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Fachkräftemangel – Mythos oder Mega-Problem?

Zu wenig junge Talente, zu wenig erfahrene Spezialisten: Das ist angeblich eine der größten Herausforderungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Aber stimmt das überhaupt?

Es gibt keinen Arbeitsmarkt für Ältere wie mich

Reimund Schmitt

Aus- und Weiterbildungsexperte

Reimund Schmitt
  • Hochqualifizierte über 50 Jahre haben kaum eine Chance auf einen Job
  • Wir brauchen eine Generationenquote bei Neueinstellungen
  • Demografischer Wandel ist ohne erfahrene Fachkräfte nicht zu schaffen

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Nach etwa 200 Bewerbungen habe ich aufgehört zu zählen. So oft habe ich in den vergangenen drei Jahren meinen Lebenslauf und meine Zeugnisse zusammengestellt und sie verschickt. Auf offene Stellen, initiativ, Jobmessen, an Bekannte, die sie an ihre Arbeitgeber weitergeleitet haben. Zum Gespräch eingeladen wurde ich trotzdem nie – und der Grund prangt prominent und unübersehbar auf meinen Unterlagen: Ich bin 62 Jahre alt. Und die Realität ist: Obwohl ich – studierter Ingenieur und erfahrener Aus- und Weiterbildungsexperte – sehr gern noch ein paar Jahre arbeiten würde, gibt es in Deutschland faktisch keinen Arbeitsmarkt für Ältere wie mich, wie ich auch aus einschlägigen Statistiken erkennen musste.

Natürlich könnte ich einfach in den vorgezogenen Ruhestand gehen, reisen, mich um meine Familie und Freunde kümmern. Aber ich würde mich gern einbringen. Und ich bin ja auch kein Einzelfall. Angesichts der demografischen Entwicklung müssen die Politiker endlich aufwachen: Wenn das Rentenalter immer weiter nach hinten verschoben wird, dann brauchen wir mehr Optionen für alle, für die gilt: „hoch qualifiziert und 50plus“. Ich persönlich kenne etliche, die das betrifft. Ich habe 30 Jahre lang bei Siemens gearbeitet, bis ich 2012 im Zuge der Schließung des Münchner Standorts von Nokia Siemens Networks GmbH & Co KG meinen Job verlor. Wie ich sind gut 500 meiner früheren Kollegen trotz intensiver Versuche arbeitslos – viele von ihnen Anfang, Mitte 50, mit Kindern in Ausbildung und einer Hypothek, die abbezahlt werden muss. Auch sie wollen (richtiger: müssen) wieder Arbeit finden.

Wir kämpfen mit Vorurteilen

Angeblich werden ja gerade im Informations- und Telekommunikationssektor Fachkräfte gesucht. Was wir uns fragen, ist: Warum werden dann so viele erfahrene Mitarbeiter einfach ignoriert? Angesichts des allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes bekommen wir natürlich kein offenes Feedback, dass es an unserem Alter liegt. Entsprechend können die oft vorherrschenden Vorurteile im Gespräch gar nicht erst entkräftet werden. Hinter vorgehaltener Hand wird uns gesagt „Ihre Kenntnisse sind bestimmt nicht mehr auf dem neuesten Stand“ oder „Sie sind bestimmt zu teuer“. Gefragt werden wir nicht. Eine Einarbeitungszeit, wie sie normalerweise jedem Mitarbeiter zugestanden wird, wird bei Älteren oft als zu großes Risiko eingestuft. Viele Personaler fürchten zudem offenbar, dass wir unbequem sein könnten – und unsere Vorgesetzten öfter kritisieren könnten als Jüngere.

Um zu zeigen, dass viele dieser vermeintlichen Einstellungshemmnisse unbegründet sind, haben wir uns zu der Interessengemeinschaft „Bestager-ITK“ zusammengeschlossen. Wir, das sind rund 100 Experten aus der Telekommunikations- und IT-Branche (ITK), die sich regelmäßig austauschen, unterstützen und die Öffentlichkeit sensibilisieren wollen: Wir fordern einen besseren „Marktplatz“ für unsere Arbeit! Aber wir fordern nicht nur, wir sind auch aktiv, gehen mit unseren Profilen zu Wirtschaftsverbänden und zu Politikern. Wir wollen wieder von Leistungsempfängern zu Steuerzahlern werden! Da es sich um ein gesellschaftliches Problem handelt, brauchen wir Unterstützung aus der Politik. Das Problem scheint bekannt zu sein. Man zeigt uns gegenüber auch Verständnis, verweist jedoch auf die Zuständigkeit der Agentur für Arbeit.

Die Agentur für Arbeit könnte viel bewegen

Konkret wollen wir: Arbeitgeber, die Ältere einstellen, sollen zum Beispiel für die Dauer der Probezeit einen Zuschuss zu deren Gehalt erhalten. Auch Projektarbeit, die beiden Seiten die Chance geben würde, sich unverbindlich kennenzulernen, sollte gefördert werden. Kernpunkt eines solchen Marktplatzes sollte in erster Linie die zielgerichtete Lancierung der Älteren mit Beratung über flankierende Maßnahmen durch die Agentur für Arbeit bei potenziellen Arbeitgebern sein. Dies soll verhindern, bereits bei der Vorauswahl aus dem Bewerbungsprozess zu fallen und nicht einmal die Chance zu einem Gespräch besonders mit den Fachverantwortlichen zu bekommen. Vermeintliche Einstellungshemmnisse sollen mit gezielten durch die Agentur für Arbeit geförderten Maßnahmen in Abstimmung mit dem neuen Arbeitgeber behoben werden. Langfristig denkbar wäre auch die Einführung einer Generationenquote bei Neueinstellung: So würde die Altersstruktur der Betriebe an die der Bevölkerung angepasst. Mir ist bewusst, dass dies kurzfristig nicht erreichbar ist. Vorstellbar wäre aber eine Bonusregelung bei öffentlichen Aufträgen für Firmen, die Ältere bei Neueinstellungen besonders berücksichtigen.

Was passiert, wenn wir nicht handeln? Nach dem Auslaufen des Arbeitslosengelds I haben die wenigsten älteren Arbeitnehmer die Chance, eine Tätigkeit aufzunehmen, die zu ihren Fähigkeiten passt. Eine Selbstständigkeit aufzubauen würde zu lange dauern. Für viele Arbeitssuchende heißt das: Läuft das ALG I aus, müssen sie zunächst ihr Erspartes und ihre Altersvorsorge aufbrauchen, bevor sie Hartz IV beantragen können. Soll die Gesellschaft nicht langfristig Schaden nehmen, müssen wir also jetzt handeln. Rente mit 67 oder noch später kann nur dann funktionieren, wenn auf der anderen Seite leistungsfähige und -willige Fachkräfte ab 50 nicht systematisch vom Arbeitsmarkt ausgegrenzt bleiben. Denn wie soll man der jungen Generation sonst klarmachen, dass sich Einsatz und Leistung lohnen?

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Reimund Schmitt
© Reimund Schmitt
Reimund Schmitt

Aus- und Weiterbildungsexperte

Reimund Schmitt (Jg. 1952) hat 30 Jahre bei Siemens/Nokia Siemens Networks gearbeitet – zuletzt als Trainer bei der NSN Academy. Zuvor war er Link Officer in einem Projekt und Referent für technische Bildung in der Zentralabteilung Personal. Er hat Nachrichtentechnik und Höheres Lehramt für Berufsbildende Schulen studiert einschließlich des zweiten Staatsexamens. Er engagiert sich in der Selbsthilfe-Organisation Bestager-ITK, einer Selbsthilfegruppe für arbeitssuchende Senior Experten.

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