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Familienunternehmen: Fluch oder Segen?

Vertrauen, Bindung und Loyalität ermöglichen Familienunternehmen enorme Wettbewerbsvorteile. Sie gelten gemeinhin als besonders langlebig. Doch nur, solange Frieden in der Familie herrscht.

Familienunternehmen sind besonders anfällig für Konflikte

Arist von Schlippe

Direktor, Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU)

Arist von Schlippe
  • Familien und Unternehmen sind an sich eine unmögliche Konstruktion
  • Dennoch bedeutet die Familie für viele Firmen einen Wettbewerbsvorteil
  • Erfolgreich ist dabei aber nur, wer familiäre Konflikte souverän meistert

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Familienunternehmen sind theoretisch gesehen eine unmögliche Konstruktion. Zwei soziale Systeme, die auf so unterschiedlichen Rationalitäten, so unterschiedlichen Logiken aufgebaut sind wie Familie und Unternehmen, können eigentlich nicht zusammenpassen! Konflikte in Unternehmerfamilien wären daher die zu erwartende Regel, der anzunehmende „Normalfall“.

Dass es dennoch vielen Unternehmerfamilien gelingt, mit dem Unternehmen, an das sie so eng gebunden sind, nicht nur einigermaßen klarzukommen, sondern sich in dem Spannungsfeld so konstruktiv zu bewegen, dass das Unternehmen einen besonderen Wettbewerbsvorteil aus der Verbindung zieht (die sogenannte Familiness) und auch die Familie sich weiterentwickelt, bleibt eine zu erklärende wissenschaftliche Herausforderung.

Unsicherheiten bestimmen die Kommunikation

Doch bleiben wir beim Konfliktfall. Die Unsicherheit in der Familie oder des Unternehmens, in welcher Logik gerade kommuniziert wird, ist in Unternehmerfamilien vielfach präsent, wir sprechen hier auch von „Paradoxien“: Entscheidungen, die in der einen Logik „richtig“ sind – etwa einen als ungeeignet empfundenen Nachkommen von der Nachfolge auszuschließen –, werden in der anderen Logik als „Verrat“ empfunden, als tiefe Kränkung. Psychologische Fragen (zum Beispiel „Werde ich, im Vergleich zu meinen Geschwistern, geliebt/geschätzt?“, „Wird gesehen und gewürdigt, wie viel Einsatz ich gezeigt habe?“ oder „Bekomme ich den Respekt, der mir zusteht?“), Themen der Lebensplanung („Soll ich jetzt BWL studieren oder doch lieber Musik?“) und wirtschaftliche Interessen („Wird meine Zukunft im Unternehmen sein?“) sind nur schwer auseinanderzuhalten. So sind die Möglichkeiten, dass Konflikte entstehen können, vielfältiger als in anderen Familien. Familienunternehmen bedeutet also nicht zwangsläufig „Konflikt“, aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist höher.

Der Konflikt unterschiedlicher Logiken

Es sind meines Erachtens vor allem zwei Paradoxien, die hier bedeutsam sind: die Unklarheit, als wer man gerade angesprochen wird, und die Unmöglichkeit, in der Logik des Unternehmens und der Familie zugleich „gerecht“ zu handeln. So ist es ein großer Unterschied, aus welcher der Logiken heraus man spricht. Und wenn der andere sich in einer anderen Logik bewegt als man selbst (und beiden diese Differenz nicht bewusst ist), ist der Einstieg in den Konflikt leicht: Der andere kann ja nur „dumm“, „krank“ oder „böse“ sein (eine dieser Kategorien nutzen wir gern, wenn wir Kommunikation und Handeln des anderen nicht verstehen).

Das Gegenüber ist nicht der eigentliche Gegner

Dummerweise beschreiben beide Seiten einander oft spiegelverkehrt auf solch negative Weise. Die Idee, dass tatsächlich beide „recht“ haben könnten, dass der andere vielleicht weniger „Gegner“ ist als vielmehr selbst in die Paradoxie verstrickt, steht oft gar nicht mehr zur Verfügung. Und wenn der Konflikt erst einmal Einzug gehalten hat, dann gewinnt er eine Eigendynamik, als ob man auf einer abschüssigen Eisbahn stünde: „Haben sich Beteiligte erst mal auf einen Konflikt eingelassen, so erwarten sie voneinander gegenseitiges Widersprechen, auch wenn die Themen und Anlässe wechseln“, beschreibt es Sozialwissenschaftler Thorsten Bonacker treffend. Dann laufen Konflikte wie überall in ihrer fast voraussehbaren Eigendynamik ab.

Die Kernfrage ist also, ob es gelingt, sich so früh wie möglich darauf zu verständigen, dass die Paradoxie und die Konfliktdynamik die eigentlichen „Gegner“ sind, nicht der oder die jeweils andere Person.

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Arist von Schlippe
© WIFU
Arist von Schlippe

Direktor, Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU)

Arist von Schlippe (Jg. 1951) ist Inhaber des Lehrstuhls Führung und Dynamik von Familienunternehmen sowie Direktor des Wittener Instituts für Familienunternehmen (WIFU) an der privaten Universität Witten/Herdecke. Als diplomierter Psychologe arbeitete er zuvor außerdem jahrelang im Fachgebiet Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Osnabrück.

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