ALTERSVORSORGE SPEZIAL: Wer trägt das größte Risiko?

Die Coronakrise wirkt in vielen Bereichen wie ein Brennglas für Probleme. Wie steht es um die Altersvorsorge für Selbstständige oder Menschen mit Behinderung? Was ist zu tun?

Eine Rentenversicherungspflicht verhindert Selbstständigkeit

Catharina Bruns
  • Das Arbeitsministerium will eine Rentenversicherungspflicht für Selbstständige
  • Der Vorstoß zeigt, wie wenig die Bundesregierung die neue Arbeitswelt versteht
  • Ohne faire Wahlmöglichkeiten werden selbstständige Arbeitsmodelle ausgebremst

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Was macht man, wenn man Zukunft nicht versteht? Richtig, man hält sich an der Vergangenheit fest. Nicht zum ersten Mal hören wir aus dem Arbeitsministerium die Ansage, Selbstständige seien in die Gemeinschaft der gesetzlichen Rentenversicherung aufzunehmen. Was zunächst gut gemeint und auch wichtig ist, nämlich ein inklusives Vorsorgeangebot für alle zu schaffen, droht bei schlechter Ausgestaltung jedoch zu einem bloßen Versicherungszwang in der gesetzlichen Rentenversicherung zu werden.

Der fürsorgliche Staat und die ungeliebte Selbstständigkeit

Es ist nicht die anvisierte Verpflichtung zur Vorsorge, die Selbstständige aufbringt, sondern die Art und Weise, mit der dabei zugunsten der gesetzlichen Rentenversicherung Politik gemacht wird.

Die Begeisterung hält sich in Grenzen. Denn die Rentenversicherung geht zwar Hand in Hand mit der „Normalarbeit“, aber nicht mit dem Arbeitsalltag von Selbstständigen. Nicht nur dass andere Vorsorgemöglichkeiten sich wesentlich besser rentieren. In dem jetzigen Entwurf zur Rentenversicherung für Selbstständige fehlt auch die nötige Flexibilität, die selbstständiges Arbeiten ausmacht.

Selbstständige müssen auch bei schwankenden Einkommen eigenverantwortlich wirtschaften und Steuerabzüge, Sozialabgaben, betriebliche Versicherungen und Pflichtbeiträge wie zum Beispiel zur IHK zahlen und zudem Investitionen tätigen können. Eine Rentenversicherungspflicht ist eine weitere Belastung in ohnehin sehr schwierigen Zeiten und zudem noch mit zweifelhaftem Nutzen – erst recht wenn bereits anderweitig vorgesorgt wird. Dies tut die Mehrheit der Selbstständigen, wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung belegt.

Der jetzige Entwurf: ein Selbstständigkeitsverhinderungskonzept

Was ist denn aus der im Koalitionsvertrag versprochenen „gründerfreundlich ausgestalteten Altersvorsorgepflicht für alle Selbstständigen“ geworden? Die ganze Idee ist bisher eher ein Selbstständigkeitsverhinderungskonzept. Und das in einer Zeit, in der sich ohnehin immer weniger für die Selbstständigkeit entscheiden.

Selbstständige trifft die aktuelle Krise besonders hart. Die staatlichen Soforthilfen kommen bei vielen nicht an – und anstatt auf Entlastungen und passgenaue Vorsorgeangebote zu hoffen, dürfen sie nun auch noch eine Rentenversicherungspflicht erwarten, die Selbstständigkeit weiter erschwert. In der Coronakrise zeigt sich die Bundesregierung als Totengräber selbstständiger Arbeitsmodelle.

Ich hätte mir die Rentenversicherungspflicht zu Beginn meiner Selbstständigkeit neben all den anderen Pflichtbeiträgen nicht auch noch leisten können. Was Gründerinnen und Gründer brauchen, ist eine Startphase ohne zusätzliche Belastungen, die ihnen ermöglicht, ihr Geschäft aufzubauen. Schon in dieser Phase sollte es möglich sein, aus verschiedenen Anlageinstrumenten zu wählen, die flexibel sind und der individuellen Situation und Risikobereitschaft entsprechen. All jene, die bereits jahrelang privat vorgesorgt haben, müssen von einer Neuregelung verschont bleiben. Oder wie will man ihnen plausibel erklären, dass sie vielleicht abgesichert sind, aber aus Sicht des Staates „falsch“ vorgesorgt haben?

Die Selbstständigkeit ist nun einmal – und zum Glück (!) – sehr heterogen. Wahlfreiheit, in welcher Form vorgesorgt wird, ist das Mindeste, das der Gesetzgeber gewähren muss, wenn wir schon über eine generelle Vorsorgepflicht diskutieren.

Politisch klug wäre es, positive Anreize für die Vorsorge zu schaffen, also Lösungen zu entwickeln, die Selbstständigkeit nicht als Problem und Abstiegsgefahr darstellen, sondern stattdessen neue Angebote für eine neue Arbeitsgesellschaft präsentieren.

Passende Sozialversicherungsangebote könnten zu einer höheren Bereitschaft führen, sich für die Selbstständigkeit zu entscheiden, und sich damit positiv auf das Gründungsgeschehen in Deutschland auswirken. Es ist an der Zeit, politisches Vertrauen in den unternehmerischen Lebensentwurf zu signalisieren und dafür zu sorgen, dass Selbstständigkeit sozialstaatlich nicht bestraft wird.

Wo sind die Ideen für die Zukunft der Arbeit?

Neue Vorsorgeangebote müssen Insolvenzsicherheit garantieren (zum Beispiel Vorsorge-Investmentkonten), flexibel sein und steuerfreie Erträge vorsehen. Sie sollen zudem transparent über eine Onlineplattform und App – beispielsweise mithilfe eines persönlichen Profils – zusammen mit allen Vorsorgearten einsehbar sein. Die Möglichkeiten für eine zeitgemäße Vorsorge sind da,  übrigens nicht nur für Selbstständige. Aber alles, was das Arbeits- und Sozialministerium zur sozialen Absicherung einer freieren Arbeitswelt von morgen einfällt, ist die Rentenversicherungspflicht.

Das ist keine Zukunftsgestaltung, sondern der Versuch, auch die neuen Formen der Arbeit zu industrialisieren. Die Wissensgesellschaft soll angestellt sein, und neue Arbeit soll alte Arbeit bleiben. Der Fortschritt von gestern wird uns als Zukunft verkauft. Dabei wäre es jetzt dringend an der Zeit, die nötigen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Menschen arbeiten können, wie sie wollen, und für ihr Arbeitsmodell faire Möglichkeiten der sozialen Absicherung zur Wahl haben.

Die Frage ist, ob diese Freiheit und neue Arbeitswelt von politischen Entscheidern überhaupt verstanden und gewollt ist. Wir Selbstständige müssen lauter und organisierter für unsere Interessen eintreten. Der Wandel in Gesellschaft und Arbeit ist auf unserer Seite. Denn aufhalten lassen wird sich eine freiere Arbeitswelt nicht.

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Catharina Bruns
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Catharina Bruns

Unternehmerin, Autorin und Gründerin

for Entrepreneurship, Neues Arbeiten, Selbstständigkeit, Arbeitskultur

Catharina Bruns (Jg. 1979) ist Unternehmerin, Autorin und Gründerin von mehreren kreativen Unternehmen. Ihr Buch „work is not a job - Was Arbeit ist, entscheidest Du!“ ist ein Plädoyer für eine neue, unternehmerische Haltung zur Arbeit. Sie ist Co-Gründerin diverser Unternehmern, darunter „workisnotajob“, „Happy New Monday“, „hello handmade“ und viele mehr sowie Vorsitzende der Kontist Stiftung für Citizen Entrepreneurship.

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