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Parteien und ihr Nachwuchs: Wie ernst werden junge Politiker genommen?

Der Juso-Vorsitzende wurde als Milchgesicht bezeichnet, die No-Groko-Bewegung als Zwergenaufstand abgetan. Wie ernst wird der politische Nachwuchs genommen? Fünf junge Politiker berichten.

Ich habe genug von ‚Das haben wir schon immer so gemacht‘

Ria Schröder
  • Schwerfällige Bürokratie dominiert und behindert die Parteiarbeit
  • Parteimitglieder, die wissen, wie der Hase läuft, ersticken Ideen im Keim
  • Wer unsere Ideen nicht ernst nimmt, steht der Zukunft des Landes im Weg

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Kreisparteitag beim Griechen oder im lokalen Vereinsheim, am Samstagmorgen in die Fußgängerzone zum Infostand, vor dem blau-gelben Pavillon noch ein Foto mit den Parteifreunden. Politik ist nun wirklich nicht das hipste Hobby. Die Arbeit in Parteien ist noch immer zu großen Teilen analog und ortsgebunden, manchmal stellt man sich vor: So muss die Bonner Republik der 70er-Jahre gewesen sein.

Die Lebensrealität der meisten jungen Menschen könnte davon kaum weiter entfernt sein. Kontakt zu Freunden über Social Media, per Smartphone jederzeit im Internet, dann zum Studium oder für die Ausbildung in eine neue Stadt, Auslandssemester, arbeiten im Ausland. Das alles ist inzwischen mehr die Regel als Ausnahme auf dem flexiblen und dynamischen Arbeitsmarkt. Wie soll da ortsgebundene Offlinepolitik hineinpassen?

Der Eifer wird schnell durch die Parteiälteren gebremst

Füllen doch einmal ein paar Studenten, eine Schülerin oder ein Azubi ihren Mitgliedsantrag aus, dann tun sie diesen Schritt häufig aus großer Überzeugung und mit einem Rucksack voller Ideen, was man in ihrem Umfeld, in Deutschland, in der Welt unbedingt dringend ändern muss. So war es auch bei mir. Als Studentin trat ich der FDP bei, um mich für Bürgerrechte und faire Bildungschancen einzusetzen. Meine Schulzeit lag noch nicht so lange zurück, und mein Traum von einer individuellen und talentorientierten Bildung, vom Kindergarten bis weit über die universitäre oder berufliche Ausbildung hinaus, war durch die Instrumente der Digitalisierung nähergerückt. Am liebsten hätte ich besser heute als morgen das Grundgesetz geändert, damit der Bund in die Schulen investieren kann, Lehrerinnen und Lehrer zu Lernhelfern gemacht und Schulen eher wie digitalisierte Freizeitparks voller Lernmöglichkeiten ausgestattet.

Der Eifer wurde jedoch schnell gebremst. Und das liegt nicht nur am schwerfälligen Parteibürokratismus, sondern auch an ihnen: Parteimitglieder, die wissen, wie der Hase läuft. Denn sie sind seit 30 Jahren in der Partei. Sie haben sich die Hände schmutzig gemacht für Kinkel, Genscher, Westerwelle, Plakate geklebt und Kochlöffel verteilt. Aussagen wie „Komm du erst mal in mein Alter“ und „Das haben wir schon immer so gemacht“ sind der Todesstoß für neue Ansätze.

Unsere heutige Politik verfehlt die Interessen der jungen Menschen

Dabei brauchen wir diese frischen Ideen unbedingt, in allen Farben der demokratischen Parteienlandschaft. Während in anderen Ländern junge Männer wie Justin Trudeau oder Emmanuel Macron das Zepter in die Hand nahmen und Reformen anpackten, wurde in Deutschland die nächste große Stillstandskoalition verhandelt. Den Klimaschutz verschoben Merkel und Schulz kurzerhand auf 2030. Dabei bräuchte es jetzt einen Plan, der wirtschaftliche Innovationen und den Wettbewerb um die Senkung des CO2-Ausstoßes europäisch angeht. Bei der Rente werden weitere 100 Milliarden Euro nach dem Gießkannenprinzip verteilt, ohne dass die wirklich Bedürftigen davon profitieren. Stattdessen sollte endlich ein enkelfittes System auf den Weg gebracht werden, das die Interessen von Großeltern, Eltern und Enkelkindern berücksichtigt.

Gleichzeitig wären dringend Investitionen nötig: in den Ausbau von Glasfaserinfrastruktur, Schulen, Lehreraus- und -weiterbildung, Forschung, Gründerkultur. Innovation und Zukunftsorientierung? In Deutschland: Fehlanzeige!

Kurzfristige Wahlerfolge sind alles, was zählt

Eine Politik, die aber den Fortschritt im eigenen Land nicht fördert und sogar vernachlässigt, schadet ihm langfristig. Politiker, für die nur die Interessen der großen Wählergruppen jenseits der 60 relevant sind und die sich nicht um die Jugend kümmern, setzen die Zukunft des Landes zugunsten kurzfristiger Wahlerfolge aufs Spiel.

Deshalb geht es nicht nur darum, uns junge Menschen als Personen ernst zu nehmen, sondern es geht auch um die Themen, die uns bewegen. Das hilft am Ende nämlich nicht nur einer Generation, sondern dem ganzen Land.

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Ria Schröder
© Ria Schröder
Ria Schröder

Bundesvorsitzende, Junge Liberale

Ria Schröder (Jg. 1992) ist seit April 2018 Bundesvorsitzende des FDP-nahen Jugendverbands Junge Liberale. Die Juristin kommt gebürtig aus dem Rheinland und lebt und arbeitet in Hamburg. Dort ist sie Mitglied im Landesvorstand der FDP und kandidierte bei der Bundestagswahl 2017 als Direktkandidatin im Bezirk Eimsbüttel.

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