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Arbeitswelt im Umbruch: Wie wollen wir künftig arbeiten?

Weg von der starren 40-Stunden-Woche: Die Jobs der Zukunft müssen flexibler werden - das fordern Arbeitnehmer wie führende Vertreter der Wirtschaft. Doch was würde das in der Praxis bedeuten?

Führt die Regelarbeitszeit von 30 Stunden ein!

Markus Väth
  • Überstunden sind für die meisten von uns die Regel, nicht die Ausnahme
  • Wir sind aber zu feige oder zu träge, um uns gegen Mehrarbeit zu wehren
  • Wir sollten endlich wieder arbeiten, um zu leben – und nicht andersherum

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Wussten Sie, dass die Deutschen die meisten Überstunden aller Europäer ableisten? Pro Woche sind es 2,7 Stunden – konservativ geschätzt. Dazu kommen noch die Millionen Überstunden, die nirgendwo verzeichnet sind, weil sie im Arbeitsvertrag mit dem Gehalt abgegolten sind. Wir nehmen das als Arbeitsgesellschaft mehr oder weniger klaglos hin, weil wir alle treue Unternehmenssoldaten sind oder schlicht zu träge, um dem Chef die Stirn zu bieten und den Job zu wechseln.

Die größte religiöse Gruppe in Deutschland sind die Arbeitsfetischisten

Wir können selbstverständlich über das religiöse Gleichgewicht von Christen, Muslimen und anderen Gruppen diskutieren. Wir könnten aber auch darüber diskutieren, ob Deutschland nicht das Land ist, welches flächendeckend einer anderen Religion verfallen ist: der Arbeit. Nirgendwo sonst ist Arbeit dermaßen mit Selbstwert verknüpft wie hier. Wir sagen: Lebt, um zu arbeiten. Die Franzosen beispielsweise sagen: Arbeitet, um zu leben! Savoir vivre. Gut, Frankreich ist vielleicht ein schlechtes Beispiel: Die streiken und motzen sich gerade in die industrielle und wirtschaftspolitische Steinzeit zurück. Aber grundsätzlich sei die Frage nach dem richtigen Maß Arbeit erlaubt. Denn mit fast religiöser Inbrunst verteidigen wir einen ineffizienten Präsentismus oder vermauern Kollegen den Aufstieg, wenn die es wagen, eine Babypause einzulegen.

Forderungen nach Flexibilität sind Unsinn, wenn man dauererreichbar ist

Hoppla, wird mancher nun denken. Es muss ja nicht gleich der Teilzeit-Hammer sein. Nutzen wir doch erst flexible Arbeitszeiten, Homeoffice und den ganzen neumodischen Spaß. Finde ich persönlich prinzipiell auch ziemlich gut. Doch was nützen Ihnen flexible Arbeitszeiten, wenn Ihre angebliche Freizeit auch noch mit Arbeit zugemüllt wird? Stichwort: Erreichbarkeit am Wochenende. Meine Vermutung: 90 Prozent aller flexiblen Arbeitszeit-Modelle gehen zulasten des Arbeitnehmers. Zeigen Sie mir den Arbeitnehmer, der die Eier hat, bei seinem Chef aufzulaufen und mitzuteilen: „Sorry, so geht das nicht. Mein Wochenende gehört mir.“ Da wird der Jünger der Arbeitsreligion lächeln und erwidern: „Kein Problem. Und die Wochentage gehören Ihnen gleich mit. Hier sind Ihre Papiere.“

Wenn du die Spieler nicht austauschen kannst, ändere die Regeln

Deshalb plädiere ich für eine Regelarbeitszeit von 30 Stunden. Das Wort „Teilzeit“ finde ich dafür eher unpassend. Diese Teilzeit wäre für mich die neue Vollzeit. Wir müssten es schon deswegen Vollzeit nennen, weil in Deutschland nur Vollzeit-Kräfte vollwertige Kräfte sind. Glauben Sie nicht? Ich kann problemlos Kontakte herstellen zu hochqualifizierten Müttern, denen ihr Teilzeit-Wunsch um die Ohren geklatscht wird. Daher muss unser Ansatz ein anderer sein. Wenn du die Spieler nicht austauschen kannst, ändere die Regeln. Wenn die Arbeitsfetischisten flächendeckend am Ruder sind, schränke ihren Spielraum ein. Wir müssen andere Maßstäbe setzen, weg von einer Religion der Vollzeit-Arbeit hin zu einem neuen Mix aus Arbeit und Nichtarbeit. Zwingen wir die Arbeitsfetischisten ins Leben. Mal schauen, ob dafür 30 Stunden reichen.

Veröffentlicht:

Markus Väth
© Markus Väth
Markus Väth

Diplom-Psychologe und Co-Founder, humanfy

für New Work, Psychologie

Markus Väth (Jg. 1975) ist leidenschaftlicher Psychologe, New Work-Vordenker und Co-Founder des Think Tanks humanfy. Aktuelles Buch: „Arbeit - die schönste Nebensache der Welt“ („Buchempfehlung des Jahres“, Handelsblatt).

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