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Frauen und Karriere: Was sind Strategien für den weiblichen Erfolg?

Machtspiele, Meetingrituale und Kommunikationstechniken – in männerdominierten Unternehmen werden Frauen gern andere Verhaltensweisen übergestülpt. Doch muss diese Nachhilfe wirklich sein?

Inhalte später. Wie sich Frauen in Meetings durchsetzen

Dr. Peter Modler

Unternehmensberater und Autor

Dr. Peter Modler
  • Frauen kommunizieren oft auf der Ebene des „High Talks“
  • Verletzenden „Basic Talk“ versuchen sie zu ignorieren – ein Fehler
  • Männlichen Gesprächspartnern geht es oft zuerst um die Rangfrage

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Frau Müller leitet in einer Firma seit zehn Jahren mit enormem Erfolg den Bereich Außenhandel. Als sie mit ihrem Chef und einer kleinen Gruppe externer Berater zusammensitzt, macht sie einen Vorschlag zu einer Änderung der Verkaufsstruktur. Dazu zählt sie gleich mehrere Argumente auf, aber einer der Berater, etwa halb so alt wie sie, fällt ihr ins Wort mit der Bemerkung: „Too much detail“, und fängt sofort an, über ein anderes Thema zu reden. Frau Müller ist platt. Das war derart frech, dass sie erst einmal ein paar Minuten braucht, bis sie sich wieder aufgerappelt hat. Dann leitet sie einen neuen Versuch ein mit den Worten: „Also nach meiner Erfahrung …“, aber weiter kommt sie nicht, denn derselbe Typ fährt ihr wieder über den Mund: „Erfahrung spielt jetzt gar keine Rolle.“ Daraufhin verstummt Frau Müller für den Rest des Meetings. Ihr Chef fragt sie hinterher, ob sie schlechte Laune gehabt hätte …

Ein Klassiker. Eine Frau mit Know-how und hoher Inhaltsdichte unterliegt einem Gegner wegen – ja, weswegen eigentlich? Ein Argument ist es ja nicht, wenn jemand bloß „Too much detail“ hereinblafft. Aber wirksam ist es schon!

„Basic Talk“ ist unsympathisch, aber leider deutlich wirksamer

Gerade kompetente Frauen kommunizieren in Meetings vor allem auf der Ebene von High Talk, wie es in der Fachsprache heißt. Das ist ein verbales und intellektuelles Sprechen, bei dem Fachwissen, Logik, Bildung und argumentative Qualität die Hauptrolle spielen. Frau Müllers Gegenpart hat aber diese Ebene verlassen und auf Basic Talk eskaliert. Der ist nun zwar noch verbal, aber ganz sicher nicht mehr intellektuell: einfachste Satzkonstruktionen, null Argumente, kurz, langsam, formelhafte Wiederholungen, gern unsachlich bis hin zu persönlichen Verletzungen. Aber leider deutlich wirksamer, so unsympathisch das auch sein mag. Basic Talk wird von Männern in Konfliktsituationen öfter angewandt als von Frauen, gerade in Meetings.

Es nützt nun allerdings gar nichts, einen angriffslustigen Basic Talk zu ignorieren (weil man das einfach zu blöd findet) oder moralisch zu werden. Die Regel ist: Wenn die Gegenseite auf die wirksamere Ebene wechselt, muss ich auch dorthin. Sobald ich merke, dass mir der Gegner zuhört, kann ich auch wieder zurück zum Argument. Aber eben auch erst dann.

Bei Leuten aus dem vertikalen System darf man nicht sofort inhaltlich werden

Die US-Soziolinguistin Deborah Tannen hatte schon Anfang der 90er-Jahre zwei große Sprachsysteme identifiziert, nämlich ein sogenanntes „vertikales“ und ein „horizontales“ – eine Entdeckung, deren Tragweite wir erst langsam realisieren. Die Leute aus dem vertikalen System sind zunächst an der Klärung von Rang- und Revierfragen interessiert, bevor es inhaltlich werden kann. Das sind tendenziell eher Männer als Frauen, aber nicht ausschließlich.

Horizontale Leute sind dagegen zunächst interessiert an Zeichen der Zugehörigkeit und an inhaltlichen Reizen. Es sind eher Frauen als Männer, die diesen Hintergrund haben. In einer reflektierten Zusammenarbeit sind horizontale und vertikale Kommunikation ein Dream-Team. Aber ohne sprachliche Übersetzung kann das katastrophal werden. Darunter leiden signifikant mehr Frauen als Männer. Besonders in Besprechungen.

Der Einsatz von Basic Talk gegenüber jemandem, der fachlich hervorragend ist, aber seinen Rang nicht herausstellt, gehört zum üblichen Repertoire der vertikalen Leute. Während die horizontalen Leute meinen, dass ihnen zugehört würde, wenn sie nur immer weiter inhaltlich brillant wären, brauchen viele vertikale oft zuerst aber etwas ganz anderes: eine Rangklärung.

Eine klare Ansage der Frau stört die meisten Männer überhaupt nicht

Der externe Berater, der die erfahrene Chefin mit einem simplen Basic Talk trifft, gehört ganz bestimmt zu den vertikalen Leuten. Eine weibliche Führungskraft, die argumentativ derartig in Vorleistung tritt, kommuniziert eindeutig horizontal. Und die Lösung? Wir haben das in einem Workshop mit einem männlichen Sparringspartner nachgespielt, der fast keine Regieanweisung bekommen hatte; insofern waren seine Reaktionen auch umso realistischer.

Und dann ist es so abgelaufen: Nachdem er Frau Müller mit „Too much detail“ unterbrochen hat, geht sie inhaltlich auf nichts ein (das hat er ja auch nicht gemacht), sondern hebt langsam ihre Hand, schaut ihren Kontrahenten mit unbewegter Miene an und sagt dann mit sehr vielen Pausen: „Sie sind ein … externer … Berater …, ich bin die Abteilungsleiterin … Außenhandel …“ Wahrscheinlich hätte das schon genügt. Aber nun setzte sie auch noch drauf: „Was ich hier sage …, ist … relevant.“ Als ich den Sparringspartner frage, was er denn jetzt von Frau Müller halte, sagt er nur: „Ja, die ist ja Abteilungsleiterin. Die hat ja schon Erfahrung.“ No bad Feelings.

Viele Frauen finden so eine Reaktion überraschend bis bizarr: Wo sind denn jetzt die Inhalte geblieben? Tja, die kommen eben später. Für viele männliche Kollegen ist das aber alles andere als überraschend: Ihnen geht es oft zuerst um eine politische Frage (die nach dem Rang). Ist die beantwortet, kann gut zusammengearbeitet werden. Aber eben erst dann.


Diskutieren Sie mit, liebe Leserinnen und Leser: Erkennen Sie diese Situationen wieder und haben sie selbst erlebt? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Veröffentlicht:

Dr. Peter Modler
© Peter Modler
Dr. Peter Modler

Unternehmensberater und Autor

Dr. Peter Modler (Jg. 1955) hat langjährige Führungserfahrung als Manager, Sanierer und Unternehmer gesammelt. Seit 1998 leitet er seine eigene Unternehmensberatung. Er hat einen Lehrauftrag an der Universität Freiburg im Breisgau, ist als Lehrcoach tätig und hat unter anderem das Buch „Das Arroganz-Prinzip. So haben Frauen mehr Erfolg im Beruf“ (Fischer Taschenbuch) verfasst.

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