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Institution Schule - Verstaubte Tradition oder anregende Lernstätte?

Unschooling, Freilernen, School as a Service - neue Konzepte von Bildung treten immer mehr in den Fokus. Verliert die Schule ihre Berechtigung? Oder müssen wir nur beginnen, sie anders zu denken?

Die Schule abzuschaffen wäre ein Fehler

Steffen Haschler
  • Schule ist nur zukunftsfähig, wenn wir uns von Lernsilos verabschieden
  • Brauchen wir wirklich immer Klassenzimmer, Lehrer und den vollen Lehrplan?
  • Trotz Top-down-Denke des Ministeriums können wir etwas bewegen

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„Kinder lernen im Schulunterricht etwas, das sie in weiten Teilen nicht interessiert und das ihnen, bis auf wenige Ausnahmen, im Leben nicht weiterhilft.“ Herr Gloger, Ihrer Aussage kann ich mit meiner täglichen Erfahrung als Lehrer zustimmen. Unser aus alten Zeiten stammendes Bildungssystem bereitet unsere Kinder nicht auf das heutige und erst recht nicht auf das zukünftige Leben in einer Wissensgesellschaft vor. Und auch die Schule als „Aufbewahrungsanstalt“ zu bezeichnen ist leider richtig. Der Grund ist banal – die Kinder sind minderjährig, und ihre Eltern müssen arbeiten. Die Einrichtung Schule mit ihren ausgebildeten Pädagogen daher ganz abschaffen zu wollen halte ich jedoch für falsch. Denn nicht die Einrichtungen selbst mit ihren Pädagogen sind schlecht, sondern das System, in dem sie agieren müssen.

„Nerds“ auf „Kreative“ und „Sprachler“ treffen lassen

Schon im November 2018 habe ich einen Beitrag verfasst, warum das heutige Bildungsmodell veraltet ist. Das klassische Top-down-Handeln der Bildungsministerien und ihre starren Strukturen machen es uns Pädagogen nicht leicht, Neues zu probieren. Dennoch haben wir Handlungsspielräume. Zum Beispiel indem wir mehr fächerübergreifend unterrichten: Lehrende wie Lernende unterschiedlicher Fachrichtungen arbeiten gemeinsam an Projekten, in denen alle ihre Stärken ausspielen können.

Auch neue Technologien können helfen: So lade ich zum Beispiel regelmäßig Experten zu einem digitalen Treffen mit meinen Schülerinnen und Schülern ein. In Leistungsfächern wie Mathe ist das aufgrund des Zeitdrucks, insbesondere in der Oberstufe, nicht möglich. Das Ziel, das Abitur, ist im Weg! In Wahlfächern geht es aber. So trafen meine Oberstufenschüler*innen des Seminarkurses Beam (Business, Entrepreneurship, and Math) dieses Schuljahr in einem Webinar mehrfach einen Trainer aus Palo Alto, der mit ihnen (auf Englisch) über das Netzwerken sprach. Analog sind solche Öffnungen des einst geschlossenen Klassenzimmers genauso umsetzbar: Im Informatikkurs besuchten uns Informatiker einer Firma, die im Bereich künstlicher Intelligenz arbeiten. Neben einer Diskussion, wie weit KI reichen könnte, gab es einen praktischen Teil.

Für die jüngeren Kinder haben wir an der Schule einen Waldtag eingerichtet, bei dem sie einmal in der Woche im Wald Unterricht haben. Das ist für mich erfolgreicher Umgang mit der Digitalisierung: Neues zulassen, offen sein für verrückte Ideen. Veränderungen als Chance begreifen. Es darf nicht primär um digitale Tafeln gehen, wenn von „digitaler Bildung“ gesprochen wird. Leider ist das noch kein Konsens.

Lernen, wann und wo man will

Auch ich habe schon mal auf einem Podium provozierend gefordert, die Schulpflicht abzuschaffen und stattdessen ein Recht auf lebenslange Bildung einzuführen. Doch wir verlieren damit bildungsferne Schichten! Radikales Unschooling, wie es Herr Gloger vorschlägt, ist für mich daher nicht die richtige Lösung.

Dagegen läuft im finnischen Espoo gerade ein sehr spannendes Projekt namens „School as a Service“. Gemeinsam mit einem Lernbegleiter erstellen Oberstufenschüler einen Lernplan, dem sie an verschiedenen Lernorten mit unterschiedlichen Lerngruppen nachgehen. Das trainiert eine hohe Eigenverantwortung – setzt sie aber auch voraus. Plötzlich völlig auf sich gestellt zu sein kann überfordern. Besonders wenn einem in den Jahren zuvor die Eigenständigkeit sorgfältig abtrainiert wurde, wie es aktuell in unserem System der Fall ist.

Denn penibel gibt das System Kindern vor, was zu tun ist. Konfrontiert man sie dann mit Freiraum, in dem sie Dinge ausprobieren können, wissen sie damit oftmals nichts anzufangen. Daher dürfen wir mit Wahlmöglichkeiten nicht erst in der Oberstufe beginnen. Das Hinführen zur Eigenständigkeit muss schon in der Grundschule passieren. Ich spreche mich dafür aus, ein Drittel der Inhalte aus den Lehrplänen zu streichen und diesen Raum für Projekte zu nutzen, die die Schüler eigenverantwortlich gestalten können.

Geschlossene Klassenzimmer vernetzen sich mit der Außenwelt

Ein Part, der in Klassen mit um die 30 Kindern immer zu kurz kommt, ist, individuell auf jede*n einzugehen. Das leuchtet denke ich allen ein. Daraus allerdings zu schlussfolgern, dass jedes Kind Einzelunterricht braucht, halte ich für falsch. Individualität ist wichtig, Sozialkompetenz und Teamfähigkeit aber genauso. Warum die Schülerinnen und Schüler also nicht regelmäßig in wechselnden Kleingruppen von drei bis acht Kindern zusammenarbeiten lassen? Und das altersübergreifend? Jedes Team bekommt einen Coach, der für die Gruppe ansprechbar ist. Je nach Projekt kann das ein Lehrer, ein Elternteil oder jemand ganz Externes sein, gegebenenfalls auch virtuell.

Geht es zum Beispiel um Unternehmertum, dann ist es toll, wenn sich ein Elternteil einbringt, der selbst Unternehmer ist. Er oder sie ist in dem Bereich qualifizierter, als ich es je sein werde. Wir alle, Eltern wie Lehrer, sollten uns mit unseren Kompetenzen einbringen und Schule zu einem offenen und abwechslungsreichen Ort machen.

Ideen und Konzepte gibt es, wie Sie hier lesen konnten, viele – und sie alle werden bereits umgesetzt. Doch bisher fehlen Sichtbarkeit und eine Plattform, auf der sich Schulen über ihre Erfahrungen austauschen können. Wir arbeiten beispielsweise derzeit an einem neuen Mathekonzept. Nur durch Zufall kannte unser Schulleiter eine andere Schule, die sich auf dem Gebiet erfolgreich umgestaltet hat. Von dieser Schule können wir also viel lernen. Doch das können wir nur, wenn wir voneinander wissen – oftmals scheitert es eben schon daran. Hier sehe ich Handlungsbedarf, unter anderem auch seitens der Kultusministerkonferenz, wobei ich deren Digitalpakt als ersten kleinen Schritt natürlich begrüße.


Diskutieren Sie mit: Haben Sie selbst Kinder im schulpflichtigen Alter? Wie schätzen Sie und Ihre Kinder die Schule als Bildungsinstitution ein?

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Steffen Haschler
© Steffen Haschler
Steffen Haschler

Lehrer, Englisches Institut Heidelberg

Der Physiker und Mathematiker (Jg. 1980) wäre zu Beginn seines Studiums nie auf die Idee gekommen, Lehrer zu werden. Gemeinsam mit seinen Schülern entdeckt Steffen Haschler heute im überholten Bildungssystem die Welt. Dabei greift er gern auf Hackathons und fächerübergreifende Projekte zurück. In seiner Freizeit engagiert er sich zudem in mehreren ehrenamtlichen Projekten – unter anderem „Jugend hackt“ und „Chaos macht Schule“. Sein Ziel dabei: Die digitale Mündigkeit von Schülerinnen und Schülern stärken.

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