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Wie wirtschaftlich ist unser Strafsystem?

122 Euro – das kostete ein Häftling 2016 in Baden-Württemberg pro Tag. Die Rate der Wiederholungstäter zeigt jedoch: Die Resozialisierung scheitert. Brauchen wir eine andere Art des Strafvollzugs?

Gefängnisse richten mehr Schaden an, als sie nutzen

Dr. Thomas Galli

Rechtsanwalt und Autor

Dr. Thomas Galli
  • Als Leiter zweier JVAs beobachtete ich die Entwicklung zahlreicher Häftlinge
  • Die Freiheitsstrafe soll resozialisieren, scheitert an dieser Aufgabe jedoch
  • Mit der Abschaffung von Gefängnissen könnten wir viel mehr erreichen

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Mehr als 15 Jahre lang habe ich im Strafvollzug gearbeitet – zuletzt als Leiter zweier Justizvollzugsanstalten. Diese Jahre haben mir eines verdeutlicht: So wie unser Strafsystem derzeit funktioniert, ist es reine Geldverschwendung. Ein Fall hat mich in dieser Ansicht besonders bestärkt. Nach 51 Jahren Haft ließen wir einen Mann frei, der während seines Aufenthalts eine intensive Therapie erhalten hatte. Er gehörte zu der Art von Insassen, die aufgrund der Schwere ihrer Tat mit besonders großem Aufwand therapiert wurden. Während ein normaler Insasse etwa 100 Euro am Tag kostet, gibt der Staat für Intensivtäter wie ihn ungefähr das Zehnfache aus. Das alles tun wir, um diese Menschen danach wieder erfolgreich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Doch ist eine Gefängnisstrafe wie diese überhaupt sinnvoll? Mindert sie nicht vielmehr die soziale Anschlussfähigkeit und die Integrationschancen?

Kleinkriminelle sollten ihre Haftstrafe zu Hause absitzen

Doch was wären Alternativen? Ich glaube nicht, dass es so etwas wie eine Patentlösung gibt. Befürworter des gegenwärtigen Systems erheben oft den Anspruch, eine Alternativlösung müsse perfekt sein. Doch auch wenn es das nicht gibt, muss sich etwas ändern. Ich erachte es nicht für sinnvoll, Kleinkriminelle mit Freiheitsentzug zu bestrafen. Stattdessen muss ihnen ermöglicht werden, ihre Strafe daheim abzusitzen. Das könnte zum Beispiel mit einer elektronischen Fußfessel funktionieren. Räuber, Einbrecher oder Gewalttäter – sie alle könnten unter Auflagen ihre Strafe zu Hause verbüßen. Für ganz Deutschland wären das mehr als 50.000 Häftlinge.

Damit ließen sich schon immens hohe Kosten vermeiden, die der Strafvollzug mit sich bringt. Zudem würden wir hier Risiken wie die strukturelle Radikalisierung innerhalb der Gefängnismauern vermeiden. Nur die sehr wenigen, wirklich gefährlichen Menschen müssten wir zum Beispiel auf einer Gefängnisinsel unterbringen. In Norwegen gibt es dieses Modell bereits. Dort können die Täter selbstbestimmt leben – allerdings in einem Bereich, der abgeschirmt ist, das heißt, die Allgemeinheit wäre sicher.

Kritiker dieser Vorschläge monieren, dass das heutige System, sprich die Freiheitsstrafe, bereits zur Resozialisierung beitrage. Doch bisher orientiert sich die Strafe, wie lang jemand eingesperrt wird, nach dem Maß der Schuld, die er verbüßen muss. Die Behauptung ist also ein Etikettenschwindel. Meiner Meinung nach dient das heutige System primär der Abschreckung und Vergeltung. In der Praxis wird dann versucht, der repressiven Vergeltung zumindest noch etwas Positives abzugewinnen. Hier steht das Bemühen im Vordergrund, aus Rechtsbrechern gesetzestreue Bürger zu machen.

Gefängnisse sind Hochschulen des Verbrechens

Doch unterm Strich wirkt der Strafvollzug nicht rückfallsenkend, sondern rückfallverstärkend. Er erhöht perfiderweise die Gesamtmenge der Kriminalität. Das „Prinzip Gefängnis“ kann gar nicht rückfallsenkend funktionieren. Abschreckung funktioniert gerade bei Gewalt- und Sexualdelikten kaum. Und wenn man Hunderte von Rechtsbrechern zum Teil über Jahre hinweg auf engstem Raum zusammen einsperrt, dann findet sich die Gruppe der Gleichgesinnten innerhalb der Inhaftierten und nicht zwischen Inhaftierten und Gefängnispersonal. Es bildet sich eine Parallelgesellschaft, in der nicht selten der Gesetzesbruch zur Norm wird – Gefängnisse quasi als Hochschulen des Verbrechens. Und wer mit einer Gefängnisstrafe im Lebenslauf hat auf dem Arbeitsmarkt noch eine Chance? Werden Straftäter, die ihre Schuld im Gefängnis verbüßt haben, wirklich wieder gleichberechtigt in der Gesellschaft aufgenommen? Und wie soll jemand in der völlig künstlichen und fremdbestimmten Welt des Strafvollzugs auf ein verantwortliches Leben in Freiheit vorbereitet werden?

Einige Milliarden Euro kostet der Strafvollzug. Jedes Jahr. Es ist höchste Zeit, verstärkt zu hinterfragen, ob dieses Geld für eine rückwärtsgewandte Vergeltung sinnvoll investiert ist, und wie wir es für eine tatsächliche Reduzierung von Straftaten aufwenden könnten.

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Dr. Thomas Galli
© Thomas Galli
Dr. Thomas Galli

Rechtsanwalt und Autor

Über 15 Jahre lang war Thomas Galli im Strafvollzug tätig, zuletzt als Leiter von zwei Justizvollzugsanstalten. In seinem aktuellen Buch, „Die Gefährlichkeit des Täters“, erzählt er die Geschichten von Straftätern und wirft die Frage auf, wie sich Straftaten reduzieren lassen. Aufgrund seiner Überzeugung, dass das derzeitige System des Strafvollzugs dafür kaum geeignet ist, hat er seine Beamtenstellung aufgegeben und ist nun als Rechtsanwalt für Strafrecht in Augsburg tätig.

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