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Niedrige Renten sind oft ein Frauenproblem. Ist das gerecht?

Noch immer verzichten mehr Frauen als Männer für die Familie auf Karrierechancen. Das führt im Alter zu ungleichen Rentenansprüchen. Ist das gerecht? Was können wir tun?

Frauen, seid nicht so zurückhaltend!

Ria Schröder
  • Frauen wählen die falschen Berufe
  • Kitas müssen so flexibel sein wie zwei Vollzeit arbeitende Eltern
  • Eine verpflichtende Aktienaltersvorsorge kann vor Altersarmut schützen

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Das deutsche Rentensystem knarzt an allen Ecken und Enden. Die alternde Gesellschaft, der nahende Renteneintritt der Babyboomer und Entscheidungen wie die Rente mit 63 bringen den Generationenvertrag ins Wanken. Gleichzeitig sind schätzungsweise mindestens eine halbe Million Rentnerinnen und Rentner von Altersarmut betroffen, jeder zweite Deutsche hat Angst davor. Insbesondere Frauen müssen sich sorgen, im Alter nicht genug zum Leben zu haben: Sie erhalten durchschnittlich 25 Prozent weniger Rente als Männer. Gerade alleinstehende Frauen sind von Altersarmut bedroht.

Berufe, die vornehmlich von Frauen gewählt werden, werden schlechter bezahlt

Den ersten Schritt in die Altersarmut tun Frauen und Mädchen oft schon weit vor dem Renten- oder sogar Berufseintritt. Vor Kurzem habe ich ein Video einer Grundschulklasse gesehen. Die Kinder sollten jemanden malen, der bei der Feuerwehr arbeitet. Heraus kamen Bilder von Feuerwehrmännern. Das gleiche Ergebnis bei Astronauten, Piloten, Polizisten: Alle Zeichnungen zeigten Männer. Rollenbilder entstehen früh. Es ist nichts Schlimmes daran, wenn sich Mädchen zu Fasching als Prinzessin verkleiden wollen und Jungs als Cowboy – oder umgekehrt. Kinder sollten sich vor allem frei entfalten können.

Verkrustete Rollenbilder haben nämlich auch eine andere Folge: Sie führen dazu, dass junge Frauen ihre Fähigkeiten falsch einschätzen. „Mädchen sind gut in Deutsch und schlecht in Mathe“ – das ist ein Klischee. Aber es prägt hartnäckig die Vorstellungen von Mädchen und Jungen, beeinträchtigt die Selbstwahrnehmung und führt dazu, dass Frauen öfter klassisch „weibliche“ Berufe wählen und selten Elektrikerin oder Ingenieurin werden. Nur zehn bis 15 Prozent Frauen wählen einen Ausbildungsberuf oder ein Studium in den MINT-Fächern. Berufe, in denen Frauen überproportional arbeiten – Erzieherin, Krankenschwester, Altenpflegerin –, werden häufig schlecht bezahlt. Hinzu kommt, dass Frauen früh lernen, nicht zu zielstrebig, energisch oder aufrührerisch zu sein. Genau das wirkt sich aber später oft negativ auf den beruflichen Aufstieg und bei Gehaltsverhandlungen aus.

Eine bessere Berufsorientierung in den Schulen und eine Kultur, die die individuellen Stärken jedes Einzelnen unabhängig vom Geschlecht fördert, sind entscheidend, damit Frauen in vermeintlich männerdominierte Berufe und in die oberen Gehaltsklassen vordringen. Außerdem können mehr Vorbilder jungen Mädchen neue Perspektiven eröffnen oder unterbewusste Vorurteile beseitigen – auch bei Eltern und Lehrern.

Eltern müssen sich Erziehungs- und Pflegearbeit fairer aufteilen können

Damit der eigene berufliche Lebensweg nicht per se im Konflikt zur Gründung einer Familie steht, muss zusätzlich an weiteren Stellschrauben gedreht werden. 48 Prozent aller sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen arbeiten in Teilzeit (Männer: elf Prozent), leisten aber gleichzeitig mehr unbezahlte Arbeit bei der Kindererziehung oder der Pflege von Angehörigen. Die Crux: Dabei verzichten sie auf Lohn, Rentenansprüche – und finanzielle Unabhängigkeit.

Ich möchte Frauen nicht vorschreiben, ob und wie viel Zeit sie mit Beruf und Kindern verbringen – das ist eine Entscheidung, die persönlich und mit dem Partner gemeinsam getroffen werden sollte. Doch ich möchte, dass diese Entscheidung frei ist und nicht auf äußeren Zwängen wie unflexiblen Kita-Öffnungszeiten beruht. Dafür muss die Kita mindestens so lange offen sein, wie ein Arbeitstag lang ist – und so flexibel, dass die Mutter, die in einem Meeting festhängt, keine Angst haben muss, dass ihr Kind allein vor der Tür sitzt. Von einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie profitieren Frauen und Männer.

Ohne Aufklärung keine Vorsorge: Bildung, Transparenz und eine verpflichtende Aktien-Altersvorsorge schützen nicht nur, aber gerade Frauen vor Altersarmut

Doch nicht nur die Rahmenbedingungen in der Schule und im Berufsleben müssen sich ändern. Bei der Rente gilt auch: ohne Aufklärung keine Vorsorge. Für viele ist die Rente weit entfernt und ein Thema für Oma und Opa, aber nichts, mit dem man sich in jungen Jahren beschäftigt. Das ist fatal, denn schon mit geringem Einkommen lässt sich viel bewirken. In der Schule sollten Schülerinnen und Schüler deshalb mit dem Thema Altersvorsorge konfrontiert und über das Rentensystem und die verschiedenen Vorsorgemöglichkeiten neutral und altersgerecht informiert werden.

Darüber hinaus brauchen wir mehr Transparenz für den individuellen Rentenanspruch: Mit einem digitalen Renteninformationssystems, das die Höhe der zu erwartenden Renten aus betrieblicher, privater und kapitalgedeckter Altersvorsorge darstellt, kann die eigene Vorsorgesituation realistisch eingeschätzt und frühzeitig Maßnahmen ergriffen werden. Eine Frau, die etwa überlegt, ihre Stunden für die Pflege von Angehörigen zu reduzieren, könnte ihre Entscheidung mithilfe dieser Informationen selbstbestimmter treffen.

Zuletzt sind Frauen wesentlich zurückhaltender, wenn es um die private Vorsorge geht. Noch immer glauben viele, Investitionen in Immobilien oder Aktien seien etwas für das eine oberste Prozent. Nur 9,5 Prozent der Frauen legen ihr Geld in Aktien an. Dabei werden bei jahrzehntelangen und breit gestreuten Kapitalmarktanlagen temporäre Abschwünge abgefedert und Risiken minimiert. Gleichzeitig eröffnen sich lohnende Renditechancen.

Mit einer verpflichtenden privaten Aktienaltersvorsorge mit schlanken Strukturen in einem breit gestreuten Lebenszyklusportfolio könnten jede Bürgerin und jeder Bürger ab Geburt ein individuelles Wertpapierdepot erhalten und so individuell für das Alter vorsorgen. Außerdem müssen wir durch bessere Bildung beim Thema Finanzen der Angst vor Aktien durch Informationen und Aufklärung begegnen. Frauen, die ihr Vermögen selbstbewusst verwalten, sind auch bei der Altersvorsorge selbstbestimmt und so gegen Altersarmut gewappnet.

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