Probleme beim Einloggen

Wirtschaftswunder China – Sind wir zu naiv gewesen?

Für China galt sehr lange nur „höher, schneller, weiter“. Doch auf einmal lahmt die Konjunktur; die Nervosität bei Exporteuren und Anlegern steigt. Was können wir von China künftig noch erwarten?

Eine sogenannte harte Landung wird wahrscheinlicher

Philipp Hauber
  • Das Szenario eines abrupten Konjunktureinbruchs in China wird realistischer
  • Die Folgen wären global zu spüren, vor allem aber in den asiatischen Ländern
  • Das Wachstum in Deutschland würde um einen halben Prozentpunkt gedrückt

776 Reaktionen

Wohin steuert Chinas Konjunktur? Diese bange Frage treibt viele exportierende Unternehmen ebenso um wie Logistikkonzerne wie die Deutsche Post DHL Group, deren Vorstandsvorsitzender Frank Appel sich vor ein paar Tagen an dieser Stelle geäußert hat. „Es gibt keinen Grund zur Panik“, schrieb er. Ich hingegen sage: Zur Panik gibt es keinen Grund, aber die Risiken, die in Chinas Volkswirtschaft schlummern, sollte man nicht übersehen. Eine weitere Abkühlung der chinesischen Konjunktur – eine sogenannte harte Landung – wird wahrscheinlicher. Und das hätte erhebliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.

War China drei Jahrzehnte lang mit zweistelligen Wachstumsraten Zugmaschine für die Weltwirtschaft, hat sich die Lage seit einigen Jahren deutlich abgekühlt. In den letzten Monaten kam eine spürbare Verlangsamung der Konjunktur hinzu: Im ersten Quartal 2015 sackte das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Vergleich zum Vorquartal auf 1,3 Prozent – den niedrigsten Stand seit Ende 2008. Zwar gewann die Wirtschaft in der Folge wieder etwas an Fahrt und expandierte im dritten Quartal mit 1,8 Prozent.

Die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen

Gleichzeitig mehren sich aber die Anzeichen, dass die offiziellen BIP-Zahlen das Abbremsen der Wirtschaft nicht voll erfassen. Verdächtig ist etwa, wie extrem früh sie veröffentlicht werden. Drei Wochen vor anderen entwickelten Volkswirtschaften legt China in der Regel seine Zahlen vor. Substanzielle Revisionen – anderswo üblich – bleiben danach aus. Auch die geringen Schwankungen des BIP sind auffällig, da sie nicht konsistent sind mit anderen Wirtschaftsindikatoren wie etwa dem Energieverbrauch oder den Transportvolumina. Der auf solche Indikatoren aufbauende Keqiang-Index deutet eine schärfere Konjunkturabschwächung an als offizielle Zahlen. Die anhaltende Deflation der Produzentenpreise spricht zudem für beachtliche Überkapazitäten in der Industrie und im Bausektor. Befragungen von Einkaufsmanagern – auch im Dienstleistungssektor – lassen ebenfalls auf eine deutlich verhaltenere Dynamik schließen.

Deswegen sind auch die jüngst veröffentlichten Zahlen mit Vorsicht zu genießen, die suggerieren, dass die chinesische Wirtschaft die spektakuläre Kurskorrektur ohne Weiteres weggesteckt hat. Zwar haben wir nicht mit umfassenderen realwirtschaftlichen Folgen des spektakulären Kurssturzes an Chinas Börsen gerechnet. Denn zum einen wurde im Wesentlichen nur der drastische Anstieg zuvor korrigiert, und zum anderen ist der Börsenwert chinesischer Unternehmen im Verhältnis zum BIP noch relativ gering. Dass die chinesische Konjunktur dies aber ohne jegliche Delle überstehen würde, kann bezweifelt werden – insbesondere da der Finanzdienstleistungssektor einer der Haupttreiber des Wachstums in früheren Quartalen war.

Ebenfalls problematisch ist die stark angestiegene Verschuldung des Privatsektors, die annähernd 200 Prozent des BIP beträgt. Schätzungen zufolge sind fast die Hälfte der ausstehenden Kredite direkt oder indirekt mit dem Immobiliensektor verbunden – ein vor dem Hintergrund des immer noch angeschlagenen Immobilienmarkts gewaltiges Risiko.

Deutschland trifft Chinas Krise am stärksten

Nimmt man alle Faktoren zusammen, wird das Szenario eines abrupten Wachstumseinbruchs in China realistischer – mit erheblichen Folgen für die Weltwirtschaft. Wir haben simuliert, wie sich ein zusätzlicher Rückgang der Wachstumsrate um drei Prozentpunkte – im Vergleich zu unserem Basisszenario einer allmählichen weiteren Verlangsamung des Wachstums auf 6,3 Prozent im kommenden Jahr – auswirken würde. Das Wachstum würde sich global gesehen um ein Prozent abschwächen und unter drei Prozent fallen. China träfe es natürlich am härtesten. Auch Japan und Südkorea wären als eng mit China verflochtene Länder stark betroffen und würden rund ein Prozent Wachstum verlieren. Andere entwickelte Volkswirtschaften kämen glimpflicher davon. Innerhalb Europas wäre allerdings Deutschland eine Ausnahme. Da hier der Export stark an China hängt, würde das Wirtschaftswachstum um einen halben Prozentpunkt gedrückt – was erheblich ist.

Unterm Strich zeigen unsere Simulationen, dass eine harte Landung von Chinas Konjunktur die weltweite Wirtschaftsexpansion aus der Bahn werfen würde – wobei asiatische Volkswirtschaften besonders betroffen wären. Wer nach den jüngsten Erfahrungen immer noch davon ausgeht, dass Chinas Regierung oder Zentralbank das in jedem Fall zu verhindern wüsste, könnte enttäuscht werden.

Veröffentlicht:

Philipp Hauber
© IfW/Tobias Danklefsen
Philipp Hauber

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Weltwirtschaft

Philipp Hauber (Jg. 1986) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Prognosezentrum des Institut für Weltwirtschafts (IfW) in Kiel und dort zuständig für die USA und Schwellenländer. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Prognosemethoden und angewandten Makroökonometrie. Vor seiner Tätigkeit am IfW war er Mitglied des „Macroeconomic Forecasting Team“ der Wirtschaftsberatung Oxford Economics. Studiert hat er an der Universität zu Köln und der Universitat Pompeu Fabra, Barcelona.

Mehr anzeigen

Werden Sie kostenlos XING Mitglied, um regelmäßig Klartext-Debatten zu aktuellen Themen zu lesen.

Als XING Mitglied gehören Sie zu einer Gemeinschaft von über 14 Mio. Berufstätigen allein im deutschsprachigen Raum. Sie erhalten zudem ein kostenloses Profil und den Zugang zu spannenden News, Jobs, Gruppen und Events.

Mehr erfahren