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Biete Beruf, suche Berufung: So klappt der Neustart in der Lebensmitte

Schon längst geht es im Job nicht mehr nur darum, Geld zu verdienen, sondern sich auch zu verwirklichen. Aber wie geht man damit um, wenn man die Weichen dafür falsch gestellt hat?

Ich wollte mein Hobby zurück und Menschen helfen

Marcell Jansen
  • Ob bei Gladbach, Bayern oder dem HSV: Ich habe die Zeit als Fußballprofi geliebt
  • Trotzdem stellt man sich irgendwann die Frage, was nach dem Fußball kommt
  • Heute habe ich mein Hobby zurück – und helfe Menschen in Sachen Gesundheit

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Die Welt da draußen wartet nicht auf Profifußballer wie mich, die ihre Karriere beenden. Das ist Fakt, und genau deshalb habe ich aufgehört. Mit 29 Jahren.

Dass ich damit anecken würde, war mir klar, und ich wusste, dass kritische Fragen kommen würden. Einige Kommentare, wie Rudi Völlers Vorwurf, ich hätte den Fußball doch eh nie geliebt, waren allerdings absolut deplatziert, weil sie den Kern des Problems verfehlen. Ich habe ja nicht aufgehört, weil ich den Sport nicht liebe – im Gegenteil. Ich habe aufgehört, weil ich mein Hobby zurückwollte. Im Profifußball geht es nämlich vor allem um eins: um Wirtschaftlichkeit und Performance. Mit Spaß hat das nicht immer zu tun.

Natürlich hätte ich noch weiterspielen können, aber das wäre zu einfach gewesen. „Mach doch noch drei Jahre und nimm die Kohle mit“, haben die meisten gesagt, „dann kannst du doch immer noch tun und lassen, was du willst“, aber das ist Schwachsinn. Ich bin doch nicht Leistungssportler geworden, um ein dickes Auto zu fahren und irgendwann Millionen auf dem Konto zu haben. Ich bin Leistungssportler geworden, um jeden Tag an meine eigenen Grenzen zu gehen und mich herauszufordern, dafür bin ich jeden Morgen aufgestanden. Aber was, wenn mich meine Gesundheit oder meine Leistung plötzlich im Stich lässt und ich einfach nicht mehr spielen kann? Wofür stehe ich die nächsten 30 Jahre auf?

Ich wollte einen Plan für die Zukunft

Hätte ich weitergespielt, hätte ich mich am Ende nur selbst betrogen. Ich wusste, dass ein Cut nötig geworden war, aber ich hätte kein anderes Wappen küssen können als das des HSV. Relativ früh war mir deshalb klar, dass ich mir Gedanken um meine Zukunft machen muss – nur leider verführt das Leben als Spitzensportler mit all seinen Annehmlichkeiten und Privilegien nicht unbedingt dazu, sich mit der Karriere nach der Karriere zu beschäftigen. Putzfrauen, Köche und Ärzte kümmern sich schließlich permanent darum, dass es einem gut geht und dass man sich um nichts kümmern muss. Und genau dieses Set-up führt bei einigen irgendwann dazu, dass sie komplett den Bezug zum normalen Leben verlieren. Wie ein Löwe, der per Hand und mit Fläschchen aufgezogen wurde und irgendwann zurück in die Savanne geworfen wird. Der stirbt nach zwei Tagen, weil er nicht allein für sich sorgen kann, und genauso ergeht es vielen ehemaligen Profifußballern. Es gibt genug Jungs, die mit Ende 20 noch nicht mal eine Waschmaschine anstellen können, geschweige denn je einen Staubsauger in der Hand hatten, weil sie es ihr Leben lang nicht mussten.

Doch irgendwann kommt der Tag, an dem diese Seifenblase platzt. Weil du plötzlich verletzt bist, ausfällst, schlecht spielst oder dich einfach kein Trainer mehr haben will. Das ist unser Berufsrisiko, und das kann jederzeit passieren, egal ob du 28 Jahre bist oder 34. Und dann kommt entweder ein großes Loch – oder du hast einen Plan. Und genau den wollte ich.

Es ist tragisch, wie schlecht unsere Gesundheitsvorsorge ist

Zum Glück habe ich früh bei anderen Kollegen gesehen, wie schnell so eine Karriere vorbei sein kann. Ich selbst hatte einige Verletzungen, und wenn sich dein Zustand nicht bessert und du wochenlang ausfällst, gehst du in dich und fängst automatisch an, dich mit dem Worst Case zu beschäftigen und zu realisieren, dass dein Körper nicht ewig auf deiner Seite sein kann. Die Schmerzen gingen zwar immer wieder weg – zum Schluss vor allem durch gute Ernährung und Einlagen – aber die Einsicht, mich um meine Zukunft und meinen Körper kümmern zu müssen, statt ihn immer nur zu belasten, die ist geblieben. Glücklicherweise bekommt man als Profisportler die besten Ärzte und die erfahrensten Berater an die Seite gestellt, damit man pünktlich zum Spiel oder zur Meisterschaft abliefern kann. Aber was ist mit all den Menschen da draußen, die jeden Tag Höchstleistungen bringen müssen?


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Fakt ist: Die breite Masse und damit die Basis unserer Gesellschaft ist eben nicht so gut versorgt wie wir Profis, und das ist tragisch. Die, die wirklich schuften müssen – Paketboten, Hausmeister oder einfache Hotelangestellte zum Beispiel –, die jeden Tag zwölf oder fünfzehn Kilometer zurücklegen und davon Rückenschmerzen bekommen, weil sie keine oder schlechte Einlagen tragen und sich ihre Gesundheit kaputtlaufen, weil ihnen keiner sagt, wie es besser geht. Menschen wie meine Eltern, die jeden Tag um fünf Uhr aufstehen mussten, um bei Aldi an der Kasse zu arbeiten oder bei Kaiser’s Tengelmann Regale einzuräumen, um Geld nach Hause zu bringen. Die sich danach noch um ihre Kinder kümmern, irgendwie den Alltag bewältigen und zwischendurch einfach keine Zeit haben, sich Gedanken um die eigene Ernährung zu machen, obwohl gesundes Essen der Treibstoff unseres Alltags ist.

Aufzuklären und Anlaufstellen zu bieten gibt mir einen Sinn

Vielleicht war ich zu jung oder zu naiv, dass ich so lange nicht bemerkt habe, wie schlecht die Gesundheitsvorsorge der meisten ist, aber als mir bewusst wurde, dass meine Versorgung bei Weitem nicht der Standard ist, war mir klar, ich muss was ändern! Und ja: Natürlich fiel es mir schwer, meine Fußballkarriere so früh zu beenden, und ich verstehe die Kritik, aber ich weiß, wofür ich es tue. Ich habe ein Food-Start-up mit meinen Partnern gegründet, um endlich gesundes Fast Food auf den Markt zu bringen, und ein Sanitätshaus eröffnet, in dem wir Einlagen und Kompressionsstrümpfe verkaufen, und zwar in der Qualität, in der wir Profifußballer sie bekommen. Weil vieles andere auf dem Markt qualitativ schlecht ist, wenn man weiß, wie wichtig die gesamte Statik unseres Körpers ist, und die meisten Einlagen nicht mal in die Schuhe passen.

Genau deshalb habe ich aufgehört und eben nicht noch drei Jahre weitergespielt. Damit ich die Privilegien, die für mich als Profi selbstverständlich waren, endlich jedem zugänglich machen kann, weil ich weiß, wie wichtig unsere Gesundheit ist und wie wenig die meisten Menschen davon wissen. Dieser Antrieb gibt mir einen Sinn im Leben und einen Grund, morgens aufzustehen, und nicht die Millionen auf meinem Konto, von denen ich sicher noch einige mehr hätte verdienen können. Meine zwei Schnitzel, wie Papa immer sagt, die kann ich mir doch sowieso leisten. Und mehr als zwei Schnitzel schmecken eh nicht!


Diskutieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser: Planen Sie auch eine Karriere nach der Karriere? Oder stecken Sie gerade in einer beruflichen Krise und wissen noch gar nicht genau, welcher Beruf Sie wirklich glücklich macht? Wir freuen uns auf Ihre Geschichte!

Veröffentlicht:

Marcell Jansen
© privat
Marcell Jansen

Ex-Profifußballer und Unternehmer

für Sport, Lifestyle, Health Management

Marcell Jansen (Jg. 1985) spielte während seiner Karriere als Profifußballer für Borussia Mönchengladbach, den FC Bayern München und den Hamburger SV. Mit der dt. Nationalmannschaft nahm er an der WM 2006 und 2010 sowie an der EM 2008 teil. 2015 beendete er im Alter von 29 Jahren seine Profikarriere. Seit dem 6. Februar 2018 ist Jansen im Aufsichtsrat des HSV und bewirbt sich derzeit um die Präsidentschaft. Außerdem ist er Gründer und Unternehmer mit mehreren Firmen im Gesundheits-, Sport- und Lifestylebereich.

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