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Trend #4 – Work-Life-Separation: Sorry, Chef, das muss echt warten!

Die Generation Z fordert weniger Stress und mehr Leben. Arbeitgeber werden stärker darauf achten müssen, dass Feierabend und Wochenende frei bleiben. Ist die Trennung überhaupt sinnvoll und notwendig?

Andreas Diehl
  • Meine Arbeit richtet sich nach meinem Privatleben, nicht umgekehrt
  • Meine Kinder verdienen einen zufriedenen, aufmerksamen und gelassenen Vater
  • Unternehmen können durch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie punkten

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Morgens um kurz vor 8 Uhr gehen mein Großer und ich gemeinsam zur Schule. Wir versuchen zeitig aufzubrechen, damit wir uns nicht hetzen müssen. Das gelingt bei einem Sechsjährigen natürlich nicht immer, er trödelt, quatscht und bringt die Zeitplanung seiner Eltern durcheinander. Morgen stehen wir einfach ein wenig früher auf, damit es zeitlich wieder ohne Hetzen passt. Denn wenn wir zu spät sind, ist das nicht seine Schuld. Sondern seine Eltern sind zu spät aufgestanden. Auf dem Weg plaudern wir noch ein wenig über die Ergebnisse im DFB-Pokal, über die Frage, warum Hausaufgaben irgendwie dazu gehören, wer Sankt Martin war, warum Religion langweilig ist und was er sich heute für das Fußballtraining vornimmt. Nach meiner Rückkehr darf ich vielleicht noch ein Puzzle mit meiner fast dreijährigen Tochter machen. In der Kita wird noch gebaut, sie kommt bald in den Kindergarten „für die großen Kinder“. Ich glaube, ihr gefällt es, dass Papa da ist.

Wenn die Babyboomer Dir ein schlechtes Gewissen machen

Manchmal treibt mir mein eigener Tagesablauf Schweißperlen der Angst auf die Stirn. Was ist das für ein Arbeitsleben, wenn „Mann“ mittags am Tisch sitzt und mit seinen Kindern zu Mittag isst. Hat mir mein Vater nicht vorgelebt, dass Papa morgens aus dem Haus geht und erst abends wieder nach Hause kommt? Manchmal zwickt mich die Erfahrung aus meinem Elternhaus. Ich will dann ins Büro. Beschäftigt sein, statt spielend und singend auf dem Boden zu sitzen. Aber wenn mich meine Sozialisierung einholt, dann erinnere ich mich an diesen Moment in 2012, als ich im Spiegel einen frustrierten Enddreißiger gesehen habe. Unzufrieden mit dem, was er tut, und wie er sein Leben gestaltet.

Auf die Frage, ob ein frustrierter und gestresster Mann ein guter Papa sein kann, gab es nur eine Antwort. Ich habe gekündigt, meine Co-Founder haben ohne mich weiter gemacht. Ich war fast ein Jahr zu Hause, um Zeit mit meinem Sohn zu verbringen und eine Antwort auf die Frage zu finden, wie ein erfülltes Berufsleben und Kinder zusammenpassen können. In habe gelernt und gemerkt, wie wertvoll Zeit ist. Gestern noch im Kreißsaal, morgen bei der Einschulung. Die Zeit fliegt. Nicht mehr lange, und der Große findet es cooler, mit seinen Jungs abzuhängen, als gegen Papa im Wettpuzzeln anzutreten (ich gewinne nur mit dem leichteren Motiv). Ich möchte Zeit mit meinen Kindern haben, statt mich in zehn Jahren zu fragen, wieso meine Zwerge plötzlich so flügge sind. Deswegen schreibe ich diese Zeilen abends um kurz vor 22 Uhr. Die Kinder schlafen, wir haben zusammen gegessen und einen Film zusammen geschaut. Und natürlich um die Wette gepuzzelt. Gleich muss ich noch mit dem Hund gehen. Und morgen um 5 Uhr klingelt der Wecker, damit ich auch was schaffe, bevor wir gemeinsam frühstücken, und wir uns nicht wieder hetzen müssen.

Unternehmen werden ihren Mitarbeitern entgegenkommen müssen

Ich bin freier Berater und empfinde meine Flexibilität als extrem hohes Gut. Wenn ich für und mit einem Kunden arbeite, dann kann er sicher sein, dass ich „all in“ bin. Ihre Probleme und die Herausforderungen habe ich ständig bei mir, ich denke morgens beim Joggen darüber nach, abends beim Gassi gehen oder auch am Wochenende. Aber sofern wir keine Workshops oder Termine haben, leiste ich, wann ich kann und will. Ich nehme keine Projekte an, bei denen ich dauerhaft die ganze Woche weg bin. Und Termine am Abend nur, wenn es gar nicht anders geht. Vermeintlich wichtige Veranstaltungen besuche ich so gut wie gar nicht mehr. Da muss schon viel passieren, dass mir das wichtiger ist als ein gemeinsames Abendessen und unser Wettpuzzeln.

Wenn die Kita drei Monate umgebaut wird, kriegen meine Frau und ich das auch ohne Nanny oder Unterstützung unserer Eltern hin. Aber ich weiß und erlebe täglich, dass diese Flexibilität purer Luxus ist und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein echter Spagat ist. Und ich kann verstehen, dass das schlechte Gewissen oder das Gefühl, irgendeine seiner Rollen zu vernachlässigen, an einem nagt.

Für Unternehmen liegt in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Kampf um die besten Köpfe eine große Chance. Indem sie ihre Mitarbeiter nicht vor die Frage „Arbeit oder Familie“ stellen. Sondern eine fließende Integration und ein harmonisches Miteinander unterstützten. Ich war letztens bei Sipgate in Düsseldorf. Einem Unternehmen, das durch und durch agil organisiert ist. Da gibt es einen Kindergarten im Haus. Ganz dem agilen Mindset folgend, haben die Mitarbeiter den natürlich selbst organisiert. Und während der Schulferien kommt Papa morgens mit seiner Tochter, um gemeinsam in der tollen Kantine zu frühstücken und sich dann seiner Arbeit zu widmen, während der Nachwuchs nur eine Etage tiefer in besten Händen ist.

Wirklich da sein statt nur anwesend

Vielleicht bin ich heute noch ein Einzelfall. Aber ich glaube und hoffe, dass mehr Eltern den Mut haben, ihren Kindern mehr Zeit zu schenken. Und dass Unternehmen Eltern dabei unterstützen, näher an ihren Kindern zu sein. Denn Kinder brauchen die Aufmerksamkeit und Zuwendung ihrer Eltern mehr als Früherziehung in Englisch, Ballett, Reiten oder Klavierunterricht.

Ich habe mir vorgenommen, für meine Kinder da zu sein. Da zu sein, wenn sie aus der Schule kommen. Da zu sein, wenn ich sie ins Bett bringe. Da zu sein, wenn Hausaufgaben gemacht werden, sich Rebellion dagegen breit macht oder die erste Runde auf dem Fahrrad gelingt. Mit jeder Faser, meiner vollen Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt und vor allem ohne schlechtes Gewissen. Das hätten meine Kinder nicht verdient. Ihr Vater auch nicht. Denn die Zeit fliegt. Dieses „da sein“ gelingt mir nicht immer. Auch ich bin ein Mensch, bin genervt, übermüdet, gestresst. Und benehme mich dann so, wie ich es eigentlich nicht will. Aber dann reden wir drüber, wenn Papa sich daneben benommen hat und mal nicht „da“ war. Morgens, auf dem Weg in die Schule.


15 Jahre XING

Vor 15 Jahren gab es weder soziale Medien noch Smartphones, agiles Arbeiten war hierzulande unbekannt. Unvorstellbar, was in den kommenden 15 Jahre alles Neues entstehen und wie sich unsere Arbeitswelt entwickeln wird! In welchen Berufen werden wir künftig überhaupt arbeiten – und wie? Wie verändert die künstliche Intelligenz den Recruiting-Prozess? Wird die Arbeitswelt von morgen gerechter sein – oder tiefer gespalten?

Zusammen mit dem Zukunftsforscher und Gründer des Trendbüros, Professor Peter Wippermann, hat XING 15 Trends untersucht, die Arbeitnehmer und Unternehmen betreffen und die Gesellschaft verändern werden. Unsere Prognosen basieren auf der wissenschaftlichen Expertise des Trendbüros, einer repräsentativen Umfrage unter den XING Mitgliedern und E-Recruiting-Kunden sowie aus unserer Erfahrung als Vorreiter beim Thema New Work.

Die 15 Trends lassen wir ab dem 5. November täglich auf XING diskutieren – hier auf XING Klartext, von unseren XING Insidern und im XING Talk. Alle Beiträge finden Sie gesammelt auf einer News-Seite.

  • In der Woche ab dem 5. November dreht sich alles darum, was sich für den einzelnen Arbeitnehmer ändert.
  • Ab dem 12. November diskutieren wir eine Woche lang die Folgen des Wandels für Unternehmen.
  • Eine Woche später, ab dem 19. November, thematisieren wir, wie sich unsere Gesellschaft verändern wird.

Bei Fragen, Feedback und Ideen erreichen Sie die Redaktion von XING News unter klartext@xing.com. Wir freuen uns auf spannende und hitzige Diskussionen!

Veröffentlicht:

Andreas Diehl
© Andreas Diehl
Andreas Diehl

Unternehmer, Coach und Berater, AD GmbH

für die Digitale Neuordnung (#DNO)

Der Diplom-Kaufmann (Jg. 1972) ist Gründer der AD GmbH – Digitale Neuordnung (#DNO) und begleitet Unternehmen seit 2013 bei ihrer digitalen und agilen Transformation. Insgesamt gründete er drei eigene Firmen, bevor er sich als Berater selbstständig machte. Unter anderem hat er zwei Jahre lang die digitale Transformation der Lekkerland AG durch den Aufbau des Digital-Teams mit gestaltet. Als Blogger widmet er sich Themen wie agiler Führung, kundenzentriertem Arbeiten und digitalen Strategien.

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