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Digitale Transformation: Wieso verläuft die Digitalisierung so mühsam?

Die digitale Transformation ist für viele Unternehmen Schrecken und Chance zugleich. An allen Enden versuchen Firmen sie umzusetzen, der Erfolg ist aber nicht immer garantiert.

Prof. Dr. Jürgen Seitz
  • Der begrenzte Blick der Politik auf die Digitalisierung ist ein Problem
  • Auch viele Großunternehmen nehmen den digitalen Wandel nicht ernst genug
  • Die Politik muss Investitionsanreize schaffen und Leuchttürme erbauen

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Wer sich aktuell die Diskussion um Digitalisierung während der Regierungsbildung anschaut, der ist zu Recht schockiert. Da wird Digitalisierung als Infrastruktur behandelt. „Schnelles Internet für alle“, lautet die Devise. Der Ausbau unserer digitalen Infrastruktur ist mit Sicherheit wichtig, was aber in der gesamten Diskussion zu kurz kommt, ist ein Verständnis über die Bedeutung der Frühphase der Innovation und für das Potenzial radikal neuer Technologien und deren Anwendung.

Warum das wichtig ist? Die Werttreiber in der Ökonomie der Zukunft werden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in radikal anderen Technologien finden als im schnellen Internetzugang. Die Nachfrage nach schnellem Internet ist da, die Technik auch. Es gilt, umzusetzen, zu regulieren und gegebenenfalls auch mal zu incentivieren. Aber unsere digitale Zukunft ist das nicht.

Was Technologen und Risikokapitalgesellschaften weltweit beschäftigt, liegt in anderen Bereichen: Blockchain, Kryptowährung, künstliche Intelligenz, Augmented and Virtual Reality. Alles, was heiß diskutiert wird, findet in den politischen Programmen kaum statt.

Wer zu spät reagiert, verliert den Anschluss

Das ist ein Problem, denn die Gefahr bei radikaler, nicht inkrementeller Innovation ist ihr häufig anzutreffender exponentieller Charakter. Sie beginnt langsam, aber mit den ersten Killerapplikationen startet die Technologie durch. In der Frühphase werden Assets aufgebaut, die es späteren Einsteigern unglaublich schwer machen, noch in das Zukunftsfeld reinzukommen.

Ein Beispiel: Trotz seiner Dominanz bei Betriebssystemen ist es Microsoft nicht gelungen, das Mobiltelefon „zu knacken“. Es war für App-Entwickler einfach nicht wirtschaftlich, neben Android und Apple noch ein weiteres Betriebssystem zu bedienen. Das Produkt war dadurch trotz guter Software nicht wettbewerbsfähig.

Wenn heute die Firma DeepL im Bereich der Übersetzung Google aus Deutschland heraus Paroli bietet, dann liegt das zum einen an schlauen Kombinationen von neuronalen Netzen, aber mit Sicherheit auch an einer frühzeitig aufgebauten Datenbank mit vorhandenen Übersetzungen, mit denen sich die AI-Systeme einfach besser anlernen lassen.

Das Verständnis für exponentielle Innovation kommt übrigens nicht nur in der Politik zu kurz, auch viele Unternehmen nehmen eine abwartende Haltung ein, schließlich ist die Digitalisierung ja nur einer von vielen Megatrends, die unsere Wirtschaft bestimmen.

Da ist zum Beispiel die Globalisierung, bei der sich die deutsche Wirtschaft sehr gut aufgestellt hat. Was bei Technologie und digitalen Technologien aber problematisch ist, ist eben genau diese brutale Mechanik der Notwendigkeit einer rechtzeitigen Positionierung. Wer zu spät kommt, hat schon verloren.

Gleichzeitig besteht in der Frühphase das enorme Risiko, massiv Gelder zu verbrennen. Das liegt in der Natur der Sache. Es ist aber alternativlos für viele Unternehmen, mit heutigen Gewinnen Wetten einzugehen, um sich an den richtigen Stellen der Technologisierung und Digitalisierung zu positionieren. Share- und Stakeholder müssen akzeptieren, dass kein vernünftig agierendes Unternehmen offene Flanken zulassen kann, denn wenn es mit der viel zitierten Disruption losgeht, ist es für Investitionen vielleicht schon zu spät.

Deutschland muss dem Vorbild anderer Länder folgen

Jetzt stellt sich natürlich folgende Frage: Was soll die Politik denn tun? Anreize für die Investition in radikale Innovationen setzen! Und zwar sowohl im Bereich der Start-up-Finanzierung als auch der großen Unternehmen. Andere Länder sind diesen Weg bereits gegangen, es wird höchste Zeit, dass Deutschland als technologieorientierte Nation nachzieht.

Außerdem gilt es, den richtigen Grundgedanken der Eliteuniversitäten radikaler umzusetzen. Wir brauchen die akademischen Leuchttürme bei digitalen Zukunftstechnologien und die dazugehörigen Brutstätten für neue Unternehmen, die diese radikalen Technologien nutzen.

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Prof. Dr. Jürgen Seitz
© Prof. Dr. Jürgen Seitz
Prof. Dr. Jürgen Seitz

Professor für Marketing, Medien und digitale Wirtschaft, HdM Stuttgart

für Marketing, Medien & Digital Business

Prof. Dr. Jürgen Seitz (Jg. 1976) ist einer der führenden Digitalexperten in Deutschland. Als Gründer, Geschäftsführer und in Beiräten arbeitet es seit über 15 Jahren am Aufbau und der Skalierung von Unternehmen im Digitalbereich. An der Hochschule der Medien in Stuttgart forscht er in den Bereichen digitales Marketing und digitale Geschäftsmodelle und beschäftigt sich intensiv mit dem Einfluss von Digitalisierung und Technologie auf Individuen, Ökonomie und Gesellschaft.

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