Ein Recht auf Homeoffice?

Die SPD will ein Recht auf mobiles Arbeiten und Homeoffice durchsetzen. Was bedeutet das, wenn wir alle von zuhause arbeiten dürften? Kommen wir damit New Work näher - oder ist das Gegenteil der Fall?

Dr. Yvonne Lott
  • Homeoffice verleitet Arbeitnehmer zu Überstunden, vor allem Männer
  • Mütter machen nicht nur Überstunden, sie kümmern sich auch um ihre Kinder
  • Wer auf das Recht auf Homeoffice setzt, muss den richtigen Rahmen schaffen

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Homeoffice – ein gutes Instrument, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Wegezeiten können gespart und die Kinder stressfrei am Nachmittag von der Kita abgeholt werden. Dass Beschäftigte von Homeoffice profitieren, ist jedoch kein Selbstläufer. Damit möglichst viele Arbeitnehmer das Potenzial von Homeoffice tatsächlich auch mit Gewinn nutzen können, bedarf es gesetzlicher Rahmenbedingungen und betrieblicher Vereinbarungen. Das zeigt auch unsere Studie.

Das Recht auf Homeoffice ist ein erster wichtiger Schritt

Denn derzeit erhalten nicht alle Beschäftigten, die ihre Tätigkeiten zu Hause erledigen könnten, auch die Erlaubnis, von dort aus zu arbeiten. Homeoffice ist noch viel zu oft ein Privileg für die höher qualifizierten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Viele Angestellte, etwa in „einfacheren“ Bürojobs, gehen leer aus. Ein erster wichtiger Schritt wäre daher ein Recht auf Homeoffice – für alle.

Ein verbrieftes Recht kann auch den Nachteilen entgegenwirken, die in der Praxis oft mit Homeoffice verbunden sind, etwa Überstunden. Denn ist die Arbeit von zu Hause ein Privileg, eine Art Geschenk, das Beschäftigte von ihren Vorgesetzen erhalten, werden oftmals Gegenleistungen erwartet, die in der Regel mit Überstunden einhergehen. Dieser Tauschhandel gilt vor allem in Betrieben mit einer stark ausgeprägten Präsenzkultur, wo Homeoffice häufig als ein Verstoß empfunden wird. Ein Recht auf Homeoffice macht aus einem Privileg einen verbindlichen Anspruch für alle. Es kann zur Normalität von Heimarbeit beitragen und die Präsenznorm schwächen.

Wer zu Hause arbeitet, dem kann Arbeitszeiterfassung helfen

Das Überstundenrisiko ist allerdings auch dann groß, wenn es Beschäftigten zu Hause schwerfällt, die Grenze zwischen Beruf und Privatleben zu ziehen. Zu verlockend kann es sein, am Abend einfach weiterzuarbeiten oder sich nach dem Abendessen doch noch mal an den Laptop zu setzen. Dieses Risiko besteht insbesondere dann, wenn das Schreiben oder Beantworten von E-Mails zu später Stunde vom Vorgesetzten als Signal für hohes Arbeitsengagement angesehen wird. Dann helfen Regelungen und klare Absprachen mit dem Chef etwa zur Dauer von Offlinezeiten, zu Pausen und zur Erreichbarkeit während der Arbeitszeit. Aber auch Absprachen zur Nichterreichbarkeit nach Feierabend können Beschäftigten und Arbeitgebern einen verlässlichen Rahmen geben, der Überstunden vorbeugt. Eine Arbeitszeiterfassung im Homeoffice kann auch dazu beitragen, dass sich Beschäftigte über ihre geleistete Arbeitszeit bewusst sind. Zudem ist es eine Rückversicherung, falls Vorgesetzte das Erbringen der vollen Arbeitsleistung außerhalb des Betriebs anzweifeln.

In seiner derzeitigen Form birgt Homeoffice zudem das Risiko, traditionelle Geschlechterarrangements zu verfestigen. Insbesondere Männer machen zu Hause oft mehr Überstunden. Im Durchschnitt arbeiten Väter mit Homeoffice zwei Stunden in der Woche länger als Väter, die ausschließlich im Büro arbeiten. Das Potenzial, im Homeoffice mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen, nutzen Väter kaum.

Allein mit einem Recht auf Homeoffice ist niemandem geholfen

Anders Mütter: Sie arbeiten zu Hause zwar auch bis zu einer Stunde länger als Mütter ohne Homeoffice. Sie investieren aber im Vergleich zu Müttern, die nie im Homeoffice arbeiten, durchschnittlich drei Stunden mehr in die Kinderbetreuung. Mütter haben mit Heimarbeit also oft eine höhere Mehrfachbelastung. Eine kanadische Studie hat zudem gezeigt, dass Väter im Homeoffice eher am Stück arbeiten, während der Arbeitstag von Müttern zwischen Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung häufiger zerfranst. Da Frauen vor allem in Deutschland nach wie vor den Löwenanteil an Kinderbetreuung stemmen, sind sie öfter Ansprechpartnerinnen für die Kinder und damit diejenigen, die den Nachwuchs von der Kita abholen und zum Sport oder Musikunterricht am Nachmittag fahren. Um Arbeit nachzuholen, setzen sie sich abends oft noch mal an den Laptop.

Neben dem Recht auf Homeoffice sind daher gleichstellungspolitische Maßnahmen notwendig, die eine partnerschaftliche Arbeitsteilung fördern, um alle, Väter wie Mütter gleichermaßen, von den Vorteilen eines Homeoffice profitieren zu lassen. Geeignete Maßnahmen sind eine Verlängerung der Partnermonate bei der Elternzeit, die Einführung der Familienarbeitszeit und die Abschaffung des Ehegattensplittings, das Fehlanreize für Mütter setzt, mit kleiner Stundenzahl zu arbeiten oder dem Arbeitsmarkt sogar ganz fernzubleiben.

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Dr. Yvonne Lott
© Hans-Böckler-Stiftung
Dr. Yvonne Lott

Leiterin, Referat Geschlechterforschung, WSI, Hans-Böckler-Stiftung

Die Soziologin ist seit 2018 Leiterin des Referats Geschlechterforschung am WSI der Hans-Böckler-Stiftung. Dort forscht Yvonne Lott unter anderem zu Arbeitszeiten, flexiblem Arbeiten, Work-Life-Balance und sozialen Ungleichheiten. Geschlechtergleichheit steht dabei stets im Zentrum ihres Interesses.

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