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Fachkräftemangel – Mythos oder Mega-Problem?

Zu wenig junge Talente, zu wenig erfahrene Spezialisten: Das ist angeblich eine der größten Herausforderungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Aber stimmt das überhaupt?

Es gibt noch Fachkräfte – sie sind nur woanders zu suchen

Arne Hosemann
  • Unternehmen finden immer weniger Kandidaten für ihre IT-Stellen
  • Spezialisten machen sich selbstständig, statt sich anstellen zu lassen
  • Wer sie gewinnen will, muss konservative Werte hinterfragen

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In den Generationen unserer Großeltern und Eltern war es noch üblich, 35 Jahre für ein und denselben Arbeitgeber tätig zu sein. Wie sich die Zeiten geändert haben! Wer heute fünf oder zehn Jahre im Berufsleben hinter sich hat, hat diese immer seltener in nur einem Betrieb erlebt – insbesondere als IT-Fachkraft. Wohl auch wegen dieser Fluktuation lesen wir immer wieder vom Fachkräftemangel. Und bei denjenigen, die jetzt ihre berufliche Karriere beginnen, kann man eine Verstärkung dieses Trends erwarten. Auch durch die Einblicke, die ich durch mein Unternehmen erlangt habe, kann ich bestätigen, was von Unternehmen und Branchenverbänden seit Jahren zunehmend beklagt wird: In der IT bleiben Stellen oft über Monate hinweg unbesetzt. Das ist aufwendig und teuer, weil es Prozesse verlangsamt und auf dem Weg in die Digitalisierung hemmt.

Arbeit darf vieles sein, aber auf keinen Fall Alltag

Entsprechend hat sich das Blatt gewendet: Früher hat der Bewerber einen Job gesucht, heute sucht der Arbeitgeber einen Bewerber. Das ist nicht weniger als ein Paradigmenwechsel: 35 Jahre in demselben Unternehmen? Immer am gleichen Ort? Die gleiche IT-Architektur oder Programmiersprache? Warum? Arbeit darf vieles sein, aber auf keinen Fall Alltag.


Wo sind die Fachkräfte? Wo die Jobs und besten Arbeitgeber? Unsere Kollegen von XING E-Recruiting haben sich den Arbeitsmarkt der deutschen Regionen angesehen. Den Arbeitsmarktkompass finden Sie hier.


Auch alteingesessene Firmen locken potenzielle IT-Angestellte mit attraktiven Gehältern und zunehmend flexibleren Arbeitsmodellen, doch an das Jahresgehalt und die Flexibilität eines gut gebuchten IT-Freelancers kommen sie nicht heran. Und so wird der Bewerberpool, auf den klassische Unternehmen für eine Vollzeitstelle zurückgreifen können, in der Tat immer kleiner. In der Praxis heißt das: Je erfahrener und talentierter eine IT-Fachkraft ist, desto höher ist auch die Chance auf eine hohe Auslastung sowie finanzielle Sicherheit als Selbstständiger und desto geringer ist die Bereitschaft, dies für eine Festanstellung aufzugeben. Wollen Unternehmen ihren Bedarf an Fachkräften genauso wie in den vergangenen 20 Jahren decken, müssen sie deshalb immer länger suchen – oder alternativ die Ansprüche an Bewerber hinsichtlich Erfahrung und Qualität herunterfahren.

Unternehmen müssen nicht auf Spezialisten verzichten

Die gute Nachricht ist allerdings: Die sehr erfahrenen und gut ausgebildeten IT-Fachkräfte sind nicht weg – sie sind nur anders einzusetzen und zu motivieren als früher. Unternehmen müssen nicht auf sie verzichten, sondern können sie als Freelancer einstellen und sie temporär in Projekten beschäftigen, in denen ihre Expertise gefragt ist. Auch in anderer Hinsicht verändert sich die Arbeitswelt: Die Arbeit vor Ort im Büro beispielsweise gilt längst als Vorgabe von gestern und lässt auf ein konservatives Umfeld schließen – nichts, was auf begehrte Experten attraktiv wirkt. Erfahrene IT-Fachkräfte können sich als Freelancer zunehmend „wehren“. Ihre Projektpipeline ist gut gefüllt, vielfach auch mit internationalen Kunden und ohne Präsenzpflicht.

Unternehmen können diese Entwicklung durchaus als Chance begreifen. Dank der technologischen Entwicklung können auch Unternehmen in Deutschland Fachkräfte aus aller Welt engagieren. Wer in Deutschland Schwierigkeiten hat, hiesige Talente zu finden, der kann sich projektbasierte Unterstützung inzwischen aus allen Teilen der Erde holen - erfahrene und gute Softwareentwickler gibt es auf allen Kontinenten. Verzichtet das Unternehmen ganz oder teilweise auf die überkommene Präsenzpflicht, erhöhen sich die Chancen deutlich. Auf diese Weise kann für aufgeschlossene Firmen plötzlich die ganze Welt zum Talentpool werden.


Diskutieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser: Suchen Sie auch in Ihrer Abteilung händeringend Fachkräfte? Welche Erfahrungen machen Sie mit der Suche nach dem richtigen Kandidaten?

Veröffentlicht:

Arne Hosemann
© Expertlead
Arne Hosemann

Mitgründer und Co-Geschäftsführer, Expertlead

Der ehemalige Unternehmensberater für Digitalstrategien und Private Equity war mehrere Jahre lang für Bain & Company tätig. Seit Anfang 2018 ist Arne Hosemann Geschäftsführer von Expertlead, einem Berliner Start-up, das IT-Freelancer code-basiert testet und an Unternehmen vermittelt.

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