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Limos, Schoki, Müslis: Sollte uns eine Steuer vor Süßem schützen?

Noch nie war Deutschland so dick: Jeder zweite leidet an Übergewicht, jeder vierte an Fettleibigkeit. Die Zuckersteuer der Briten zeigt bereits Wirkung. Eine Option, die auch wir verfolgen sollten?

Ein gesunder Lebensstil lässt sich nicht herbeibesteuern

Dr. Angela Kohl
  • Eine Zuckersteuer kann das Problem Übergewicht nicht lösen
  • Der menschliche Körper und das Ernährungsverhalten sind hochkomplex
  • Statt zu bevormunden, sollten wir aufklären und Eigenverantwortung stärken

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Seit Jahren wird er heraufbeschworen, der riesige Tsunami Übergewicht. Und mindestens genauso lange werden vermeintlich wirkungsvolle Lösungen wie beispielsweise eine Zuckersteuer aus dem Hut gezaubert. Wenn die Lösung doch so einfach wäre.

Eines ist und bleibt unbestritten: Der menschliche Körper und das Ernährungsverhalten sind hochkomplex und individuell. Niemand ist gleich, und jeder ist anders. Genauso verhält es sich auch mit der Übergewichtsentwicklung – sie ist hochkomplex und lässt sich nicht an DER einen Ursache festmachen.

Die Einteilung von Lebensmittel in Gut und Böse ist nicht zielführend

Maßnahmen wie eine Zuckersteuer können daher weder schlank noch gesund machen, und ob sie zu einer Veränderung des gesamten Ernährungsverhaltens führen, ist fraglich. Es gibt zwar Hinweise auf Absatzänderungen, etwa in Mexiko, das eine solche Steuer eingeführt hat. Aber wichtige Aspekte wie die berühmten Ausweicheffekte und Konsequenzen auf die Entwicklung des tatsächlichen Konsums und die Gesundheit sind bislang völlig unklar.

Die simplifizierte Aufteilung von Lebensmitteln in „Gut“ und „Böse“ ist wissenschaftlich nicht zielführend. Der (Nähr-)Wert eines Lebensmittels definiert sich über mehr als einen Nährstoff. Hinzu kommt, dass solche Steuern Bevölkerungsschichten mit einem geringen Einkommen unverhältnismäßig stark treffen und unweigerlich zu einer Sozialauswahl an der Ladentheke führen.

Nicht allein das Körpergewicht beeinflusst die Gesundheit

Fakt ist: Zucker macht, in Maßen genossen, weder krank noch übergewichtig. Und ob ein Mensch gesund ist oder nicht, hängt auch nicht automatisch von seinem Körpergewicht ab. Viele Faktoren, wie Bewegungs- und Schlafverhalten, Stress, Gene und vieles mehr, haben Einfluss auf die Gesundheit.

Die deutsche Lebensmittelwirtschaft bietet eine enorme Produktvielfalt für jeden Lebensstil mit klassischen sowie kalorien-, zucker- und/oder fettreduzierten Rezepturen und Lebensmitteln in unterschiedlichen Verarbeitungsgraden an. Zutaten und Nährwerte sind auf allen verpackten Lebensmitteln klar und deutlich ausgewiesen, sodass jeder die Produkte miteinander vergleichen und eine informierte Kaufentscheidung treffen kann. Damit bietet die deutsche Lebensmittelwirtschaft dem Verbraucher eine hervorragende Basis, um sich ausgewogen, qualitativ hochwertig und sicher zu ernähren. Dieser Verantwortung wird sie sich auch in Zukunft stellen.

Wie der Verbraucher seine Ernährung und seinen Lebensstil gestaltet, das entscheidet er am Ende des Tages jedoch ganz allein. Maßnahmen zur Vermeidung und Reduzierung von Übergewicht müssen deshalb beim Verbraucher und dessen Bildung ansetzen und vor allen Dingen die Eigenverantwortung und Kompetenz des Einzelnen stärken. Gefragt ist keine Bevormundung des Verbrauchers, gefragt sind ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz und nachhaltige, gezielte Maßnahmen, wie zum Beispiel für jeden verfügbare Bildungs-, Sport- und auch Entspannungsangebote in Kita, Schule und am Arbeitsplatz.

Und der Übergewichtstsunami? Der lässt sich aufgrund aktueller Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen und der KiGGS-Studie („Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“) jedenfalls nicht bestätigen. Wir scheinen also auf einem guten Weg zu sein – ganz ohne Zuckersteuer und Bevormundung des Verbrauchers.


Diskutieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser: Was halten Sie von einer Steuer auf Zucker? Kann sie unsere Gesellschaft vor Adipositas schützen? Oder bewerten Sie die „gesunden Mehrwertsteuer“ als besseren Ansatz?

Veröffentlicht:

Dr. Angela Kohl
© BLL
Dr. Angela Kohl

Wissenschaftliche Leitung, BLL e.V.

Dr. Angela Kohl (Jg. 1969) ist wissenschaftliche Leiterin beim Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) in Berlin. Nach ihrer Berufsausbildung zur Bankkauffrau absolvierte sie ein Studium der BWL und der Ökotrophologie, bevor sie an der Universität Potsdam promovierte. Danach arbeitete sie im Firmenkundenkreditgeschäft der Landesbank Baden-Württemberg und als wissenschaftliche Mitarbeiterin/Studienmanager am Deutschen Institut für Ernährungsforschung, bevor sie zum BLL wechselte.

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