Mediale Reizüberflutung: Brauchen wir alle eine Digital-Diät?

Es ist nichts Neues, dass die Digitalisierung inzwischen in fast allen Lebensbereichen Einzug gehalten hat. Doch wie sinnvoll ist "Digital Detox" eigentlich? Müssen wir uns wirklich aktiv schützen?

Dr. Volker Busch
  • Digitales Fasten hat sich als Trend und Vorsatz fürs neue Jahr etabliert
  • Doch eine mehrwöchige digitale Nulldiät hat keine nachhaltigen Konsequenzen
  • Regelmäßige Bildschirmpausen im Alltag sind die beste digitale „Entgiftung“

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Alle Jahre wieder … kommt die Zeit für kritische Selbstreflexion. Viele Menschen fragen sich: Was will ich künftig anders oder gar besser machen? In den Top Ten der genannten Wünsche zu einem pfleglicheren Umgang mit sich selbst steht neben einer besseren Ernährung und mehr Bewegung seit Jahren zunehmend auch der bewusstere Umgang mit digitalem Konsum.

Zunächst einmal gilt: Auch mal offline zu sein ist wichtig. Weniger Bildschirmzeit hilft unserem Gehirn, Informationen, die wir zuvor aufgenommen haben, besser zu verarbeiten und zu verknüpfen. Dadurch gelangen wir meist zu mehr Klarheit und zu mehr Inspiration. Denn in Ruhe ordnet unser Gehirn Gedanken und verfestigt das zuvor Gelernte. Eindrücke setzen sich und werden mit vorhandenem Wissen verknüpft. Selbst Emotionen werden besser reguliert, denn gelegentliche Stille schenkt uns einen besseren Zugang zu unseren Gefühlen. Das alles ist wichtig, um Kraft zu tanken, Lösungen für Probleme zu finden oder Krisen zu bewältigen. Das gelingt in digitaler Ruhe in aller Regel besser als mit Youtube oder RTL2.

Der Mensch und sein Kampf gegen die „Schlacken“

Doch wie sieht er aus, der Ausweg aus der digitalen Reizüberflutung, Informationsüberladung und gedanklichen Verstopfung des modernen Alltags? Die trendgewordene Zauberformel lautet „Digital Detox“. Die Idee dahinter: Wer mehrere Wochen auf Tablet und Smartphone verzichtet, reinigt sich auf diese Weise von innen. Das Narrativ klingt hygienisch und medizinisch zugleich – dann kann es ja kaum falsch sein. Oder?

Entgiftungswünsche haben beim Menschen eine lange Tradition. Der Blick in die Medizinhistorie zeigt: Großreinigungen galten immer schon als ein probates Mittel, seine körpereigenen „Schlacken“ loszuwerden. Alles ließ sich mit der richtigen Methode von innen heraus säubern, sogar das Gehirn. Ob mit Aderlass, Schwitzkuren, Schröpfen oder anderen Ausleitungen, um nur einige Verfahren der westlichen Medizin zu nennen – von ayurvedischen Maßnahmen ganz zu schweigen.

Leider hat die Wissenschaft der vergangenen Jahre gezeigt: Keine der propagierten, meist auf esoterischen Annahmen beruhenden Entgiftungsmaßnahmen hat sich als medizinisch wirksam erwiesen. Das hat ihrer Beliebtheit allerdings keinen Abbruch getan, ein riesiges Angebot an Möglichkeiten überschwemmt auch heute noch den Markt.

Der digitale Verzicht reinigt höchstens das Gewissen

Clevere Marketingstrategen haben vor wenigen Jahren nun auch noch das digitale Fasten für die reizüberflutete Gesellschaft entdeckt: Digital Detox soll smartphonegestressten Menschen helfen, in Form mehrwöchiger Enthaltsamkeit so richtig schön zu entschlacken. Unzählige Ratgeber und VHS-Kurse werden zu dem Thema angeboten, und selbst Detox-Reisen in die Natur können Sie buchen, um sich analog mal ordentlich von innen zu säubern. Die Wahrheit schmeckt bitter wie ein Entschlackungstee: Digital Detox ist Unsinn! Handys und andere digitale Medien hinterlassen keine Rückstände in Kopf und Körper, die man entgiften könnte, weder die elektromagnetische Strahlung noch die dargestellten Inhalte. Das Einzige, was Sie durch einen mehrwöchigen Verzicht auf das Handy reinigen, ist Ihr Gewissen.

Die Lösung ist immer der Alltag

Die Ablehnung von Digital Detox geht jedoch noch weit über diesen Aspekt hinaus. Denn eine zusammenhängende mehrwöchige digitale Stille zu Weihnachten bringt nichts für alle anderen Monate des Jahres. Erst recht nicht, wenn man spätestens nach den enthaltsamen Ferien wieder mit gewohntem Fleiß auf seinen Bildschirm starrt (aktuell circa drei bis vier Stunden pro Tag).

Um den alltäglichen digitalen Stress besser zu bewältigen, braucht unser Gehirn vor allem alltägliche Ruhemomente. Für eine gehirngerechte Entspannung gilt dabei: Kürzer und häufiger ist besser als länger und seltener. Der Sinn von Sport besteht ja auch nicht darin, eine Woche im Jahr besonders intensiv zu trainieren und die restlichen 51 Wochen auf der Couch zu sitzen. Den größten Effekt bringt die Regelmäßigkeit. Erst eine feste Integration stetig wiederkehrender digitaler Ruhephasen, und zwar am besten täglich, verteilt über das ganze Jahr, bedingt den Erfolg einer gehirngerechten Arbeits- und Erholungsweise.

Möglichkeiten im Alltag, um wieder runterzukommen

Halten Sie diszipliniert Ihre Mittagspausen ein, das tun derzeit in Deutschland gerade einmal rund 25 Prozent der Erwerbstätigen. Gehen Sie in der Pause spazieren, blicken Sie in die Ferne statt auf einen Bildschirm. Lassen Sie Ihre Gedanken schweifen und erlauben Sie ihnen freien Lauf. Beim sogenannten Tagträumen räumt Ihr Gehirn nachweislich am besten auf.

Gestalten Sie auch Ihren Feierabend ab und an gänzlich analog. Nichts gegen die Lieblingsserie auf Netflix. Aber wer ganztags am Schreibtisch vor seinem PC sitzt, profitiert von Hobbys, die körperorientiert und bewegt sind. Die Kraft der Regeneration ist dann höher als die vor dem Fernseher.

Bewahren Sie sich mindestens einen Tag in der Woche, an dem Sie offline bleiben – zumindest keine Mails lesen, Kalendereinträge prüfen oder Termine vereinbaren. Wie wäre es zum Beispiel mit einem digitalfreien Sonntag? Füllen Sie das Vakuum an gewonnener Zeit mit motorischen, kreativen oder sozialen Tätigkeiten.

Denken Sie immer daran: Eine analoge Freizeitgestaltung ist der Gegenpol zu unserer digitalen Arbeitswelt. Es ist das Yang zum Yin. Mit Entgiften hat das nichts zu tun, sondern mit der klugen Erkenntnis, was Geist und Gehirn in der heutigen Welt brauchen, um langfristig gesund und leistungsfähig zu bleiben.

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Dr. Volker Busch
© Volker Busch
Dr. Volker Busch

Neurowissenschaftler und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Dr. med. habil. Volker Busch (Jg. 1971) ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie sowie Privatdozent am Lehrstuhl der Universität Regensburg. Er ist als Speaker, Trainer und Coach für viele Unternehmen tätig. Kurzportrait YouTube

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