Werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer?

Prominente Ökonomen debattieren über die Ungleichheit im Land: Während etwa das Institut der deutschen Wirtschaft keine Zunahme feststellt, kommen Organisationen wie Oxfam zu einem anderen Schluss.

Die Ungleichheit ist in Deutschland bittere Realität

Dr. Jörg Nowak

Analyst für soziale Ungleichheit, Oxfam Deutschland e.V.

Dr. Jörg Nowak
  • Die reichsten 10 Prozent verfügen über rund 60 Prozent des Vermögens
  • Insbesondere Erbschaften leisten einen großen Beitrag zur Ungleichheit
  • Aber auch die Differenz zwischen den Löhnen steigt weiter permanent an

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Deutschland ist das Land mit der größten Ungleichheit bei Vermögen innerhalb der EU. Die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung verfügen über 57,5 Prozent des Vermögens, die unteren 70 Prozent besitzen gerade einmal 9 Prozent des Gesamtvermögens. Mit anderen Worten: Die große Mehrheit in Deutschland verfügt nur über einen Bruchteil des Wohlstands, obwohl vor allem sie die Produkte und Dienstleistungen herstellt, die Grundlage des Wohlstands sind.

Den größten Beitrag zur Ungleichheit leisten Erbschaften und Schenkungen. Die Diskussion um die Erbschaftsteuer zeigt, wie stark der Einfluss der reichen Familien ist, die seit Jahrzehnten ihr Betriebsvermögen von Generation zu Generation weitergeben und dieses weitgehend der Besteuerung entziehen können. Das private Eigentum an Unternehmen wird damit zur Gretchenfrage der Ungleichheit in Deutschland. Auch die niedrige Grundsteuer verschont Besitzer von Immobilien weitgehend davor, zur Finanzierung des Gemeinwesens beizutragen.

Das Mittelfeld geht uns verloren

Die Lohnquote, also der Anteil der Lohneinkommen an der Gesamtwirtschaft, sinkt seit den 1980er-Jahren beständig, und zwar von 67 Prozent auf 63 Prozent, während Unternehmens- und Vermögenseinkommen seit Anfang der 1990er-Jahre um fast ein Drittel angestiegen sind.

Doch auch die Differenz zwischen den höchsten und niedrigsten Löhnen hat seit 1992 permanent zugenommen, seit 2011 stagniert sie auf hohem Niveau. Dies hängt mit mehreren Faktoren zusammen: Erstens haben sich innerhalb der Branchen oftmals die Löhne auseinanderentwickelt, etwa zwischen Kernbelegschaften in der Automobilindustrie und Arbeiter/-innen, die ausgelagerte Tätigkeiten übernehmen. Zweitens entwickeln sich die Löhne zwischen Industrie- und Dienstleistungssektor immer weiter auseinander. Schließlich werden die Lohnunterschiede zwischen hochqualifizierten Berufen und einfachen, aber körperlich anstrengenden Tätigkeiten wie Pflege und Bauindustrie immer größer. Kurz gesagt: Es gelingt immer weniger, ein großes Mittelfeld bei der Entlohnung zu etablieren, die ökonomische Kompensation für geleistete Arbeit folgt zunehmend irrationalen Prinzipien. Schließlich sind Altenpflege und medizinische Versorgung nicht weniger wichtig als IT-Berufe.

Die Löhne sinken, die Belastung nimmt zu

Dieses Missverhältnis wird in immer größeren Teilen der Gesellschaft erkannt: Laut Umfragen sind 70 Prozent der Bevölkerung der Meinung, die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland seien nicht gerecht. Laut einer aktuellen Studie der staatlichen Bank KfW sind seit dem Jahr 2000 für 40 Prozent der Bevölkerung in Deutschland die Reallöhne gesunken. Der Eindruck der Ungerechtigkeit leitet sich jedoch nicht nur aus niedrigeren Löhnen ab, sondern auch aus der größeren Belastung im Job, die mit Privatisierung, Auslagerung und befristeten Verträgen einhergeht. Mit der Zurückdrängung des „Sozialen“ aus der Marktwirtschaft steht die Frage der Verfügung über den gesellschaftlichen Reichtum wieder im Zentrum der politischen Debatte.

Ein wichtiger Beitrag zur gerechteren Verteilung wäre eine Erbschaftsteuer, die auch die Betriebsvermögen stärker mit einbezieht, wie es das Bundesverfassungsgericht gefordert hat. Liberale Ökonomen haben kürzlich sogar eine Erbschaftsteuer von 100 Prozent gefordert: Dann würden alle Erbschaften in einen Topf geworfen, und jeder neugeborene Bürger erhielte etwa 70.000 Euro als Startgeld – für die ärmere Hälfte der Bevölkerung ist das sehr viel Geld.

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Dr. Jörg Nowak
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Dr. Jörg Nowak

Analyst für soziale Ungleichheit, Oxfam Deutschland e.V.

Dr. Jörg Nowak (Jg. 1973) ist Analyst zum Thema „soziale Ungleichheit“ bei der Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam. Davor hat er an der Universität Kassel und der Global Labour University zu Ungleichheit und Gewerkschaftspolitik gearbeitet.

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