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30 Jahre Mauerfall: Zeit, sich von Legenden zu verabschieden!

Die deutsch-deutsche Grenze ist Vergangenheit - doch in unseren Köpfen halten sich die Vorurteile über den "anderen" Teil Deutschlands. Unsere Autoren machen Schluss mit einigen dieser fixen Ideen.

Die Treuhand taugt nicht als Sündenbock

Norbert F. Pötzl

Journalist und Autor

Norbert F. Pötzl
  • Die Behörde überführte Tausende ostdeutsche Betriebe in die Marktwirtschaft
  • Oft wird ihr nachgesagt, sie habe die Ostwirtschaft absichtlich zerstört
  • Doch historische Unterlagen zeigen eine ganz andere Wahrheit

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Seit jeder vierte Ostdeutsche einer rechtsextremen Partei seine Stimme gibt, fragt sich das ganze Land, wie es dazu kommen konnte. Frust und Enttäuschung über das wirtschaftliche West-Ost-Gefälle seien die Ursache, heißt es; viele Ostdeutsche fühlten sich „abgehängt“ und als „Bürger zweiter Klasse“. Doch wer trägt eigentlich die Schuld an wirtschaftlichem Rückstand, niedrigeren Löhnen und geringerer Präsenz Ostdeutscher in Spitzenpositionen, kurz: an allem, was in den vergangenen 30 Jahren irgendwie schiefgelaufen ist im Osten? Bei der Suche nach den Verantwortlichen taucht in Medien, politischen Diskussionsrunden und an Stammtischen immer wieder der Name einer einzelnen Behörde auf: der Treuhandanstalt.

Diese Institution, die zwischen 1990 und 1994 rund 8500 ehemalige „volkseigene“ Betriebe von der Plan- in die Marktwirtschaft zu überführen hatte, habe, so wird oft behauptet, die ostdeutsche Industrie im Interesse der westdeutschen Konkurrenz plattgemacht und Millionen Arbeitsplätze vernichtet.

Die Akten zeigen: Viele Erzählungen über die Treuhand sind Legenden

Dabei reicht ein Blick in die Akten, um viele der kursierenden Erzählungen als Legenden zu entlarven. Seit Kurzem sind wesentliche Teile aus der gigantischen Masse der Treuhand-Dokumente im Bundesarchiv zugänglich. Ich habe als Erster die Protokolle und Tischvorlagen von Vorstands- und Verwaltungsratssitzungen der Treuhand sowie Schriftwechsel, Berichte und Vertragsunterlagen über ausgewählte umstrittene Vorgänge für mein Buch „Der Treuhand-Komplex“ ausgewertet. Und siehe da: Fast nichts ist so, wie es bisher schien.

Beispiel Bischofferode: Das thüringische Kalibergwerk machte im Sommer 1993 Schlagzeilen, als hungerstreikende Kumpel die Aufmerksamkeit auf die drohende Stilllegung lenkten. Der ostdeutsche Schacht, wurde behauptet, sei geschlossen worden, damit die westdeutsche Kali + Salz AG „ihre Marktmacht behalten kann“ („Die Zeit“). Tatsächlich musste die westdeutsche Firma zu einer Fusion mit der ostdeutschen Kaliindustrie gedrängt werden. Denn Bischofferode verursachte Millionenverluste, war der unwirtschaftlichste aller ostdeutschen Kalischächte und hätte unter keinen Umständen weiter betrieben werden können.

Ein Elektrokeramikwerk, das Ostdeutsche selbst dicht machten

Beispiel Großdubrau: Die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) behauptet, die Treuhand habe das Elektrokeramikwerk Margarethenhütte bei Bautzen als „völlig veraltet und marode“ bezeichnet; bei Nacht und Nebel seien „die wichtigsten Betriebsunterlagen und Porzellan-Rezepturen sowie die letzten Mitarbeiterlöhne samte Tresor weggeschleppt und auch die wichtigsten Maschinen ausgebaut worden“. Dies, mutmaßt sie, könne nur „zugunsten der Konkurrenz“ geschehen sein, der westdeutschen natürlich. Doch nichts davon stimmt. Die Margarethenhütte war, wie die Treuhand feststellte, „die modernste Anlage Europas“, aber sie war „aufgrund des Wegfalls des bisherigen Absatzmarktes“ in Osteuropa „überdimensioniert“. Deshalb beschloss der Aufsichtsrat der Mutterfirma Tridelta, die Produktion von Elektroporzellan am Standort Sonneberg in Thüringen zu konzentrieren. Der Beschluss, Großdubrau stillzulegen, wurde „einvernehmlich mit den Arbeitnehmern im Aufsichtsrat und dem Betriebsrat der Margaretenhütte“ getroffen, war also eine rein ostdeutsche Entscheidung, an der die Treuhand nicht mitgewirkt hat. Und die Maschinen wurden nicht in den Westen verschachert, sondern in Sonneberg wieder aufgebaut.

Das Ausmaß der Arbeitslosigkeit war geringer als bisher kolportiert

Nicht nur skandalumwitterte Einzelfälle stellen sich anhand der Fakten anders dar als in den seit Jahrzehnten kolportierten Gruselgeschichten. Auch das Ausmaß der Arbeitslosigkeit wird, wie wissenschaftliche Studien und Arbeitsmarktanalysen belegen, regelmäßig übertrieben. Dass 80 Prozent der 1990 in der DDR tätigen Arbeitnehmer „mindestens einen, manchmal zwei, manchmal drei neue Berufe erlernen“ mussten und „trotzdem oft arbeitslos waren“, wie der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) immer wieder erzählt, ist eine Mär. Erwiesenermaßen behielten mindestens 25 Prozent ununterbrochen ihren angestammten Arbeitsplatz. 60 Prozent waren, wie der Görlitzer Soziologie-Professor Raj Kollmorgen sagt, „fünf Jahre später immer noch in ihren Berufen tätig, die sie vorher ausgeübt hatten“.

„Schlicht Humbug“, sagt der in Leipzig geborene Experte Kollmorgen, sei auch die Behauptung, „die Ostdeutschen hätten nie Chancen erhalten“, an der Privatisierung der Staatsbetriebe mitzuwirken. Tatsächlich waren stets rund zwei Drittel der Treuhand-Mitarbeiter Ostdeutsche.

Die Treuhand wird für vieles verantwortlich gemacht, wofür sie nichts konnte und woran sie nicht beteiligt war. Die Währungsunion etwa mit der Umstellung 1:1 bei Löhnen und Renten war eine Forderung der DDR-Bürger, die die Bundesregierung erfüllte. Dem realen Kurswert der DDR-Mark hätte ein Umtauschsatz von 1:4 entsprochen, aber das hätte die Ostdeutschen in tiefste Armut und Sozialhilfe getrieben. Für die Wirtschaft war der Tauschkurs jedoch ruinös: Durch die faktische Aufwertung der Währung um 400 Prozent verteuerten sich die Produkte entsprechend und waren nicht mehr wettbewerbsfähig.

Nicht die Treuhand war Schuld daran, dass drei von zehn Betrieben schließen mussten

Mit Milliardenbeträgen hat die Treuhand das Überleben vieler Betriebe gesichert. Aber die meisten DDR-Fabriken waren in einem katastrophalen Zustand. 30 Prozent musste die Treuhand liquidieren. Das war trotz allem kein schlechtes Ergebnis: Selbst der letzte SED-Ministerpräsident, Hans Modrow, hatte 27 Prozent für konkursreif gehalten.

Nicht die Treuhand, deren Mitarbeiter zu zwei Dritteln aus dem Osten stammten, war schuld am Untergang vieler DDR-Betriebe, sie machte nur das von der sozialistischen Planwirtschaft angerichtete Desaster sichtbar. Für die Ostdeutschen, die in den 90er-Jahren ihre Arbeitsplätze verloren, war dies ein bitteres Schicksal; aber viele, die davon nie betroffen waren, stellen sich heute zu Unrecht als Opfer der Treuhand dar.


Diskutieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser! Wie haben Sie den Wirtschaftsumbruch damals nach der Wende erlebt? Wie hätten sich noch mehr Betriebsschließungen verhindern lassen? Wir freuen uns auf spannende Debatten!

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Norbert F. Pötzl
© Vanessa Eggers
Norbert F. Pötzl

Journalist und Autor

Norbert F. Pötzl (Jg. 1948) ist in Waiblingen bei Stuttgart geboren und war von 1972 bis 2013 Redakteur des „Spiegel“, dessen Berliner Büro er 1990 bis 1994 leitete. Später war er mitverantwortlich für die Heftreihe „Spiegel Geschichte“. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher. Seit dem Mauerfall verfasst er Aufsätze und Monografien zu DDR-Themen, u.a. die Biografie Erich Honeckers. Zuletzt erschien von ihm "Der Treuhand-Komplex. Legenden. Fakten. Emotionen".

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