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re:publica Spezial: Was bewegt die digitale Welt?

Anfang Mai fand die re:publica in Berlin statt. Auf der Digitalkonferenz ging es vor allem um die Themen Fake News, Hatespeech und neue Formen der Arbeit. Hier schreiben die Speaker.

Gunter Dueck
  • Innerhalb einer Sekunde entscheiden wir über Like oder Dislike
  • Dabei leiten uns unsere Vorurteile, also das Erlernte, wie ein Kompass
  • Doch leider nehmen wir immer weniger Wunderbares auf der Welt wahr

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Mist! Mist! Schon wieder Mist! Verdammt! Was von all dem Mist um mich herum verdient meine Aufmerksamkeit? Ich sehe überall „Flachsinn“ – ein Buchtitel vom mir. Das war der Werbeblock! Bitte bleiben Sie dran.

Die durchschnittliche Aufmerksamkeit des neuen Medienmenschen soll nur acht Sekunden betragen – also etwa gleichauf mit der des Goldfisches liegen. Daher muss die Werbung in den ersten acht Sekunden erfolgen, sonst wird sie nicht wahrgenommen. Den Rest dieses Artikels lesen Sie wahrscheinlich nicht mehr, weil gerade acht Sekunden rum sind. Tja, ich muss aber einen längeren Text schreiben, weil er hier sonst nicht erscheint. Mist.

Unsere Einschätzung teilt sich in Filterzeit und Verweilzeit

All diese Sekundenzahlen scheinen aus sogenannten Studien zu stammen. Ich würde ja eher vorschlagen, die mit Medien verbrachte Zeit in Filterzeit und in Verweilzeit beziehungsweise Vertiefungszeit einzuteilen. Ich brauche doch schließlich einen gewissen Prozentsatz der Zeit, um zu entscheiden, wo ich verweilen möchte und wo nicht. Es stellen sich Fragen:

  • Wie lange dauert es anteilig, Bullshit und Wert zu trennen?
  • Welcher Algorithmus in mir entscheidet das?
  • Ist der überhaupt gut? Ist er schnell?
  • Was passiert im Gehirn? Wenn man filtert, scheint die Stirn in Falten zu liegen; wenn wir verweilen, lächeln wir selig oder hassen zutiefst; wenn wir vertiefen, schauen wir neugierig staunend oder suchen nach Gegenargumenten.
  • Wie reagieren wir, wenn wir Bullshit oder Wert entdeckt haben? Was machen wir mit dem Durchschnittlichen?

Unsere Reaktionen konditioniert man in uns hinein

Vor 25 Jahren habe ich mich als Wissenschaftler längere Zeit mit Identifikationsalgorithmen befasst. Die besten mathematischen Lösungen könnten in unserem Körper stecken, das fühle ich jedenfalls in meinem. Wenn wir Extremes, egal ob Bullshit oder Wert, wahrnehmen, zuckt der Körper instinktiv. Hui, das waren acht Sekunden Wissenschaft, ich hätte eine Triggerwarnung voranstellen sollen. Zu spät. Noch acht Sekunden: Es gibt eine „Hypothese der somatischen Marker“, dass physiologische Reaktionen im Körper mit Emotionen verknüpft sind. Viele davon erben wir, viele erwerben wir, und wahrscheinlich noch mehr davon konditioniert man in uns hinein. Man nennt es Kultur.

Die guten Identifikationsalgorithmen ähneln frappierend den Entscheidungen nach Vorurteilen. Neonmagentafarbener Kuchen zum Beispiel „schmeckt nicht“. Kackbrauner Kuchen ist „lecker“. Wenn die Internetministerin Rohrpost lobt, landet das „generell auf der Bullshit-Liste“. Es gibt Studien, die besagen, dass Zuhörer einer Rede nach einem Sekundeneindruck der Körpersprache entscheiden, ob sie dem Vortragenden zuhören wollen oder nicht! Ich will sagen: Die Algorithmen in uns, die Bullshit und Wert heraussuchen, haben mit Körperreaktionen zu tun. Sie sind kein Kopfprogramm. Ist etwas Bullshit? Dann zeigt sich das durch Ärger, Wut, Hass, Ekel, Widerspruchsgeist und innere Flüche. Auf etwas Wunderbares folgt Genießen, Nicken, Zustimmen, Seelenharmonie, ein Like, Smiley oder Herzchen. Diese Identifikation geschieht blitzschnell. Bullshit versus Wunderbares – alles andere ist „Durchschnitt“ und muss wegen der schieren Masse ignoriert werden. Nichts zuckt.

Haben Sie einen guten Algorithmus?

Da es prozentual gesehen für uns immer weniger Wunderbares auf der Welt gibt, finden wir eher Bullshit. Wir reagieren darauf mit zeitraubender und hirneintrübender Trollfütterung, weil das physiologisch unsere somatischen Marker beruhigt. Wunderbares braucht keine weitere Reaktion als ein Smiley, Like oder Share beziehungsweise Neugierde und Mehrwissensdurst.

Die trumpenden Medien spielen mit unserem Körper, in dem dieser Algorithmus steckt. Sie suchen Profite und Werbetäuschung. Was macht Ihr Algorithmus damit? Haben Sie einen guten? Kennen Sie ihn? Wie reagieren Sie? Ist die Kenntnis Ihrer Körperreaktionen nicht schon ein guter Teil des „Erkenne dich selbst“? Wollen Sie so weiterleben? Echt? Mit dem ganzen Bullshit in Meetings, in der Politik, der Umwelt, in der auf Leistung angelegten Schule oder der Creditpoint-Uni? Da zuckt Ihr Körper bald nur noch schwach, es ist zu viel. Wir sind verdrossen. Wir reagieren nervös, der Hasslevel steigt. Es geht uns gut, sagt der Kopf, aber die Identifikationsalgorithmen im Körper warnen vor Bullshit im Dauerton. Mist. Ich würde Sie gern länger mit diesem Thema quälen, aber ich soll nur 600 Wörter. Mist.


Gunter Dueck spricht zum Thema „Identifikation von Bullshit und Wert“ am Mittwoch, 8. Mai, auf der re:publica in Berlin.

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Gunter Dueck
© Dueck
Gunter Dueck

Schriftsteller, Philosoph, Blogger, Business-Angel und Speaker

Gunter Dueck (Jg. 1951) lebt als freier Schriftsteller, Philosoph, Blogger, Business-Angel und Speaker. Nach einer Karriere als Mathematikprofessor arbeitete er fast 25 Jahre bei IBM, zuletzt bei seinem Wechsel in den Unruhestand als Chief Technology Officer. Dueck ist korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Fellow des internationalen Ingenieursverbandes IEEE und Fellow der Gesellschaft für Informatik. Er ist Autor, zuletzt erschien „Das Neue und seine Feinde“ und „Schwarmdumm“.

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