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Wie wirtschaftlich ist unser Strafsystem?

122 Euro – das kostete ein Häftling 2016 in Baden-Württemberg pro Tag. Die Rate der Wiederholungstäter zeigt jedoch: Die Resozialisierung scheitert. Brauchen wir eine andere Art des Strafvollzugs?

Ich bilde Strafgefangene zu Unternehmern aus

Dr. Bernward Jopen

Geschäftsführer, Leonhard gemeinnützige GmbH

Dr. Bernward Jopen
  • Lebensverläufe von Gefangenen ähneln sich in der abgebrochenen Ausbildung
  • In 20 Wochen bringen wir Straftätern bei, wie sie selbst etwas gründen können
  • 60 Prozent unserer Kursteilnehmer fanden 28 Tage nach Entlassung einen Job

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Wenn mich jemand fragt, warum ich Straftätern helfe, nach der Entlassung einen guten Job zu finden, muss ich an einen Häftling denken, den ich in einer bayerischen Justizvollzugs¬anstalt kennengelernt habe. Er war einer der 18 Teilnehmer, die ich in dem damaligen Kurs unterrichtet habe. Er hatte ein Kreuz wie ein Kleiderschrank. Einmal schmunzelte er, und sein Blick sagte: „Was kannst du mir schon erzählen? Ich brauche keine Ratschläge.“

Der Kursteilnehmer war gelernter Koch und Kopf eines Drogenrings mit mehr als 50 Leuten. Er wurde erwischt und landete für vier Jahre und sechs Monate im Gefängnis. Oftmals zeigen die Lebensverläufe unserer Kursteilnehmer ein ähnliches Bild: schwieriges Elternhaus, falsche Freunde, Leichtsinn, abgebrochene Schule oder Berufsausbildung und mehrfach inhaftiert.

Häufig landen Exknackis im Niedriglohnsektor

Derzeit sind in den deutschen Gefängnissen mehr als 64.000 Männer und Frauen inhaftiert. Die Rückfallquote liegt innerhalb von drei Jahren nach Entlassung bei 48 Prozent. Insbesondere Jugendliche sind anfällig für Wiederholungstaten: Vier von fünf werden erneut verurteilt. Einmal in Haft, sind die Aussichten auf Resozialisierung schwierig. Häufig landen Exknackis im Niedriglohnsektor – wenn sie überhaupt eine Anstellung bekommen. Doch wenn gerade der Aspekt der mangelnden Bildung elementar für die Entwicklung der Exhäftlinge ist, warum setzen wir da nicht an?

Deswegen gründeten meine Tochter und ich 2010 eine gemeinnützige GmbH, durch die wir Strafgefangene zu Unternehmern ausbilden. In 20 Wochen bringen wir den Kursteilnehmern bei, welche Eigenschaften ein Gründer braucht, warum es reizvoll ist, eine eigene Firma zu leiten, und wo Gefahren lauern können. Zudem setzen wir auf ein Verhaltenstraining in gewaltfreier Kommunikation. Auch wenn nur 29 Prozent der Absolventen ein eigenes Unternehmen gründen, lernt der Rest durch unsere Ausbildung, sich als unternehmerisch denkender Angestellter in einem Unternehmen zu profilieren. Die Idee dazu, eine Lücke im deutschen Strafvollzug, stammt leider nicht von mir selbst, sondern von Catherine Rohr, einer Unternehmerin aus Texas. Ich war noch Dozent für Unternehmertum an der TU München, als ich in der Zeitung von dem Projekt Prison Entrepreneurship Program las. Die Idee faszinierte mich, also flog ich nach Texas. Zwei Wochen lang beobachtete ich dort im Gefängnis, wie Straftäter mit legalen Geschäftsmodellen lernen, eine eigene Firma aufzubauen – und damit auch ihre Zukunft.

Nur 13 Prozent unserer Absolventen wurden rückfällig

Meine Tochter und ich starteten im Landsberger Gefängnis ein Pilotprojekt und gaben ihm den Namen des heiligen Leonhard, dem Schutzpatron der Gefangenen. Inzwischen arbeiten wir mit vielen Gefängnissen in Bayern zusammen und können eine Bilanz aus unserer Arbeit ziehen: Von bisher 152 Absolventen wurden nur 13 Prozent rückfällig. 60 Prozent fanden 28 Tage nach ihrer Entlassung mithilfe unserer ehrenamtlichen Mentoren eine Beschäftigung, und 29 Prozent machten sich selbstständig. So auch der zuvor erwähnte Kopf des Drogenrings. 18 Monate nach unserem Kurs hat er ein Unternehmen mit zwei Angestellten gegründet. Er installiert für seine Kunden Photovoltaikanlagen, ist verheiratet und hat ein Kind.

Diese Zahlen sprechen für sich – gerade auch in Anbetracht der Kosten, die Wiederholungs¬täter für ihre erneute Haft produzieren: Ein Häftling kostet den Steuerzahler am Tag etwa 150 Euro. Zum Vergleich: Unser Programm kostet pro Teilnehmer 9500 Euro. Bei einer Laufzeit von 20 Wochen sind das pro Tag Kosten in Höhe von 68 Euro. Die Häftlinge können diesen Betrag selbstverständlich nicht aufbringen. Deshalb sind wir auf Spenden angewiesen. Den Restbetrag übernimmt die Bundesagentur für Arbeit. Denn letztendlich kommt Resozialisierung durch Bildung allen zugute: den Straftätern durch ein verantwortungsvolles Leben in Freiheit, der Gesellschaft durch präventiven Opferschutz und auch den öffentlichen Kassen durch zusätzliche Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge der ehemaligen Straftäter.

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Dr. Bernward Jopen
© Bernward Jopen
Dr. Bernward Jopen

Geschäftsführer, Leonhard gemeinnützige GmbH

Der ehemalige Dozent für Unternehmertum an der TU München unterrichtet keine Studenten mehr, sondern mit einem fünfköpfigen Team Strafgefangene in der JVA München. In der Zeitung las er von einem Programm in den USA, das Straftäter zu Unternehmern ausbildet. Er schaute es sich vor Ort an und startete mit seiner Tochter ein Pilotprojekt in Bayern. Inzwischen haben sie Gefangene aus 15 bayerischen Gefängnissen in elf Kursen ausgebildet und streben auch Kooperationen mit anderen Bundesländern an.

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