Probleme beim Einloggen

Hohes Gehalt, viel Selbstbestimmung: Was macht gute Arbeit aus?

Glück ist höchst individuell, auch in beruflichen Belangen. War einst noch ein Job mit hohem Einkommen für viele Menschen das erklärte Karriereziel, strebt vor allem die Generation Y nach Erfüllung.

Geld macht nicht glücklich – Selbstverwirklichung schon

Annie O
  • Direkt nach dem Studium startete ich meine Karriere bei einer Investmentbank
  • Ich verdiente dort sehr viel Geld, doch fühlte sich der Job nicht richtig an
  • Selbstbestimmung und Selbstentfaltung im Beruf sind wichtiger als Sicherheit

16.298 Reaktionen

Ich bin Annie O, 34, wohne in Berlin und arbeite hauptberuflich als DJane. Das an sich ist nicht sonderlich bemerkenswert; das Ungewöhnliche daran ist jedoch, dass mein beruflicher Werdegang mal ganz anders angefangen hat: nämlich als Investmentbankerin in London. Da ich schon früh ziemlich leistungsorientiert war, entschied ich mich nach dem Abi für eine angesehene BWL-Privatuniversität, spezialisierte mich auf Finanzen und landete 2006 einen Job bei Merrill Lynch in London. Als ich dort anfing, war ich 22 Jahre alt, und mein Einstiegsgehalt (inklusive garantiertem Bonus) lag bei circa 100.000 Euro. Ich war stolz und beflügelt, denn ich hatte mein Ziel erreicht.

Ich hatte mich selbst verloren

Daher hatte ich überhaupt nicht damit gerechnet, dass ich schon nach einigen Wochen immer unzufriedener und lethargischer wurde; ich fühlte mich gefangen, eingeengt, ja fast verzweifelt und empfand immer mehr Widerstand gegenüber diesem „System“, das mir die Lebensenergie abschnürte. Eine Weile versuchte ich mich noch zu motivieren – aber sehr bald merkte ich, dass es aussichtslos war. Dieser Teil von mir, der kräftig Alarm schlug und mich zur Flucht drängte, war (glücklicherweise) stärker; nach sechs Monaten kündigte ich, als Einzige meines Jahrgangs mehrerer Hundert Analysten.

Wie kam es zu dieser plötzlichen Kehrtwendung? Im Nachhinein kann ich es mir nur so erklären: Bis dahin war ich lediglich blind meinem Kopf gefolgt, der mir einredete, dass nur Leistung zählt; ich verfolgte ein illusionäres Selbstbild und suchte Bestätigung in dem, was ich erreichte. Aber leise und unbemerkt schlummerte unter der Oberfläche bereits die „wahre“ Annie mit völlig anderen Wünschen und Vorstellungen – und die fühlte sich im goldenen Bankingkäfig dermaßen gefangen, dass sie sich mit Händen und Füßen wehrte und schließlich den Ausbruch wagte. Somit gab ich nicht nur meinen Job, sondern – viel wichtiger – auch meine Selbstillusion auf. Es war unheimlich befreiend.

Ich lebe meine Arbeit

Die Jahre danach waren wirr, aber auch spannend. Da mein Kopf keinen Plan B hatte, ließ ich mich einfach treiben und folgte meinem Bauch. Somit fand ich den Weg zur Musik – zunächst als Schlagzeugerin, dann als DJane. Erst seit drei Jahren kann ich davon leben, davor gab es einige finanzielle Engpässe, und ich musste mich stets mit diversen Nebenjobs über Wasser halten.

Trotz der manchmal schwierigen Zeiten bin ich sehr dankbar dafür, wie alles gekommen ist. Denn heute fühlt sich meine „Arbeit“ überhaupt nicht wie eine solche an; ich muss mich nicht mehr verstellen, kann zu jeder Zeit einfach ich sein, Spaß haben und damit sogar mein Geld verdienen. Und vor allem erfüllt mein jetziger Lebenswandel meine wahren Bedürfnisse: nämlich komplette Selbstbestimmung, Freiheit, Abenteuer und kreative Selbstentfaltung. Es ist im Nachhinein nicht schwer, zu erkennen, dass Investmentbanking da die völlig falsche Berufswahl war – daher könnte mich kein Geld dieser Welt wieder dorthin zurückbringen.


Annie O ist eine von mehr als 60 Expertinnen und Experten, die bei der New Work Experience von XING über die Arbeitswelt der Zukunft sprechen werden. Die NWX18 in der Hamburger Elbphilharmonie ist mittlerweile restlos ausverkauft. Die Veranstaltung kann am 6. März über newworkexperience.xing.com im Livestream mitverfolgt werden.

Veröffentlicht:

Annie O
© Privat
Annie O

DJane

Annie O begann nach dem BWL-Studium an der WHU 2006 als Analyst bei Merrill Lynch in London. Nach sechs Monaten kündigte sie, lernte Schlagzeug und gründete die Band Rotkäppchen, mit der sie mehrere Jahre lang auftrat. Ein letzter Jobversuch in der Unternehmenswelt führte sie 2012 zu einem Start-up nach Berlin. Auch dieser endete schnell; seit 2013 konzentriert sie sich auf ihre musikalische Solokarriere. Sie lebt in Berlin und ist international als DJane tätig.

Mehr anzeigen

Werden Sie kostenlos XING Mitglied, um regelmäßig Klartext-Debatten zu aktuellen Themen zu lesen.

Als XING Mitglied gehören Sie zu einer Gemeinschaft von über 14 Mio. Berufstätigen allein im deutschsprachigen Raum. Sie erhalten zudem ein kostenloses Profil und den Zugang zu spannenden News, Jobs, Gruppen und Events.

Mehr erfahren