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Bildung 4.0: Müssen wir unser Schulsystem revolutionieren?

Die Digitalisierung verwandelt auch unsere Schulen und Universitäten. Experten kritisieren dabei eine mangelhafte digitale Ausbildung der Lehrkräfte und fordern eine grundlegende Neuausrichtung.

Andreas Hofmann
  • Digitales Lehren und Lernen kann nicht befohlen werden
  • Wir sollten die Kinder auf ihrem digitalen Weg begleiten
  • Die Initiative dazu muss allerdings von oben kommen

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Vor sieben Jahren thematisierte ich die Privatsphäre-Einstellungen und Sicherheitsmechanismen des damals größer werdenden Netzwerks Facebook in einer 8. Klasse. Damals verzweifelte ich total, weil das einzig vorliegende Material Schwarz-Weiß-Ausdrucke waren, die theoretischer und realitätsferner kaum sein konnten. Ich beschloss also, meine Klasse mit digitalen Medien auszustatten, was mir in elternfinanzierter Form mit Laptops gelang.

Die Idee, Medienerziehung durch die Verfügbarkeit von digitalen Medien in den Unterricht zu integrieren, wurde über die Jahre hinweg stetig ausgebaut. Kollaborativ zu arbeiten, Arbeitsvorgänge zu digitalisieren, Präsentationstechniken zu verbessern und die Kommunikation mit Schülern und Eltern zu intensivieren – sprich: den Schülern das Handwerkszeug für ihre Zukunft in die Hand zu legen – das kam an. Nach sieben Jahren arbeite ich inzwischen komplett digital, außer bei Klassenarbeiten. Meinen Schülern lasse ich die freie Wahl: Wer möchte, arbeitet digital. Es ist aber kein Muss.

Die Kluft zwischen Befürwortern und Kritikern wächst

Die Initiative dazu ging von mir aus und verbreitete sich langsam im Kollegium. Durch den Wechsel zu Tablets vor vier Jahren – in unserem Falle zum iPad – erfolgte ein Ruck, denn die Einfachheit dieser Geräte verringerte die digitale „Hemmschwelle“. Es passiert also etwas, das ist offensichtlich. Nicht nur an unserer Schule, sondern bundesweit. Dennoch tun sich viele Schulen weiterhin sehr schwer damit, digitales Arbeiten zu akzeptieren. Die Kluft zwischen dem digitalisierten Nachmittag und dem analogen Vormittag (es lebe das Handyverbot!) wird immer größer; genau wie der Graben zwischen Befürwortern und Kritikern.

Wie kommt es, dass der digitale Weg an den meisten Schulen Bottom-up initiiert wird, also von unten nach oben? Die Initialzündungen gehen meistens von einzelnen, affinen Kollegen – den „Verrückten“ – aus, die dann auf Unterstützung des Kollegiums, der Schulleitung und der Elternschaft hoffen müssen. Es ist ein anstrengender und aufreibender Weg. Projekte, die irgendwann keine Projekte mehr sein sollen, sondern selbstverständlicher Teil einer veränderten Lernkultur, können aber nicht nachhaltig von Einzelpersonen durchgeführt werden. Das muss von oben kommen.

Politik und Lehrer müssen umdenken

Sicherlich gibt es in allen Bundesländern mehr oder weniger gute und durchdachte Projekte und Bestrebungen. Aber als kurze Randnotiz: Wir schreiben das Jahr 2016! Etliche Schulen verfügen nicht einmal über WLAN. Landesprojekte sind dementsprechend sinnvoll, und ich begrüße jedes einzelne. Aber es muss mehr passieren: ein Umdenken auf politischer Ebene und in den Köpfen der Lehrer.

Die politische Ebene muss dafür sorgen, Gelder für eine zukunftsorientierte Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, die Lehrerausbildung digital anzupassen, eine klare datenschutzrechtliche Linie vorzugeben und Schulungen und Fortbildungen zu gewährleisten. Niedersachsen ist hier vorbildlich zu nennen mit einem großen Netz an medienpädagogischen Beratern. Aufseiten der Lehrerschaft allerdings sehe ich eine klare negative Tendenz: Viele verstecken sich hinter den wenig motivierenden politischen Vorgaben und fahren ihre Eigeninitiative gänzlich herunter.

Kindern den Weg in die digitale Zukunft weisen

Es beißt sich also die Katze in den Schwanz. Und das, obwohl wir den Übergang in das Informationszeitalter längst beschritten haben. Digital gestützter und unterstützter Unterricht eröffnet Möglichkeiten, die wir wie selbstverständlich in unserem Alltag annehmen und uns individuell zunutze machen. Mal mehr, mal weniger. Warum bereiten wir unsere Kinder nicht darauf vor und begleiten sie auf diesem Weg?

Veröffentlicht:

Andreas Hofmann
© Andreas Hofmann
Andreas Hofmann

Medienpädagogischer Berater und Lehrer, OBS Waldschule Hatten

Andreas Hofmann (Jg. 1973) ist medienpädagogischer Berater des Niedersächsischen Landesinstituts für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ) und Lehrer an der OBS Waldschule Hatten. Sein Schwerpunkt ist das mobile Lernen mit Tablets.

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