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Panama Papers – Wie können Steueroasen ausgetrocknet werden?

Nach der Enthüllung von 214.000 Briefkastenfirmen durch Journalisten (u.a. der „Süddeutschen Zeitung“) stellt sich jetzt die Frage nach den Folgen – und den Ursachen.

Die Wahrheit brachte mich an den Rand des Ruins

Rudolf Elmer

Whistleblower und ehemaliger Banker

Rudolf Elmer
  • 2008 wurde ich „Whistleblower“, veröffentlichte Informationen auf WikiLeaks
  • Ich wollte die kriminellen Taten der Julius-Bär-Bank nicht länger verschweigen
  • Die Situation der Whistleblower hat sich in den letzten Jahren verschlechtert

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Ich hatte alles, wonach so viele streben. Ein sicheres Einkommen, einen Arbeitsplatz mit Strandnähe, Reputation. Fast acht Jahre lang arbeitete ich bei der Schweizer Bank Julius Bär auf den Cayman Islands, zuletzt als operativer Geschäftsführer. Ich lebte in der Komfortzone – bis ich mich entschied, die Wahrheit zu sagen.

2002 wurde mir gekündigt. Der Grund: US-Behörden verfügten plötzlich über geheime Bankdaten, meine Vorgesetzten verdächtigten mich des Verrats und übten massiven Druck auf mich und meine Familie aus. Sogar einen Lügendetektortest sollte ich absolvieren. Ich weigerte mich – und wurde vor die Tür gesetzt. Ich fand eine neue Anstellung bei der Standard Bank auf Mauritius, hätte die Vergangenheit ruhen lassen können. Doch das kam mir falsch vor. Ich wusste einfach zu viel.

Die Schweizer Behörden deckten den Betrug der Bank

Nach diversen abgewiesenen Strafanzeigen gegen die Bank Julius Bär wurde mir deutlich, dass die Schweizer Strafjustiz das „Goldene Kalb Schweizer Bankgeheimnis“ mit allen erdenklichen Mitteln schützt. Und das, obwohl es sich bei den Praktiken um systematischen Betrug handelt, der global verbreitet ist – aber politisch gedeckt wird. Ich habe den Schweizer Steuerbehörden anonym mehrere Datensätze zur Verfügung gestellt, selbst die Staatsanwaltschaft hatte diese vorliegen. Doch es geschah: nichts. Da wusste ich: Ohne weltweite Aufmerksamkeit wird sich nichts ändern. Ich wurde zu einem „Whistleblower“, einem Informanten für die Öffentlichkeit.

2008 machte ich bankinterne Dokumente auf WikiLeaks bekannt. Ich wollte, dass die Welt weiß, wie sie betrogen wird, wie die Bank mit ihrem Firmen- und Anlagegerüst über Offshore-Konstruktionen Millionensummen an den Schweizer Steuerbehörden vorbeischleust. Für ihre auserwählten Kunden – und sich selbst. Die Nachricht verbreitete sich rasant, insbesondere der britische „Guardian“ berichtete detailliert über die Sachlage. Das war zentral, denn damit gewann ich meine Glaubwürdigkeit zurück, die zerstört werden sollte. Julius Bär ereilten Strafzahlungen in Deutschland und den USA sowie Strafverfahren in anderen Ländern.

Noch immer läuft ein Strafverfahren gegen mich

Das blieb für mich und meine Familie nicht ohne Folgen. Wir wurden bedroht, ich wurde diffamiert und kriminalisiert. Man isolierte mich 220 Tage in Einzelhaft und eröffnete zwei Strafverfahren gegen mich. Das erste 2005 – es befindet sich heute immer noch zur Beurteilung in der zweiten Instanz, beim Obergericht. Zudem fand ich in der Schweiz keine Arbeit, meinen Job auf Mauritius verlor ich – die Tentakel der Julius-Bär-Bank reichten weit. Nur durch den starken Zusammenhalt unserer Familie konnten und können wir den finanziellen Ruin bisher abwenden.

Pleite statt Paradies, Diffamierungen statt Dienstwagen – doch trotz allem Schmerz muss ich sagen: Ich bereue es nicht. Aber ob ich anderen zu diesem Schritt raten würde? Die Situation der Whistleblower hat sich in jüngster Zeit massiv verschlechtert. Es gibt nicht nur keinen gesetzlichen Schutz für Whistleblower – diese werden sogar mit neuen strafrechtlichen Gesetzen in der Schweiz daran gehindert, Unrecht aufzudecken. Die mächtige Elite will Banker abschrecken, die Wahrheit über das oft schmutzige Geschäft öffentlich zu machen. Auch bei den Panama Papers werden die genannten Politiker einmal mehr versuchen, sich reinzuwaschen. Damit sollten wir sie nicht durchkommen lassen.

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Rudolf Elmer
© Rudolf Elmer
Rudolf Elmer

Whistleblower und ehemaliger Banker

Rudolf Elmer arbeitete als interner Wirtschaftsprüfer bei der Julius Bär Bank & Co. AG in Zürich. 1994 schickte ihn sein Arbeitgeber als stellvertretender Geschäftsführer der Julius Bär Bank und Trust Company Ltd. auf die Cayman Inseln. Während einer langjährigen Auseinandersetzung mit seinem damaligen Arbeitgeber spielte er Behörden und WikiLeaks 2008 interne Dokumente zu und deckte damit Steuerhinterziehung im großen Stil auf. Über seine Zeit als Banker und Whitsleblower hat er zwei Bücher geschrieben.

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