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Neue Arbeitswelt: Ist New Work wirklich ein Heilsbringer?

Flexibilität, Homeoffice und Shared Leadership: Immer mehr Unternehmen setzen auf neue Arbeitsmethoden. Was vielfach als Gewinn für die Mitarbeiter gefeiert wird, hat aber auch seine Schattenseiten.

Frauen und New Work: das Homeoffice als Karrierefalle

Petra Rohner
  • Flexibles Arbeiten nutzt vielen Frauen – und kann ihre Karriere gefährden
  • Wir brauchen ein neues Bewusstsein bei der Leistungsbewertung
  • Bei älteren Angestellten unterschätzen Chefs oft die Anpassungsfähigkeit

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Aus meiner Sicht wird New Work zu oft mit einer Flower-Power-Mentalität vorgestellt. Alles ist gut, alles eine neue Chance, die genutzt werden soll. Aber besonders Frauen und ältere Arbeitnehmer müssen aufpassen, dass New Work für sie nicht zur Karrierefalle wird.

Damit wir uns nicht missverstehen: Ich lebe New Work seit Jahren mit allen Höhen und Tiefen und bin überzeugt davon, dass sie den Arbeitsalltag der Zukunft prägen wird. Wer wie ich die Vorteile aus Überzeugung umsetzt und die Herausforderungen meistert, möchte mit keinem anderen Arbeitsmodell mehr tauschen.

Aber New Work kann nur funktionieren, wenn Unternehmen und Angestellte die Herausforderungen meistern, die damit verbunden sind. Nicht jeder kann oder möchte New Work leben. Viele Menschen brauchen Struktur, Vorgaben und Kontrollen, um wirklich gute Leistung zu erbringen. Wer solche Anreize braucht, für den sind flexiblere Arbeitsbedingungen kontraproduktiv. Diese Realität wird oftmals zu wenig beachtet und in den Unternehmen nicht angesprochen.

Homeoffice kappt die inoffiziellen Kanäle ins Unternehmen

Auch schadet ein eigentlich wichtiger Teil von New Work ausgerechnet den Frauen. Flexible Arbeitszeiten und Homeoffice sind die grossen Vorteile des Konzeptes. Zu Hause arbeiten bedeutet jedoch auch, in vielen wichtigen Momenten in der Firma nicht dabei zu sein. Da Homeoffice noch immer besonders von Frauen beansprucht wird, ist genau dies einer der Schwachpunkte der sonst so guten Entwicklung.

Wer zu Hause arbeitet, merkt mit der Zeit, dass viele Themen, die im Team in den Pausen oder über Mittag besprochen werden, an einem vorbeigehen. Von Beförderungen erfährt man oft erst, wenn sie offiziell mitgeteilt werden – sogar wenn man selbst Interesse an der Position gehabt hätte.

Für firmeninterne Beförderungen braucht es die Sichtbarkeit von Kandidatinnen. Je mehr Mitarbeiterinnen Homeoffice in Anspruch nehmen, desto grösser ist die Anforderung an die Führungslinie, die Arbeit zu beurteilen. Noch immer gehen viele Teamleiter eher nach Anwesenheit und nicht nach Leistung.

Aus meiner Sicht wird sich erst dann etwas ändern, wenn auch vermehrt Männer in Teilzeit arbeiten oder Homeoffice in Anspruch nehmen. Dann sind Frauen weder im Unternehmen noch im Team noch für die Führungspersonen ein Sonderfall, sondern Normalität.

New Work als Karrierekiller für die Generation 50 plus

Auch im Arbeitsmarkt 50 plus brauchen wir mehr Aufmerksamkeit. Noch immer ist die Diskussion hier zu stereotyp. Es werden etwa die höheren Sozialkosten als Grund genannt, aus dem Personen über 50 keine Anstellung mehr finden. Wir sollten uns aber zuerst die Frage stellen, warum Personen mit so viel Erfahrung überhaupt die Kündigung erhalten.

Viele Kandidaten in meinen Seminaren und Beratungen waren sich sehr bewusst, dass Unternehmen in einer Umstrukturierungsphase auch die Führungspositionen neu beurteilen und dass diese Positionen neue Anforderungsprofile erhalten. Sie wären bereit gewesen, diese Veränderungen als Angestellte mitzutragen. Selbst für einen Lohnverzicht wären viele offen gewesen. Doch nur die wenigsten Unternehmen führen über solche Dinge offene Gespräche mit ihren Angestellten. Die Führungskräfte selbst denken oft, es hat noch Zeit, die Vorgesetzten wählen mit der Kündigung den vermeintlich einfacheren Weg.

Die Reaktion vieler Betroffener ist die Selbstständigkeit. Wer sich mit 50 plus zu diesem Schritt entschließt, sollte sich aber zuerst weniger mit den fachlichen Aspekten seiner neuen Rolle befassen, sondern mit der persönlichen Positionierung. Denn Unternehmen und Titel, die zuvor Sicherheit gaben, fehlen nun.

Die Anforderungen im Bereich Kundengewinnung und -pflege werden meist stark unterschätzt. Dazu kommt die Herausforderung der Eigenpositionierung. Ich kann zukünftige Partner und Kunden nicht mit meiner vergangenen Position oder einem Titel überzeugen, sondern muss mich neu aufstellen. Für die Generation, der Karriere und Titel Sicherheit gaben, ist dies oft eine grosse Herausforderung.

All diese Probleme sind lösbar. Gelingt das, kann New Work auch tatsächlich viele der Hoffnungen erfüllen, die damit verbunden sind. Ich appelliere deshalb an Unternehmen, das Konzept so zu integrieren, dass wirklich eine neue Unternehmenskultur entsteht, in der alle Mitarbeitenden eingebunden sind bei der Personalgewinnung.


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Petra Rohner
© Petra Rohner
Petra Rohner

Dozentin und Referentin, PR Consulting GmbH

for Frauen, Business, Networking, Netzwerke

Petra Rohner ist Dozentin und Seminarleiterin zum Thema „Netzwerke im Bewerbungsprozess“. Mit PR Consulting GmbH ist sie Ansprechpartnerin für Universitäten, Hochschulen, Institutionen und in der Outplacement Beratung. Als XING Ambassadorin betreut sie die Gruppe SWONET (Swiss Women Network), inzwischen das grösste Frauen-Businessnetzwerk der Schweiz. Diese Vernetzung wird aktuell im XING auch auf Deutschland und Österreich ausgeweitet.

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