzt. Statt einer klassischen, handwerklichen Ausbildung ziehen viele junge Leute heute ein Studium vor.

Die Nachwuchskrise des Handwerks ist hausgemacht

Florian Haggenmiller

Abteilungsleiter Jugend und Jugendpolitik, Dt. Gewerkschaftsbund (DGB)

Florian Haggenmiller
  • Viele Auszubildende fühlen sich als billige Arbeitskraft ausgenutzt
  • Die Quote der Ausbildungsabbrecher ist dementsprechend hoch
  • Das Berufsbildungsgesetz muss gänzlich neu geregelt werden

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Eine Berufsschule mitten in Deutschland. Eine Klasse Auszubildende im zweiten Lehrjahr, die den Beruf des Bäckers erlernen, will mit uns, den Gewerkschaftern von der DGB-Jugend, reden. Unser Thema hört sich trocken an: Rechte und Pflichten in der Berufsausbildung. Aber das hat’s in sich.

Klar ist: Lange vor Sonnenaufgang aufzustehen, wenn die Freunde noch im Tiefschlaf schlummern, ist für diese jungen Menschen Alltag, es gehört zu ihrem Beruf. Darüber beschweren sie sich nicht. Aber über viele andere Vorfälle sind die Auszubildenden richtig verärgert.

So arbeiten einige in einer Großbäckerei. Sie fühlen sich als billige Arbeitskräfte ausgenutzt, berichten von Elf-Stunden-Schichten, in denen sie am Fließband vor dem Backofen stehen und Käse in Teigrohlinge drücken. Den Beruf des Bäckers haben sie sich anders vorgestellt. „Jeden Tag Käsestangen, das kann doch nicht alles sein.“ Nicht selten arbeiten sie sechs Tage am Stück. Am Ende der Schicht, nachdem Meister und Gesellen sich in den Feierabend verabschiedet haben, beginnt für die Auszubildenden die Putzschicht. Sie allein sind dafür verantwortlich, die gesamte Backstube zu reinigen. Was die Auszubildenden besonders empört, ist, dass sie keine Ansprechperson haben, an die sie sich wenden können, um auf ihre Situation hinzuweisen. Jemand, der sich für sie einsetzt, der sich in der strengen Hierarchie der Bäckerei für sie und ihre Rechte als Auszubildende starkmacht.

Die Missstände sind bekannt – aber es ändert sich nichts

Dieser Unmut bleibt nicht im Betrieb, sondern hat Konsequenzen: Laut dem Berufsbildungsbericht der Bundesregierung haben 2015 über 40 Prozent der Bäcker-Azubis ihre Ausbildung vorzeitig abgebrochen. Auch der Ausbildungsreport der DGB-Jugend deckt Jahr für Jahr in den Handwerksberufen gravierende Missstände bei der Ausbildungsqualität auf, nicht nur in Backstuben. Vor allem Überstunden sind ein großes Problem: Jeder vierte Auszubildende kommt auf eine Arbeitszeit von über 40 Stunden in der Woche, weit mehr als in anderen Ausbildungsberufen. Fast die Hälfte der Auszubildenden wird vom Ausbildungsbetrieb nicht über die betrieblichen Inhalte der Ausbildung informiert.

Diese Ergebnisse sind nicht neu, doch es ändert sich nichts. Anstatt die Bedingungen in den Ausbildungsbranchen und Ausbildungsbetrieben zu verbessern, die unter Nachwuchsmangel und Abbrechern leiden, werben die Arbeitgeberverbände fleißig und mit viel Aufwand um neue Auszubildende. Doch die jungen Leute haben sich längst entschieden und suchen sich andere Ausbildungsberufe mit besseren Bedingungen.

Betriebe müssen etwas bieten

Keine gute Werbung für eine Branche, die jeden Einzelnen braucht, um ihren Fachkräftebedarf auch zukünftig zu decken. Die Folge: Vor allem Betriebe in ländlichen Regionen und Kleinstbetriebe klagen über fehlende Auszubildende. Um die jungen Menschen auf dem Land zu halten, müssen die Betriebe ihnen endlich etwas bieten: langfristige Beschäftigungsperspektiven, Weiterbildung und Aufstiegsmöglichkeiten, transparente Strukturen und eine gute Ausbildungsvergütung. Genau daran mangelt es aber in vielen Betrieben.

Grund für den Azubi-Mangel sind aber auch gestiegene Ansprüche: Der Blick in die IHK-Lehrstellenbörse zeigt, dass für rund zwei Drittel aller Ausbildungsberufe der Hauptschulabschluss nicht mehr ausreicht. Damit nicht nur AbiturientInnen in den Be-trieben eine Chance haben, müssen die sogenannte Assistierte Ausbildung und ausbildungsbegleitende Hilfen stärker genutzt werden, die sowohl die Betriebe als auch die Auszubildenden mit Förderungsbedarf unterstützen.

Junge Menschen haben ein Recht auf eine gute Ausbildung

Eine andere gute Lösung ist die Idee, auch jungen geflüchteten Menschen den Weg in die Handwerksbetriebe zu öffnen. Doch die Ergebnisse des Ausbildungsreports warnen: Fast jeder dritte Auszubildende (27,1 Prozent) mit Migrationshintergrund im Handwerk gab an, aufgrund der eigenen Herkunft bereits schlechte Erfahrungen gemacht zu haben. Das Handwerk muss diese Missstände in den Betrieben dringend abstellen. Das, und nicht das Meckern über mangelnde Ausbildungsreife, wäre mal eine gute Werbekampagne.

Für uns als Gewerkschaftsjugend steht fest: Junge Menschen haben ein Recht auf eine gute Ausbildung. Damit sich die Nachwuchskrise, wie sie das Handwerk gerade erlebt, nicht zu einer Krise der dualen Ausbildung insgesamt entwickelt, muss das Berufsbildungsgesetz neu geregelt werden, in dem die wichtigsten gesetzlichen Regelungen für die Ausbildung festgelegt sind, um die Qualität in der Ausbildung und damit auch die Attraktivität deutlich zu steigern. Politik und Betriebe müssen nur endlich gut zuhören: Die Auszubildenden zeigen uns seit Jahren auf, wo die Probleme, auch im Handwerk, liegen.

Veröffentlicht:

Florian Haggenmiller
© DGB
Florian Haggenmiller

Abteilungsleiter Jugend und Jugendpolitik, Dt. Gewerkschaftsbund (DGB)

Florian Haggenmiller (Jg. 1982) ist Bundesjugendsekretär und Abteilungsleiter Jugend und Jugendpolitik beim Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Der ausgebildete IT-Systemelektroniker war mehrere Jahre als betrieblicher Interessenvertreter in der Jugend- und Auszubildendenvertretung bei der Deutschen Telekom in Kempten tätig, bevor er 2006 Vorsitzender der Konzernauszubildendenvertretung der Deutschen Telekom in Bonn wurde und später politischer Referent beim Bundesvorstand des Gewerkschaftsbundes.

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