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Wie kann Inklusion gelingen?

Ob im Beruf oder Alltag – die Inklusion läuft hierzulande nur schleppend voran. Unternehmer und Behinderte zeigen auf, woran es oft hapert und wie wir die Situation verbessern können.

Die Skepsis gegenüber Autisten muss aufhören

Kurt Schöffer

Geschäftsführer, Auticon

Kurt Schöffer
  • 85 Prozent der Autisten in Deutschland sind arbeitslos
  • Sie bringen jedoch besondere Fähigkeiten mit - gerade für den IT-Bereich
  • Bei uns beraten Autisten als IT-Consultants andere Unternehmen

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In Deutschland fallen etwa 6 von 1000 Menschen ins Autismusspektrum. In den Arbeitsmarkt integriert sind nur 15 Prozent von ihnen. Das heißt im Umkehrschluss: 85 Prozent sind es nicht. Sie sind arbeitslos. Dabei bringen die Betroffenen außerordentliche Fähigkeiten mit, die besonders im IT-Bereich händeringend gesucht werden: Autisten erkennen Muster, ohne nach ihnen zu suchen, sie dokumentieren alles sorgfältig, handeln akribisch und sind visuell sowie kognitiv sehr stark. Ein Fehler im Programmiercode fällt ihnen zum Beispiel sofort auf.

Ich selbst arbeite beruflich größtenteils mit Asperger-Autisten. Asperger ist eine Variante des Autismus und gehört zu den tiefgreifenden neurologischen Entwicklungsstörungen. In unserem Unternehmen setzen wir sie als IT-Consultants bei unseren Kunden ein. Da kommt es täglich vor, dass unsere Autisten auf die Mitarbeiter unseres Kunden treffen – das heißt auf sogenannte „neurotypische“ Menschen. Die Ehrlichkeit von Autisten ist jedes Mal eine Herausforderung. Sie sagen, was sie denken, egal ob am Tisch der CEO eines Unternehmens sitzt oder der Mitarbeiter, der das Projekt betreut hat. Der Softwarecode eines Kunden brachte unsere Berater einmal zu der Aussage: „Da waren keine Experten am Werk.“ Die entsprechenden Urheber und deren Chef saßen mit am Tisch.

Das Besondere dabei: Autisten sagen nie etwas, weil sie eine Agenda verfolgen und etwas erreichen wollen. Sie sagen etwas, weil sie es denken. An diese Form der Ehrlichkeit müssen sich Kollegen und Kunden meist erst gewöhnen, aber im Verlauf des Projektes präzisiert und versachlicht es die Kommunikation enorm.

Beide Welten ergänzen sich perfekt, sind einander aber noch zu fremd

Intern bei uns im Unternehmen sagen wir immer, Autismus ist kein Systemfehler, sondern ein anderes Betriebssystem. Autisten haben einen anderen Blickwinkel und andere Lösungsansätze. Das kann besonders in einem homogenen Team ein immenser Vorteil sein. Tritt ein Autist ins Team, hat man jemanden, der auf andere Lösungen kommt, dieser Perspektivwechsel ermöglicht häufig schnellere und bessere Ergebnisse. Diese Erkenntnis ist inzwischen auch bei großen Unternehmen angekommen. Sie geben an, vermehrt Autisten einstellen zu wollen. In der Realität bleibt es jedoch häufig bei diesem guten Vorsatz, hier könnte noch deutlich mehr passieren. Das Problem: Der Arbeitgeber müsste selbst Standardprozesse extra für Autisten angleichen. Beispielsweise würden Autisten im normalen Bewerbungsprozess möglicherweise nicht bestehen.

Die Politik könnte die richtigen Anreize schaffen. In Frankreich werden beispielsweise Berater wie feste Mitarbeiter gleichermaßen zur Ermittlung der Behindertenquote eines Unternehmens berücksichtigt. Diese Regelung würde ich mir für Deutschland ebenfalls wünschen. Das sage ich zum einen nicht ganz uneigennützig als Geschäftsführer eines Betriebs, zum anderen aber auch, weil es mir um die Menschen geht. Eine Anrechnung auf die Quote würde ein Umdenken bei Unternehmen fördern. Außerdem müssen wir anfangen, mehr über Autismus zu sprechen, das heißt, auch mehr aufklären – auf beiden Seiten. Dass Unternehmen eine Skepsis gegenüber Autisten hegen, ist eine Sache. Doch Autisten selbst wissen häufig gar nicht, welche Möglichkeiten ihnen offenstehen. Unwissen herrscht also noch auf beiden Seiten. Das gilt es zu überwinden, denn neurodiverse, sprich gemischte Teams sind eine absolute Bereicherung im Arbeitsalltag.

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Kurt Schöffer
© Auticon
Kurt Schöffer

Geschäftsführer, Auticon

Nach seinem Studium zum Diplomkaufmann und dem Start als Controller hat Kurt Schöffer (Jg. 1962) den größten Teil seiner Berufslaufbahn in Führungspositionen in der EDV-Industrie verbracht. 2004 war er Finalist bei Entrepreneur Of The Year, einem Unternehmerpreis von Ernst & Young. Auf die Beraterfirma Auticon wurde er 2013 über den Social Venture Fund aufmerksam. Heute ist er ihr Geschäftsführer. Ihn reizt die Idee, Sozialprojekte als unternehmerische Aufgabe zu begreifen und soziale Probleme nachhaltig zu lösen.

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