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Wirtschaftswunder China – Sind wir zu naiv gewesen?

Für China galt sehr lange nur „höher, schneller, weiter“. Doch auf einmal lahmt die Konjunktur; die Nervosität bei Exporteuren und Anlegern steigt. Was können wir von China künftig noch erwarten?

Es gibt keinen Grund zur Panik

Dr. Frank Appel

Vorstandsvorsitzender, Deutsche Post DHL Group

Dr. Frank Appel
  • Chinas Wirtschaft kann nicht auf ewig um zehn Prozent und mehr wachsen
  • Panikreaktionen als Antwort auf geringere Wachstumsraten sind übertrieben
  • Was wir brauchen, sind Zuversicht und ein langer Atem

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Wachstum und weltweiter Handel bilden den Motor der Weltwirtschaft, und China war über Jahrzehnte als „Werkbank der Welt“ der Turbolader. Dies stimmt in dieser Absolutheit nicht mehr. China befindet sich auf einem Transformationspfad. Das einstige „Dauerwunder“ mit investitionsgetriebenen, zweistelligen Zuwachsraten wandelt sich zu einer Volkswirtschaft, die ihre Wachstumskraft zunehmend aus wachsendem Binnenkonsum, Innovation und einer starken Dienstleistungsbranche zu schöpfen versucht. Gerade unter den besonderen strukturellen Bedingungen des Landes ist dieser Wandel anspruchsvoll und wird nicht über Nacht zu erreichen sein.

Die Nervosität an den Finanzmärkten ist offenbar sehr hoch

Die Finanzmärkte haben auf die jüngst erfolgte, abrupte Währungsabwertung des Renminbi mit extremer Nervosität und Kursstürzen reagiert. Für mich handelt es sich hier um Überreaktionen, die mehr mit Psychologie als der tatsächlichen Entwicklung der Realwirtschaft, wie wir sie beobachten können, zu tun hat. Was wir momentan in China sehen, ist die Normalisierung einer Volkswirtschaft, die ein Reifeniveau erreicht hat. Chinas Wirtschaft wächst aktuell um 6,5 bis 7 Prozent. Auch wenn Wachstumsraten deutlich über sieben Prozent vermutlich der Vergangenheit angehören dürften, so sind auch in Zukunft Steigerungen um sechs Prozent absolut realistisch. Für mich befindet sich China damit nach wie vor auf einem gesunden Wachstumspfad, und ich bin der festen Überzeugung, dass das Wachstum von Schwellenländern wie China mittel- und langfristig weiterhin deutlich über dem Wachstum reiferer Märkte liegen wird. Und dabei geht es nicht nur um Wachstumsraten: Mittlerweile ist China nach den USA die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Mit einem Zuwachs von sechs Prozent wäre das Wachstum in China immer noch größer, als wenn man quasi die komplette Wirtschaftsleistung eines Landes wie Polen oder Schweden „zuschalten“ würde.

China wird bald zum größten Markt für Online-Handel aufsteigen

Eine weiter zunehmende Urbanisierung und der nachholende Konsum einer wachsenden chinesischen Mittelschicht werden dabei eine wichtige Rolle spielen. China wird sich in den nächsten Jahren zum größten Markt für Online-Handel entwickeln und DHL diese Entwicklung sehr aktiv begleiten. Ende Juli 2015 haben wir einen neuen DHL E-Commerce Terminal in Schanghai in Betrieb genommen. Bis Ende 2015 werden wir zusätzliche Abgabestellen in Nord- und Südchina einrichten. Der neue Terminal ist künftig das zentrale Konsolidierungszentrum für den weltweiten Versand von in China gefertigter Ware. Zusätzlich bieten wir eigene Versandlösungen für Online-Händler in den USA oder auch Europa nach China an. Der chinesische E-Commerce-Sektor bietet enormes Potenzial. Allein in den ersten fünf Monaten des Jahres 2015 hatten die Umsätze bereits den Wert des Gesamtjahrs 2014 erreicht.

China verändert sich und definiert seine Rolle in der Weltwirtschaft gerade neu. Wir sollten diesen Wandel mit Zuversicht und langem Atem statt mit Krisenszenarien begleiten.

Veröffentlicht:

Dr. Frank Appel
© Deutsche Post DHL
Dr. Frank Appel

Vorstandsvorsitzender, Deutsche Post DHL Group

Dr. Frank Appel (Jg. 1961) ist als Vorstandsvorsitzender von Deutsche Post DHL Group für das globale Management des weltweit führenden Post- und Logistikkonzerns verantwortlich. Er kam 2000 als Zentralbereichsleiter Konzernentwicklung zum Unternehmen und ist seit 2002 Mitglied des Vorstands. Zuvor war er Partner und Mitglied der Geschäftsführung bei McKinsey & Co.. Er absolvierte ein Diplom in Chemie und hat an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich in Neurobiologie promoviert.

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