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Der Sommer ist da: Was Arbeitnehmer jetzt wissen sollten

Die Luft im Büro erinnert an warme Suppe, der Ventilator kämpft auf verlorenem Posten - die aktuelle Sommerhitze macht Arbeiten zur Qual. Müssen wir jetzt trotzdem im Büro die Stellung halten?

Jens Niehl
  • Wenn alle schwitzen, muss man sich dann noch an die Kleiderordnung halten?
  • Darf man nach Hause gehen, wenn es zu heiß wird?
  • Vorsicht: Auch im Hochsommer gilt das Arbeitsrecht weiter!

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Die laufende Woche bringt Rekordtemperaturen. Schön für die, die ihren Urlaub am Strand genießen können. Vielen Arbeitnehmer ist es aber bereits jetzt schon zu heiß. Wird der Grenzwert von 35 Grad Lufttemperatur im Büro überschritten und gibt es keine Möglichkeit, die Temperatur zu reduzieren, dürfen Arbeitnehmer nicht beschäftigt werden. Arbeitnehmer haben aber nicht das Recht, sich einfach selbst Hitzefrei zu nehmen. Die folgenden Punkte müssen Arbeitgeber und Arbeitnehmer beachten:

1. Darf ein Arbeitnehmer in kurzer Hose ins Büro?

Arbeitgeber können von Arbeitnehmern das Tragen angemessener Kleidung verlangen. Hier haben Arbeitgeber einen Spielraum, welchen Dresscode sie für eine bestimmte Tätigkeit für angemessen erachten. So wird der Chef in einer Bank von Mitarbeitern mit Kundenkontakt das Tragen eines Anzuges verlangen können. Bei der Kleiderordnung sind zudem häufig Betriebsvereinbarungen zu beachten, die auch einzuhalten sind. Verletzt ein Arbeitnehmer solche Kleidervorschriften, können arbeitsrechtliche Sanktionen drohen, beispielsweise eine Abmahnung.

Bei großer Hitze ist es allerdings durchaus sinnvoll, wenn Arbeitgeber die Kleiderordnung lockern. Dies kann ebenfalls über den Betriebsrat angestoßen werden. Aber auch hier gilt: Es gibt kein Recht auf Flipflops, Bermudashorts oder Tanktop.

2. Kann ich einen Ventilator im Büro aufstellen?

Arbeitnehmer müssen vorher ihren Chef fragen, ob sie das Gerät anschließen dürfen. Zum einen bezahlt der Arbeitgeber den Strom. Zum anderen sind technische Geräte eine potenzielle Gefahrenquelle. Für die Nutzung ortsveränderlicher technischer Geräte müssen die Arbeitgeber Prüfpflichten beachten, um Gefahren vorzubeugen (DGUV Vorschrift 3).

3. Habe ich als Arbeitnehmer ein Recht auf Hitzefrei?

Ab einer Raumtemperatur von mehr als 26 Grad sollen Arbeitgeber aktiv werden und geeignete Maßnahmen ergreifen. Durch die Maßnahmen sollen die Belastungen und Gesundheitsgefährdungen reduziert werden. Mögliche Maßnahmen sind beispielsweise: die effektive Steuerung eines Sonnenschutzes, Nutzung von Gleitzeitregelungen, Klimaanlage, Lockerung der Bekleidungsregelung, Bereitstellung von Getränken (technische Regeln für Raumtemperaturen ASR A3.5).

Eine strenge Verpflichtung schreiben die technischen Regeln ab 30 Grad vor. Dann muss der Arbeitgeber definitiv tätig werden und versuchen, durch geeignete Maßnahmen die Arbeitsbedingungen für die Arbeitnehmer erträglicher zu gestalten. Der Arbeitgeber kann sich aber auch einfach im Sinne der Mitarbeitermotivation entscheiden, die Arbeitnehmer nach Hause zu schicken.

Werden 35 Grad überschritten, so ist der Raum für die Zeit der Überschreitung nicht als Arbeitsraum geeignet. Sie haben dann aber nicht plötzlich einen rechtlichen Anspruch auf Homeoffice oder Gleitzeit. Sie können dem Arbeitgeber lediglich mitteilen, in dem Raum so lange nicht zu arbeiten, bis die Temperatur wieder in Ordnung ist, also den Vorgaben der technischen Regeln entspricht.

Der Knackpunkt ist: Sie dürfen dann nicht einfach nach Hause gehen, sondern müssen warten, ob der Arbeitgeber die Temperatur durch technische Maßnahmen (zum Beispiel Luftduschen, Wasserschleier) oder organisatorische Maßnahmen (zum Beispiel Entwärmungsphasen) angemessen reduzieren kann beziehungsweise ob er Ihnen einen anderen zumutbaren Arbeitsplatz zuweist. Es existiert keine Grenze, wie viel Zeit dem Arbeitgeber einzuräumen ist. Ob der Arbeitnehmer sein Zurückbehaltungsrecht ordnungsgemäß angedroht hat und ob er dem Arbeitgeber genügend Zeit eingeräumt hat, müssen im Streitfall beispielsweise nach Ausspruch einer Abmahnung oder Kündigung durch den Arbeitgeber die Arbeitsgerichte klären.

Je länger der Arbeitnehmer dem Arbeitgeber Zeit eingeräumt hat, desto wahrscheinlicher kann er sich nach entsprechender Androhung auf sein Zurückbehaltungsrecht berufen. Wenn dann der Arbeitgeber sich allerdings meldet und mitteilt, dass die Temperatur wieder in Ordnung ist, muss der Arbeitnehmer auch wieder zur Arbeit erscheinen. Dies würde natürlich voraussetzen, dass seine Arbeitszeit an dem Tag noch liefe.

4. Wie misst man korrekt die Temperatur?

Beruft sich ein Arbeitnehmer auf ein Zurückbehaltungsrecht, müsste er im Zweifel auch die zu hohen Temperaturen im Büro nachweisen können. Misst der Arbeitnehmer allein ohne Zeugen nach, könnte er bei einem gerichtlichen Verfahren in Beweisnöte gelangen. Die technischen Regeln für Raumtemperaturen geben vor, womit und wie zu messen ist. Die Lufttemperatur wird danach mit einem strahlungsgeschützten Thermometer in Grad Celsius [°C] gemessen, dessen Messgenauigkeit +/-0,5 °C betragen soll. Die Messung erfolgt nach Erfordernis stündlich an Arbeitsplätzen für sitzende Tätigkeit in einer Höhe von 0,6 Metern und bei stehender Tätigkeit in einer Höhe von 1,1 Metern über dem Fußboden.

5. Was droht meinem Arbeitgeber, wenn er sich nicht daran hält?

Arbeitgebern droht ein Bußgeld bis zu 5.000 Euro oder in Extremfällen ein Verfahren wegen – fahrlässiger – Körperverletzung. Dies ergibt sich zwar nicht aus den technischen Regeln für Raumtemperaturen. Arbeitgeber sind aber nach dem Gesetz verpflichtet, das Leben und die Gesundheit der Arbeitnehmer zu schützen und entsprechend sichere Arbeitsplätze bereitzustellen. Verletzungen können sowohl Arbeitnehmer als auch Betriebsräte anzeigen. Insbesondere bei berechtigten Anzeigen darf den Arbeitnehmern daraus kein Strick gedreht werden. Bei „leichteren“ Pflichtverletzungen wird allerdings kaum eine Behörde sofort beziehungsweise überhaupt reagieren.

6. Was droht mir, wenn ich mich nicht an die Anweisung des Chefs halte?

Bei Verstößen gegen berechtigte Anweisungen des Arbeitgebers drohen den Arbeitnehmern die üblichen Arbeitgebermaßnahmen: Abmahnung, Kündigung (bei beharrlicher Arbeitsverweigerung) und gegebenenfalls die Kürzung der Vergütung. Sommertemperaturen setzen nicht das geltende Arbeitsrecht außer Kraft, sofern nicht die oben genannten Grenzwerte überschritten werden.

7. Was darf der Betriebsrat von sich aus veranlassen?

Der Betriebsrat hat darauf zu achten, dass die Grenzwerte eingehalten werden. Der Betriebsrat kann beim Arbeitgeber auf die Einhaltung der rechtlichen Regeln drängen und entsprechende Vorschläge unterbreiten, wie die Belastung für die Mitarbeiter reduziert werden kann. Selbst Maßnahmen zur Absenkung der Raumtemperatur ergreifen oder gar die Mitarbeiter nach Hause schicken darf der Betriebsrat nicht. Sollte der Arbeitgeber trotz berechtigten Drängens des Betriebsrates untätig bleiben, kann der Betriebsrat die für Arbeitsschutz zuständigen Behörden informieren, das heißt, Anzeige erstatten. In Nordrhein-Westfalen ist hierfür beispielsweise die Bezirksregierung zuständig.

8. Wann ist es für Arbeiten im Freien zu heiß?

Hierfür existiert keine konkrete Vorgabe. Arbeitgeber müssen aber auch hier ihrer Fürsorgepflicht für die Arbeitnehmer nachkommen und geeignete Maßnahmen treffen, um Leben und Gesundheit der Arbeitnehmer zu schützen. Wie solche Maßnahmen konkret aussehen, lässt sich beispielsweise in der Baustellenverordnung nachlesen.

9. Kann ich mich krankmelden, wenn ich mich wegen der Hitze unwohl fühle?

Hitze kann krank machen. Wenn ein Arbeitnehmer arbeitsunfähig ist, kann er seine Arbeitsunfähigkeiten unverzüglich anzeigen und je nach Dauer der Arbeitsunfähigkeit entsprechend durch eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nachweisen.

Wer dagegen bloß krankfeiert, riskiert selbstverständlich arbeitsrechtliche Konsequenzen bis hin zur Kündigung.


Debattieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser! Was tun Sie, um die heißen Tage im Büro erträglich zu machen? Wir freuen uns auf Ihre Beiträge!

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Jens Niehl
© Jens Niehl
Jens Niehl

Fachanwalt für Arbeitsrecht, Ebl Esch & Kramer Rechtsanwälte

for Arbeitsrecht

Der Jurist (Jg. 1970) ist seit 2003 als Rechtsanwalt und seit 2018 in der Sozietät Ebl Esch & Kramer tätig. Jens Niehl berät seit vielen Jahren in allen Fragen des individuellen und kollektiven Arbeitsrechts. Zudem ist er Referent für arbeitsrechtliche Fortbildungen und informiert in unterschiedlichsten Medien.

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