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Helikopter-Eltern: Wie viel Vorsicht tut unseren Kindern gut?

Eltern wollen nur das Beste für ihr Kind. Doch immer häufiger übertreiben sie es mit ihrer Fürsorge. „Helikopter-Eltern“ machen dabei nicht nur den Kindern das Leben schwer, sondern auch sich selbst.

Eltern sind nicht schlechter als früher – nur ihr Ruf ist es

Gerlinde Unverzagt
  • Derzeit ist das „Eltern-Bashing“ in der Gesellschaft und den Medien beliebt
  • Dabei werden die Eltern alleingelassen und stehen unter immensem Druck
  • Es gibt keinen Beleg, was ein bestimmter Erziehungsstil mit Kindern macht

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Noch nie waren Eltern so gut wie heute: Sie wissen viel über die körperliche, geistige und seelische Entwicklung ihrer Kinder. Sie verbringen so viel gemeinsame Zeit mit ihren Kindern wie es nur irgendwie geht. Sie geben sich unendliche Mühe mit dem Nachwuchs und geben täglich ihr Möglichstes. Manche meinen, das sei des Guten zu viel und schimpfen über Helikopter-Eltern: gluckende, superehrgeizige Mütter und Väter, die ihren Kindern jeden Wunsch erfüllen, alles ermöglichen und sie rundum behüten, auf Schritt und Tritt begleiten, alles kontrollieren und nicht loslassen können. Auch die Medien berichten gern von diesen Zerrbildern: Eltern, die immer nur das Beste für ihre Kinder wollen und sie pausenlos hektisch in Autos verfrachten, um sie von der Geigenstunde über den Ballettunterricht zum Therapeuten zu chauffieren und nur innehalten, um noch mehr Lernsoftware zu kaufen, damit das Kind schon früh das Rüstzeug erwirbt, ohne das es im globalen Wettbewerb nicht bestehen kann.

Eltern stehen heute unter einem immensen Druck, auch wirklich alles und immer für ihre Kinder zu tun. Sie tun das, weil es sonst im Zweifel niemand tun wird. Kein Politiker, kein Lehrer, kein Erzieher.

Experten wissen Rat, aber der soll kosten

Dafür sind sie in der öffentlichen Wahrnehmung stets die Schuldigen, wenn die Kinder nicht die sogenannten Normalerwartungen erfüllen. Ein zutiefst negatives Elternbild ist vielleicht der größte Unterschied zwischen früher und heute. Elternschelte ist wohlfeil, und die dauerhafte Verunglimpfung von Eltern spielt vor allem denen in die Hände, die davon profitieren. Längst hat sich eine ganze Branche von Elternflüsterern um deren vermeintliche Fehlleistungen angesiedelt: nicht nur Anbieter von Lernsoftware und Förderprogrammen, sondern Dienstleister und Nutznießer aller Art dürfen von den Sorgen der Eltern profitieren: Therapeuten, Lerncoaches, Agenturen für die Vermittlung von Auslandsaufenthalten, englischen Internaten und kenntnisreiche Studienbegleitung. Geballte Expertenmacht will verdienen, das ist die Kehrseite des Phänomens der dauerverunsicherten, überbesorgten Elternschaften, denen man neuerdings nachredet, wie Hubschrauber um den Einsatzort „Kind“ zu kreisen. Ja, Eltern, umzingelt von politischer, pädagogischer, therapeutischer, merkantiler und medialer Expertise mit starkem Erwerbstrieb scheinen heute die einzigen zu sein, die keinen blassen Schimmer vom Kindergroßziehen haben!

Die Wirklichkeit sieht anders aus: Die überwiegende Mehrheit der Eltern macht genau das, was sie immer getan hat, und sie machen ihre Sache ziemlich gut. Nach bestem Wissen und Gewissen sorgen sie für ihre Kinder, jede Mutter auf ihre und jeder Vater auf seine Weise – immer fürsorglich, mal streng, mal lasch, gelegentlich überängstlich, vielfach irgendwie inkonsequent und trotzdem ziemlich erfolgreich.

Familien können sich am besten selbst helfen

Den eindeutigen Zusammenhang, wonach ein bestimmter Erziehungsstil bestimmte Eigenschaften hervorbringt, den gibt es nämlich nicht – auch wenn eindringlich suggeriert wird, der anspruchsvoll fordernde Vater sei der Grund für den beinharten Ehrgeiz der Tochter oder die überbehütende Mutter die Ursache für die Ängstlichkeit des Sohnes. Dafür spielen in die Entwicklung von Kindern zu viele andere Faktoren mit hinein, die außerhalb der Familie wirken. Ich finde: Einfach mal die Klappe halten, wenn das nächste Eltern-Bashing losbricht.

Einfach mal die Familien ein bisschen in Ruhe lassen. Was aus den vermeintlich überbehüteten, verwöhnten Kindern von heute später einmal wird, wissen wir schließlich noch nicht – ein Umstand, den die Häme, die sich heute einmal mehr über Eltern ergießt, verschweigt.

Veröffentlicht:

Gerlinde Unverzagt
© Olivier Favre
Gerlinde Unverzagt

Journalistin und Autorin

Gerlinde Unverzagt (Jg. 1960) arbeitete neben und nach dem Studium als freiberufliche Journalistin für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften und schrieb 1996 ihr erstes Buch. Mittlerweile hat sie mehrere Bücher veröffentlicht; ihre bevorzugten Themengebiete sind dabei Konflikte in sozialen Beziehungen, insbesondere Erziehungs- und Partnerschaftsprobleme. Im März 2017 erscheint im Beltz Verlag „Generation ziemlich beste Freunde“. Gerlinde Unverzagt ist vierfache Mutter.

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