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Biete Beruf, suche Berufung: So klappt der Neustart in der Lebensmitte

Schon längst geht es im Job nicht mehr nur darum, Geld zu verdienen, sondern sich auch zu verwirklichen. Aber wie geht man damit um, wenn man die Weichen dafür falsch gestellt hat?

Für eine Veränderung ist es nie zu spät

Tanja Köhler
  • Viele Menschen haben in ihrer Lebensmitte schon resigniert
  • Ängste und der fehlende Mut spielen dabei eine große Rolle
  • Wer sich überwindet, verändert sein Leben oft zum Positiven

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Die meisten Menschen, die mir gegenübersitzen, befinden sich in der Mitte ihres Lebens. Zumindest ihrem Empfinden nach. Frauen in Deutschland werden im Durchschnitt 82 Jahre, Männer 78 Jahre alt. Da ist die mathematische Mitte schnell überschritten. Ich nutze gern einen Zollstock und klappe vier Elemente auf. Dann steht ganz rechts die Zahl 82. Ich bitte mein Gegenüber, den Finger auf seine entsprechende Alterszahl zu legen. Und dann frage ich, wann es in die Rente gehen soll beziehungsweise wann der Gesetzgeber vorhat, ihn in Rente zu schicken. Diese Übung ermöglicht, ein inneres Abbild für die zur Verfügung stehende Zeit zu bekommen. Manch einer sagt darauf: „Uff, da habe ich ja noch Zeit.“ Andere wiederum sagen: „Ok, wenn nicht jetzt, wann dann …“

Manch einer aber hat schon längst resigniert. „Na ja, jetzt ist es eh schon zu spät dafür“, bekomme ich gelegentlich zu hören. „Zu spät für was?“, frage ich dann, „zu spät für das Leben?“

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Wenn ich diese Fragen stelle, bin ich in meiner beratenden Tätigkeit als Coach weit gekommen. Dann habe ich an der Seele des Menschen, der mir gegenübersitzt, angedockt. Und dann verstehe ich, warum es ihm oder ihr so schwerfällt, die notwendigen Veränderungsprozesse im Unternehmen mitzugehen. In den wenigsten Fällen findet sich die Antwort in der konkreten beruflichen Herausforderung. Die Antworten, die ich erhalte, drehen sich um andere Lebensentwürfe. Um unerfüllte Wünsche und Träume. Um Mechanismen, die uns unbewusst im Generationentransfer von unseren Eltern und Großeltern mitgegeben wurden. Und um Ängste, fehlenden Mut und oftmals auch um Resignation.

Manchmal frage ich wildfremde Menschen, denen ich auf der Straße begegne, was ihre Ziele und Wünsche für die Zukunft sind. Beim Einkaufen. Auf dem Flughafen am Check-in. In der U-Bahn. Im Urlaub – auf den Bergen und am Meer. Es kommen schöne Antworten: Die eine will wieder mit dem Reiten anfangen, die andere endlich nach Schottland reisen. Ein ganz anderer will endlich wieder die Südtiroler Berge erwandern – seine unfallbedingte Beinamputation ist schon lang genug her, und er kommt mit der Beinprothese inzwischen gut klar.

Sich selbst die richtigen Fragen stellen … und in Bewegung kommen

Der Wunsch, dem ich unterwegs jedoch am meisten begegne, ist der Wunsch nach einem anderen Beruf. Da ist zum Beispiel die Wirtschaftsingenieurin, die endlich ihr Lesecafé gründen möchte. Oder da ist die Bankkauffrau, die in der Modebranche gelandet ist und nun endlich durchstarten möchte. Und da sind die vielen, die noch nicht wissen, was sie mal machen wollen – die aber wissen, dass es nicht darum geht, einfach nur den Arbeitgeber zu wechseln.

Ich finde, es sind elementare Fragen, die sich jeder von uns stellen sollte: Um was geht es, wenn der Nebel sich lichtet? Und um was geht es wirklich? Eine befreundete Personalerin hat mir einmal gesagt, dass ich als Coach nur ihre „schwierigen Fälle“ bekäme. Ich fragte sie überrascht, was denn „schwierig“ bedeuten würde, und sie antwortete: „Na ja, Situationen bei uns im Unternehmen, an welche ich keinen anderen Veränderungscoach dranlassen würde.“ Ich fragte sie: „Warum?“ Ihre Antwort: „Weil du dich traust, Fragen zu stellen, die sonst keiner stellt.“

Veröffentlicht:

Tanja Köhler
© Katrin Zeidler
Tanja Köhler

Diplompsychologin und Coach

Tanja Köhler (Jg. 1968) berät seit 2001 neben Konzernen vor allem mittelständische Familienunternehmen in der Entwicklung der Führungskräfte. Die Diplompsychologin und Autorin des Buches „Das Jahr, als ich anfing, Dudelsack zu spielen“ gründete 2012 die „7 Schwaben Speaker“, ein Zusammenschluss professioneller Vortragsredner, die ausschließlich für den guten Zweck auf der Vortragsbühne stehen und seit der Gründung über 100.00 Euro Spendengelder gesammelt haben.

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