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Trump kommt – Was bedeutet der neue US-Präsident für uns?

Seit einer Woche ist es amtlich: Donald Trump hat die Präsidentschaftswahl gewonnen. Der Republikaner wird als Nachfolger von Barack Obama der 45. Präsident der USA.

Dr. Martin Thunert
  • Trump versteht es, die Anti-Establishment-Stimmung in den USA zu bedienen
  • Sein Image als erfolgreicher Immobilienmilliardär hilft ihm im US-Wahlkampf
  • Seine inhaltliche Substanzlosigkeit macht Trump parteiübergreifend attraktiv

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Hinweis der Redaktion: Dieser Klartext wurde bereits am 10. Februar als Reaktion auf die Vorwahlen der Republikaner veröffentlicht.

Wie zahlreiche USA-Beobachter hielt auch ich die Präsidentschaftskandidatur von Donald Trump zunächst für einen schlechten Witz. Heute wissen wir: „The Donald“ könnte Präsidentschaftskandidat der Republikaner werden, wenn er es weiterhin versteht, die Anti-Establishment-Stimmung in den USA zu bedienen und wenn es dem Anti-Trump-Lager nicht bald gelingt, sich hinter einem überzeugenden Anti-Trump-Kandidaten zu sammeln, statt die Anti-Trump-Stimmen auf ein halbes Dutzend Mitbewerber zu verteilen.

Zielgruppe ist die untere weiße Mittelschicht

Die Kernanhänger Trumps gehören zu dem Teil der US-Bevölkerung – speziell in der unteren weißen Mittelschicht –, der von Abstiegs- und Statusängsten geplagt ist und mit dem immer bunteren Charakter der US-Gesellschaft nicht klar kommt. Diese Menschen erkennen weder für sich selbst, noch für die Gesellschaft insgesamt einen Pfad in eine wünschenswerte Zukunft. Indem er verspricht, „Amerika wieder groß zu machen“, weckt Trump die Sehnsucht nach einer autoritären Führung, die zupackt und ohne Rücksicht auf Konventionen vorgeht. Trump bedient und schürt den Hass auf ein selbstzufriedenes „Establishment“, das man in den etablierten Medien, in den globalisierten Wirtschaftseliten und vor allem in der von Hyper-Lobbyismus verseuchten Politik Washingtons unschwer findet. Eine ähnliche Stimmungslage macht – unter umgekehrten politischen Vorzeichen – Hillary Clinton bei den Demokraten zu schaffen.

Trump inszeniert sich als Macher

Gleichzeitig hetzt Trump gegen schwächere Gruppen, von denen seine Kernanhänger annehmen, dass sie sich mit illegalen Mitteln ein Stück vom Kuchen abschneiden wollen – undokumentierte Einwanderer aus Mexiko – oder die amerikanische Ordnung zerstören wollen – muslimische Einwanderer und Islamisten. Sein Image als erfolgreicher Immobilienunternehmer verleiht ihm die Aura eines zupackenden politischen Führers, der handelt (Grenzmauer zu Mexiko, Einreisestopp für Muslime, Waterboarding und mehr für Terrorverdächtige) statt auszuhandeln und der die Dinge beim Namen nennt, statt sich hinter vornehmen Formulierungen zu verstecken.

Trumps Anziehungskraft könnte weit über das traditionelle Klientel der Republikaner hinaus reichen. Seine vagen und wirren gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Vorstellungen sind weit weniger sozialkonservativ und marktfundamentalistisch als die seiner republikanischen Mitbewerber. In seiner Ablehnung des Freihandels steht Trump den US-Gewerkschaften näher als mancher Demokrat. Gerade die inhaltliche Substanzlosigkeit verleiht Trump eine gewisse parteiübergreifende Anziehungskraft. Noch spielt Trump die Zersplitterung des Kandidatenfelds der Republikaner in die Hände. Solange noch mindestens vier Kandidaten (die Gouverneure Bush, Christie und Kasich sowie Senator Rubio) aus dem Regierungsflügel der Partei die Stimmen des durchaus großen Anti-Trump-Lagers spalten, könnte Trumps Siegesserie anhalten.

Die USA müssten sich für Trump schämen

Auch ein US-Präsident Trump wäre den Zwängen des US-Regierungssystems der „checks and balances“ ausgesetzt, er verfügte über nur mäßige Unterstützung im US-Kongress, sein Regierungsprogramm müsste das Ressentiment seiner Kernwähler bedienen oder sie schnell enttäuschen. Für die USA wäre Trump peinlich und würde ihre Rolle als westliche Führungsmacht (zum Beispiel in der NATO) vorübergehend schwer beschädigen. Um Trump für Europa vollends zu einem Albtraum zu machen, müsste noch einiges auf unserer Seite des Atlantiks hinzukommen: eine Kernschmelze der Europäischen Union mit „Brexit“, unkontrolliertem Flüchtlingschaos insbesondere in Deutschland und Südosteuropa, einem dauerhaft suspendierten Schengen-Raum, einem angeschlagenen Binnenmarkt, einer Präsidentin Marine Le Pen in Frankreich, einem noch aggressiveren Putin im Osten usw. „The Donald“ als US-Präsident dürfte die Selbstzerstörung eines solchermaßen krisengeschüttelten Europas eher fördern als behindern, darin liegt die Hauptgefahr für uns.

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Dr. Martin Thunert
© Privat
Dr. Martin Thunert

Politikwissenschaftler, Heidelberg Center for American Studies (HCA)

Dr. Martin Thunert lehrt Politikwissenschaft mit dem regionalen Schwerpunkt Nordamerika am Heidelberg Center for American Studies (HCA) und am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Heidelberg. Darüber hinaus arbeitet er zum Thema Politikberatung und ist Mitherausgeber der Zeitschrift für Politikberatung (ZPB). Thunert ist ferner assoziiertes Mitglied des Zentrums für Nordamerikastudien (ZENAF) der Universität Frankfurt für Kanadastudien.

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