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Wirtschaftswunder China – Sind wir zu naiv gewesen?

Für China galt sehr lange nur „höher, schneller, weiter“. Doch auf einmal lahmt die Konjunktur; die Nervosität bei Exporteuren und Anlegern steigt. Was können wir von China künftig noch erwarten?

Die offiziellen Zahlen sind nicht die ganze Wahrheit

Prof. Dr. Carsten A. Holz

Hong Kong University of Science & Technology

Prof. Dr. Carsten A. Holz
  • Im Statistischen Büro sind zehn Beamte für 40 Millionen Betriebe zuständig
  • Einzig eine umfassende Wirtschaftsprüfung liefert valide Zahlen
  • Der Einfluss des Politbüros auf die Zahlen ist dennoch begrenzt

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Das Wachstum Chinas ist seit 1978 unaufhaltsam. Und es sind immer nur beeindruckende Zahlen, die vorgelegt werden: Alle sieben bis acht Jahre verdoppelt sich demnach sogar das Realeinkommen. Zu schön, um wahr zu sein? Für einige Kritiker durchaus: Sie bezichtigen das Statistische Büro Chinas der Datenfälschung. Allerdings: An konkreten Beweisen mangelt es.

Ganze zehn Leute sind in der nationalen Einkommensabteilung des Statistischen Büros für die Auswertung der Daten zuständig. Wie kommt diese kleine Gruppe nun zu ihrer veröffentlichten Zahl für das Bruttoinlandsprodukt eines solch gigantischen Wirtschaftsriesen? Knapp zehn Millionen Unternehmen operieren in der Volksrepublik China, dazu noch 30 Millionen Kleinstbetriebe, von der Schattenwirtschaft ganz zu schweigen.

Als Grundlage dienen einige Tausend Großbetriebe

Wenn das Statistische Büro bereits kurz nach Ende eines Quartals die Wachstumsrate bekannt gibt, dann kann es nicht über die Zahlen von Millionen Produktionseinheiten verfügen. Es besitzt lediglich Daten von einigen wenigen Tausend Großbetrieben in Industrie, im Bauwesen, im Handel, im Hotelwesen und im Immobilienwesen. Zusammen produzieren diese Großbetriebe möglicherweise ein Drittel von Chinas Bruttoinlandsprodukt. Weitere Quellen sind die (weniger zuverlässigen) Zahlen von weiteren mehreren Hunderttausend Betrieben, die monatlich über das Internet an die Behörde berichten. Außerdem hat das Statistische Büro durch hauseigene Stichproben einen Einblick in die Welt der Kleinstbetriebe.

Unterm Strich lässt sich also festhalten: Die nationalen Quartalszahlen basieren zunächst auf den Zahlen einiger Tausend Großbetriebe. Der subjektive Eindruck der Statistiker vom Rest der chinesischen Wirtschaft fließt dann mehr oder minder nebenbei mit ein.

Das Statistische Büro hat auch seinen Stolz

Sind es also wirklich nur jene zehn Leute in der Abteilung des Statistischen Büros, die diese weltweit wichtigen chinesischen Bruttoinlandsproduktzahlen erschaffen? Ja und nein. Tatsächlich machen sie die harte Arbeit. Doch wo die endgültige Zahl herkommt, weiß keiner. Es ist durchaus vorstellbar, dass der Präsident des Statistischen Büros zusammen mit seinem Vizepräsidenten gern das letzte Wort hat. Und wie es in China nun einmal so ist, ist diese elitäre Gruppe gleichzeitig die Parteizelle der Kommunistischen Partei, die im Statistischen Büro sitzt. Allerdings ist kaum davon auszugehen, dass der Parteisekretär der Kommunistischen Partei, Xi Jinping, bei seinen Parteigenossen im Statistischen Büro anruft und ihnen mal eben die neueste Wachstumsrate durchgibt. Dafür ist Chinas Staatsführung zu professionell – auch der Stolz der chinesischen Behörde sollte nicht unterschätzt werden.

Trotzdem weiß jeder im Statistischen Büro, wie wichtig die von ihnen ermittelten Zahlen für die Parteiführung sind: Sie erscheinen nicht ohne Grund auf der ersten Seite der Volkszeitung. Somit bewahrt man sich einen gewissen Spielraum – wie übrigens überall auf der Welt. Erst nach der großen Wirtschaftsprüfung, die alle fünf Jahre stattfindet, hat man die Möglichkeit aufzuräumen. Im Falle Chinas hat das bisher immer eines bedeutet: ein höheres Bruttoinlandsprodukt.

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Prof. Dr. Carsten A. Holz
© Carsten A. Holz
Prof. Dr. Carsten A. Holz

Hong Kong University of Science & Technology

Prof. Dr. Carsten A. Holz (Jg. 1964) lehrt an der Hong Kong University of Science & Technology und forscht zur chinesischen Konjunktur. Sein Fokus liegt auf dem chinesischen Wirtschaftswachstum, der regionalen Wirtschaftsentwicklung und der Statistik. Sein Interesse für China entdeckte er 1984, bei seinem Studium der Volkswirtschaften und des Regionalstudiums China in Tübingen. Er war zuletzt Gastprofessor an der Harvard University.

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