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Der perfekte Boss: Wie sieht gute Führung aus?

Die Kunst der guten Führung ist in Zeiten von Fachkräftemangel und digitaler Transformation wichtiger denn je. Über die perfekte Führungsstrategie der Zukunft wird aber noch gestritten.

Vanessa Weber
  • Zwei Monate lang verließ ich mein Unternehmen, um die Welt zu bereisen
  • Als ich wiederkam, erwartete mich ein gut laufender Betrieb
  • Wahrer Erfolg stellt sich erst dann ein, wenn ich als Chef überflüssig bin

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Sich einfach mal rausziehen und die Fäden anderen überlassen? Für viele Führungskräfte unvorstellbar! Ich habe mich getraut – und bin seitdem für meine Mitarbeiter überflüssig. Zum Glück.

Ende 2015 stand ich gefühlt kurz vor einem Burn-out. Ich hatte ein sehr anstrengendes Jahr hinter mir und kaum Urlaub genommen, weil ich die Tage lieber für meine anstehende Weltreise verwenden wollte. Damit in der Firma alles weiterläuft, musste meine Abwesenheit natürlich perfekt geplant werden, was mir zusätzlichen Druck bereitete. Aufgaben, die normalerweise mein Beritt waren, musste ich auf andere Mitarbeiter verteilen, Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten hundertprozentig klären und dabei immer sichergehen, dass der Laden auch ohne mich läuft. Irgendwann ging ich total auf dem Zahnfleisch, weil mir alles über den Kopf wuchs. Zwar wusste ich, wofür ich es tat – die Weltreise –, doch war ich ständig gereizt, genervt und schon bei Kleinigkeiten auf der Palme.

Loslassen konnte ich anfangs nicht

Als mein Urlaub dann endlich losging, war meine Freude natürlich riesig. Singapur, Bali, Australien, Neuseeland, Tahiti, Hawaii und San Francisco: Alles wollte ich innerhalb von zwei Monaten bereisen und dabei einfach mal komplett abschalten. In den ersten Wochen gelang mir das leider nur so mittelmäßig, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, mich voll und ganz zu entspannen. Meine Mitarbeiter kümmerten sich um die Mails, und ich wusste, dass ich mich auf sie verlassen konnte. So richtig loslassen aber konnte ich trotzdem nicht.

Vielleicht war es auch die Angst, unentbehrlich zu sein. Ich war Tausende Kilometer entfernt, es war meine erste große Auszeit, und ich wusste ja nie richtig, ob es vielleicht doch Probleme gibt oder Schwierigkeiten, in denen ich gebraucht werde. Natürlich vertraue ich meinen Mitarbeitern zu 1000 Prozent, und dennoch ist es als Chef einfach schwierig – gerade wenn es das eigene Familienunternehmen ist.

Vor meiner Rückkehr graute es mir

Nach drei Wochen hatte ich meine Unsicherheit zum Glück überwunden und wurde von Tag zu Tag entspannter. Nach 60 Tagen Urlaub checkte ich noch etwa sechsmal am Tag mein Handy, was ich für einen ziemlich guten Schnitt halte. Vor meiner Rückkehr graute es mir ein bisschen, weil ja immer irgendetwas liegen bleibt und auf den Chef wartet. Drohte mir vielleicht doch das totale Chaos? Würde mein Schreibtisch wirklich so leer und aufgeräumt sein, wie ich ihn vor meiner Reise verlassen hatte?

Und das war er tatsächlich: ordentlich und ohne irgendwelche Briefe, die auf mich gewartet hätten. Als ich die ersten Meetings nach meinem Urlaub besuchte, erwartete niemand eine Entscheidung von mir, ich war bloß Zuhörer, und die anderen waren die Macher. Augenscheinlich lief der Betrieb auch, als ich weg war, wie von allein – und das ließ mich einen kurzen Moment stutzen. Hatte ich mich durch meinen Urlaub selbst abgeschafft? War ich plötzlich überflüssig?

Meine Mitarbeiter waren selbstständiger als je zuvor

Nach wenigen Minuten war mir klar: Ja, ich war es! Ein totaler Schock, der sich aber mit jedem weiteren Gedanken besser anfühlte, denn mir wurde klar, dass meine Mitarbeiter selbstständiger waren als je zuvor. Die Geschäftszahlen waren besser als im Vorjahr, und das ganz ohne mein Zutun. Die Meetings liefen reibungslos, und die Auftragszahlen gingen weiter nach oben. Es war sehr merkwürdig: Offenbar kann man sich als (guter) Chef wohl tatsächlich einfach mal rausziehen und nicht mehr direkt „im“, sondern „am“ Unternehmen arbeiten.

Mit anderen Worten: Ich war vom Spielfeld auf die Trainerbank gewechselt. Statt selbst Tore zu schießen und Aufträge an Land zu ziehen wie früher, bin ich jetzt eher strategisch am Spiel beteiligt. Von nun an punkten ausschließlich meine Angestellten mit Volltreffern und neuen Kunden. Das vom Spielfeldrand zu beobachten fühlt sich auch gut an.

Erfolg ist eine Sache des gesamten Teams

Und darum geht es doch: Man braucht selbstständige Mitarbeiter, die motiviert sind und sich gegenseitig die Bälle zuspielen. Dafür ist sicherlich auch ein guter Trainer notwendig, der die übergeordnete Taktik bestimmt, aber eben nicht das Tagesgeschäft und jedes einzelne Spiel beziehungsweise jeden Kundenkontakt. Genau für diese Tätigkeiten habe ich Experten im Unternehmen, meine Mitarbeiter, die täglich tolle Arbeit leisten.

Während der Betrieb läuft, kann ich mich als Chefin um das große Ganze kümmern: um unsere Zukunftsperspektiven und strategische Allianzen. Um Dinge wie: Was brauchen wir? Wo bauen wir vielleicht einen neuen Standort auf? Wie sieht unser Geschäftsmodell eigentlich in ein paar Jahren aus? Das alles ginge gar nicht, wenn es an jeder Ecke brennen würde und ich ständig Feuer löschen müsste. Natürlich versuche ich trotzdem, noch nah an den Prozessen zu sein und immer ein Ohr für meine Mitarbeiter und Kunden zu haben. Aber wirklicher Erfolg, der auch entspannter zu erreichen ist, stellt sich erst ein, wenn man als Chef im Tagesgeschäft so gut wie überflüssig ist.

Neil Armstrong ist auch nicht allein ins All geflogen

Denn am Ende des Tages ist es nicht der Chef, der die Millionenumsätze für sein Unternehmen generiert oder einen Kunden nach dem anderen an Land zieht, es sind die fleißigen Mitarbeiter, die Vertriebler, die Lagermitarbeiter und die Buchhalter, die wissen, wie der Laden optimal läuft.

Und deswegen sind Chefs zwar oft Aushängeschild einer Firma, aber eben nur ein Teil des Firmenerfolgs. Der erste Mann auf dem Mond – und das ist ein schöner Vergleich, den ich neulich gehört habe – ist ja auch nicht allein und ohne Hilfe ins All geflogen. Neil Armstrong hatte ein ganzes Team an Forschern, Ingenieuren und Wissenschaftlern hinter sich, die jahrelang für diesen einen Moment geschuftet haben. Das sollten wir uns als Chefs und Vorgesetzte immer bewusst machen!

Was denken Sie? Sind Sie als Chef bereit, an den Spielfeldrand zu treten? Denken Sie, dass Ihr Betrieb mit Ihrem Chef an der Seitenlinie besser laufen könnte?

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Vanessa Weber
© Werkzeug Weber | Katrin Limes
Vanessa Weber

Geschäftsführerin, Werkzeug Weber GmbH & Co. KG

for Unternehmertum, Marketing, Nachfolge, Führung

Die Familienunternehmerin (Jg. 1980) führt die Firma Werkzeug Weber GmbH & Co. KG in Aschaffenburg als Geschäftsführerin in vierter Generation weiter. Ihre Stärken liegen in den Bereichen Planung, Kommunikation und Umsetzung unternehmerischer Ziele. Neben ihrer Tätigkeit für ihre Firma ist sie als Trainerin und Vortragsrednerin tätig und vermittelt ihr Fachwissen sowie ihren Erfahrungsschatz rund um das Thema Nachfolge, Erfolg und Führung.

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