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Ellenbogen vs. Harmonie: Welche Strategie macht erfolgreicher?

Introvertierte Mitarbeiter drohen ständig übertönt zu werden: Sie halten sich in Meetings zurück, während die extrovertierten Kollegen das große Wort führen. Doch das muss nicht nur von Nachteil sein.

Ein Konflikt? Glauben Sie nicht, dass Reden immer hilft!

Claudia Eilles-Matthiessen
  • Sie wurden unfair behandelt? Gewinnen Sie erst mal Abstand, statt zu grübeln
  • Werden Sie kein nörgelndes Opfer, erobern Sie sich Ihren Einfluss zurück
  • Der Schlüssel zur Lösung lautet Selbstregulation

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Es ist eine Errungenschaft der Aufklärung und zweifellos ein Meilenstein kollektiver Streitkultur, dass wir im Konfliktfall miteinander reden, anstatt uns gegenseitig den Schädel einzuschlagen. Selbstverständlich ist das Gespräch ein zentraler Zugang der Konfliktlösung. Und ja, es ist wichtig, die Prinzipien der lösungsorientierten und deeskalierenden Gesprächsführung zu kennen und anzuwenden. Insbesondere Menschen, für die Kommunikation das zentrale Arbeitsinstrument ist – das betrifft neben schreibenden und beratenden Professionen alle Führungskräfte –, tun gut daran, das wichtige und wirksame Instrument der Sprache zu pflegen und sorgsam zu nutzen. Worte wirken. Sie setzen innere Vorstellungen in Gang, erzeugen Realität. Sie können eine Waffe sein. Und im Konfliktfall Brücken bauen.

Betrachtet man den wachsenden Markt der Helfer und Unterstützer – allen voran Berater/innen, Coaches, Autorinnen von (ja durchaus nützlichen) Ratgebern rund um Kommunikation –, dann gewinnen Modelle, Prinzipien und Tipps zur „richtigen“ Kommunikation bei Konflikten allerdings ein Gewicht, das den Blick auf alternative oder begleitende Lösungswege leicht zu verstellen vermag. Wer kennt sie nicht, die Platzhirsche der Gesprächsführung: gewaltfreie Kommunikation, die vier Seiten der Nachricht und die tief im kollektiven Beratergedächtnis verhaftete Weisung „Sprich in Ich-Botschaften“.

Die Erfahrung zeigt, dass Klärungsgespräche trotz zahlloser Seminare und Bücher bei vielen Menschen Anspannung auslösen, vermieden, verschleppt oder halbherzig geführt werden. Brauchen wir also weitere Kommunikationsregeln? Mehr vom selben?

Der Schlüssel zur Konfliktlösung? Selbstregulation

Und was tun, wenn ein Gespräch mit dem Konfliktpartner nicht möglich oder sinnvoll ist? Wenn der andere sich einem Gespräch verweigert? Wenn Sie schon mehrfach versucht haben, ein Gespräch zu führen, aber immer wieder die Erfahrung machen, dass es „nichts bringt“? Was, wenn der andere sich wiederholt als unfair, verletzend oder gar bedrohlich erwiesen hat? Wenn die Wahrnehmung der Konfliktbeteiligten bei einem eskalierten Konflikt schon so verzerrt und polarisierend ist, dass ein lösungsorientiertes oder gar „gewaltfreies“ Gespräch so naheliegend ist wie der Genuss eines veganen Menüs für einen Fan der Frankfurter Schlachtplatte?

Es gibt zahlreiche Situationen, in denen ein klärendes Gespräch zumindest für den Moment nicht erfolgversprechend ist. Aber bedeutet das, den Konflikt oder eine schwierige Situation passiv ertragen und sich in unproduktives Grübeln oder gar in eine nörgelnde Opferhaltung zurückziehen zu müssen? Nein, natürlich nicht. Es gibt Wege und Möglichkeiten der konfliktlösenden Einflussnahme ohne Klärungsgespräch. Auch bei komplexen oder verhärteten Situationen. Der Schlüssel heißt Selbstregulation.

Selbstregulation ist ein Überbegriff für alle psychischen Prozesse, die bei der Auseinandersetzung mit einer schwierigen Situation – wie einem Konflikt – ablaufen, um das emotionale Gleichgewicht wiederherzustellen und situationsangemessenes Handeln zu ermöglichen. Konkret geht es darum, dass Sie sich als Konfliktbetroffene oder -betroffener wieder in einen guten Zustand versetzen. Einen Zustand, aus dem heraus Sie anschließend die weiteren Schritte planen können. Dabei gilt: „Energy flows where attention goes.“ Daher bedeutet Selbstregulation bei Konflikten zunächst, die Aufmerksamkeit bewusst auf Themen, Menschen oder Pläne zu richten, die Ihnen guttun und die Sie mit Freude oder Energie erfüllen. Damit gewinnen Sie Abstand zum Konflikt.

Konflikte analysieren – aber mit System

Analysieren Sie diesen anschließend mit System. Aus einer Beobachterposition heraus. Welcher Art ist der Konflikt? Worum geht es eigentlich? Welchen Anteil haben Sie selbst am Geschehen? Welche Ihrer Bedürfnisse werden bedroht, und was möchten Sie erreichen? Wann genau ist der Konflikt für Sie gelöst? Was können Sie selbst beeinflussen, und wozu brauchen Sie andere?

Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit zunächst auf sich selbst und erst dann auf den anderen. Ersetzen Sie unproduktives Grübeln durch systematisches Nachdenken. Sorgen Sie für innere Klarheit, das führt zu Klarheit im Auftreten. Kommunikation erschöpft sich im Übrigen nicht darin, Klärungsgespräche zu führen. Schon eine durch Selbstregulation veränderte innere Haltung dem Konfliktpartner gegenüber wird etwas verändern. Durch die Art und Weise, wie Sie mit dem anderen umgehen, wie Sie sich bei Begegnungen körpersprachlich verhalten, wie Sie ihn grüßen, informieren, um Rat bitten oder einbinden. Mit kommunikativem Handeln können Sie Grenzen setzen oder Brücken bauen. Sie können schlechte Muster unterbrechen und Bewegung in eine festgefahrene Situation bringen. Implizit, einladend und gesichtswahrend. Denn es muss nicht immer Reden sein.


Diskutieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser: Was sind Ihre Erfahrungen mit Konflikten bei der Arbeit? Sollte man Streitpunkte schnell und offen ansprechen? Oder ist es unter Umständen sinnvoller, im Sinne der Selbstregulation erst einmal Abstand zum Konflikt zu gewinnen? Wie ist es Ihrer Meinung nach grundsätzlich um die Konflikt- und Streitkultur in deutschen Unternehmen bestellt?

Veröffentlicht:

Claudia Eilles-Matthiessen
© Claudia Eilles-Matthiessen
Claudia Eilles-Matthiessen

Organisationspsychologin, Businesscoach und Autorin

Claudia Eilles-Matthiessen berät Führungskräfte und Teams bei Konflikten am Arbeitsplatz. Die promovierte Psychologin ist Autorin zahlreicher Fachpublikationen und Kolumnen, zertifizierte Mediationssupervisorin und Dozentin für Coaching und Konfliktmanagement an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. In ihrem aktuellen Buch, „Es muss nicht immer Reden sein. So lösen Sie Konflikte am Arbeitsplatz“ (Campus), zeigt sie Wege und Methoden der Selbstregulation bei Konflikten.

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