Probleme beim Einloggen

Prostitution in Deutschland: Gelingt die Reform des roten Milieus?

Der Bundestag verabschiedet heute das Prostituiertenschutzgesetz. Es soll das älteste Gewerbe der Welt hierzulande legalisieren. Von den 400.000 Prostituierten sehen viele den Entwurf kritisch.

Die Politik zerstört die Jobs hunderttausender Sexarbeiter

Felicitas Schirow

Prostitutions-Aktivistin und ehemalige Bordellbetreiberin

Felicitas Schirow
  • Der Regierung geht es vielmehr um ein Prostitutionsverbot als um Legalisierung
  • Das Prostituiertenschutzgesetz hat seinen Namen bei weitem nicht verdient
  • Die Reform bedeutet einen Schritt zurück in die Steinzeit

4.087 Reaktionen

Nun ist es soweit. Der Gesetzgeber ist seiner Fürsorgepflicht nachgekommen und schützt die Frauen, welche diesen vermeintlichen Schutz gar nicht wollen. Schließlich sind 90 Prozent aller Sexworkerinnen Zwangsprostituierte. Das wissen jedenfalls die verantwortlichen Politiker, allen voran der frauenpolitische Sprecher der CDU, Marcus Weinberg. Auf meine Anfrage hin, ob er denn auch mit Betroffenen gesprochen hätte, erhielt ich folgende Antwort: „Sie schreiben, dass ich als zuständiger Politiker mich nicht ausreichend über mögliche Auswirkungen des Gesetzesvorhabens in der Praxis informiert habe. Dies ist nicht der Fall. Nur weil ich nicht mit Ihnen, einzelnen Bordellbesitzern und Bordellbesitzerinnen oder Prostituierten ein Gespräch direkt führe, heißt es nicht, dass ich nicht den Rat sehr unterschiedlicher Expertinnen und Experten, auch kritischer, eingeholt habe.“

Wenn das so wäre, hätte Herr Weinberg doch wohl anders argumentiert. Tatsächlich sagte er sinngemäß: „Wenn man nachts in Berliner Bordellen unterwegs ist, trifft man mindestens 100 Frauen, die diesen Job nicht machen wollen.“ Recht hat er, aber deshalb sind das doch keine Zwangsprostituierten! Sie arbeiten aus den gleichen Zwängen wie die meisten Menschen.

Das Gesetz schuf angenehme Arbeitsbedingungen

2002 wurde das Prostitutionsgesetz verabschiedet, welches Rechtssicherheit gab und ihre Arbeit als das anerkannte, was sie ist: Eine berufliche Tätigkeit, die zu unserer Gesellschaft gehört und sich nicht verbieten lässt. Die Frauen erfuhren durch den Wegfall der Sittenwidrigkeit mehr Akzeptanz in der Bevölkerung. Die Bordellbetreiber waren nicht mehr der Willkür durch die Behörden ausgeliefert und konnten den Frauen endlich angenehme Arbeitsbedingungen schaffen. Die Frauen besitzen eine eigene Steuernummer und haben die Auswahl an gut geführten Bordellen, wo sie meist auf selbständiger Basis tätig sind. Das wird auch regelmäßig durch Razzien kontrolliert. Die beteiligten Beamten sind geschult und ihnen wären Frauen aufgefallen, die den Eindruck vermittelten, dass sie nicht selbstbestimmt arbeiteten.

Wo findet man denn nun die Zwangsprostituierten? Das für jedermann einsehbare „Bundeslagebild Menschenhandel“ bestätigt, dass es seit Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes immer weniger werden; im Jahr 2014 waren es gerade 392 abgeschlossene Ermittlungsverfahren (8 Prozent weniger als im Vorjahr), wobei das Täter-Opfer-Verhältnis meist 1:1 ist. Das war auch so zu erwarten. Schließlich hielt das BKA vor dem Prostitutionsgesetz einen aufwändigen Workshop ab, wo verschiedene Szenarien erstellt wurden. Das Ergebnis ebnete den Weg zu legal geführten Bordellen, welche für die Frauen auch Schutz bedeuten. Sogar als im April eine Razzia mit der aberwitzigen Zahl von 900 Beamten im Berliner Artemis durchgeführt wurde, fand man unter den ca. 100 dort anwesenden Frauen keine einzige Zwangsprostituierte.

Die Pseudomenschenrettungskation ist eine Moraldebatte

Die Kripo weiß es, alle wissen es. Nur die Politiker ignorieren total, dass es Zwangsprostitution nur in hochkriminellen Bereichen gibt, aber nicht in legalen Bordellen. Um diese bekämpfen zu können, reicht unser Strafgesetz vollkommen aus.

Aber diese Pseudomenschenrettungsaktion, welche nun losgetreten wurde, ist eigentlich eine Moraldebatte. Systematisch sind in den letzten Jahren Bordelle geschlossen worden. Man hat einfach versäumt, mit dem Prostitutionsgesetz auch Paragrafen im Bau- und Gewerberecht zu ändern und hatte so die Möglichkeit, langjährig existierende Bordelle zu schließen und Neuanmeldungen zu verhindern. So fand das Gesetz im Grunde kaum Anwendung. Inzwischen zeichnet sich ab, dass man durch die Hintertür ein Prostitutionsverbot aussprechen will. Denn anders ist es nicht zu erklären, dass die Arbeitsplätze von hunderttausenden freiwillig in der Prostitution arbeitenden Menschen zerstört werden. Gegen den Rat von Hilfsvereinen, der Deutschen Aidshilfe und sogar dem Deutschen Frauenrat, sowie natürlich den Sexworkerverbänden wird jetzt ein Gesetz aus dem Boden gestampft, das seinen Namen nicht verdient! Das sogenannte Prostituiertenschutzgesetz schützt nicht, sondern es geht hier um Kontrolle über alles.

Vertrauenspersonen werden zu Kontrolleuren

Wer sich keinen Hurenpass, der auch Zwangsberatung beinhaltet, anschaffen will, mit welchem man z.B. Stalkern ausgeliefert ist, arbeitet illegal. Der Hurenpass ist dem Freier vorzulegen, der damit die Identität der Frau kennt. Nicht auszudenken, wenn er verloren geht und die Frau sich dann mit dem Pass im Internet wiederfindet. In keiner anderen Branche muss die Privatadresse preisgegeben werden.

Die Konzessionierung der Bordelle macht aus dem Bordellbetreiber als Vertrauensperson den Kontrolleur, welcher den Aufenthaltsort der Mitarbeiterinnen bei der Behörde melden muss. Wenn eine Frau außerhalb ihres freigegebenen Gebietes einen Job annimmt, muss sie sich ab- und wieder anmelden.

Die neue Reform ist ein Rückschritt

Es braucht nicht viel Fantasie, um zu ahnen, wohin der Weg führen wird. Die Frauen werden in die Illegalität gedrängt, sind dadurch kriminellen Machenschaften ausgeliefert, und wer ein Bordell dort führen will, wo Bedarf ist, der erhält keine Erlaubnis. Wenn er dann doch einen akzeptablen Standort findet, wird er ziemlich einsam sein, weil keine Frau, die noch Zukunftspläne hat, dort arbeiten wollen wird.

Die Inserate werden wieder wie früher voller Fotomodelle sein, die ständig Angst vor Entdeckung haben müssen und Wuchermieten zahlen. Wir gehen damit einen Schritt zurück in die Steinzeit (Zitat eines Ex-Rotlicht-Kripo-Beamten) und der Staat fördert die Kriminalität, anstatt zu schützen.

Übrigens sind nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes genaugenommen alle Frauen, die nicht mit ihrem Ehemann verkehren, Prostituierte. Denn diese definiert sich dann dadurch, dass sie Geld oder ein geldwertes Geschenk annimmt. Also Vorsicht bei der nächsten Einladung zum Essen!

Veröffentlicht:

Felicitas Schirow
© Felicitas Schirow
Felicitas Schirow

Prostitutions-Aktivistin und ehemalige Bordellbetreiberin

Felicitas Schirow (Jg. 1957) ist eine deutsche Prostitutions-Aktivistin und ehemalige Betreiberin des Bordells "Café Pssst!" in Berlin. Weitere Bekanntheit erlangte Schirow durch ihren öffentlichen Einsatz gegen die soziale Diskriminierung der Prostitution und für deren politische und rechtliche Anerkennung als Beruf.

Mehr anzeigen

Werden Sie kostenlos XING Mitglied, um regelmäßig Klartext-Debatten zu aktuellen Themen zu lesen.

Als XING Mitglied gehören Sie zu einer Gemeinschaft von über 14 Mio. Berufstätigen allein im deutschsprachigen Raum. Sie erhalten zudem ein kostenloses Profil und den Zugang zu spannenden News, Jobs, Gruppen und Events.

Mehr erfahren