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Trend #4 – Work-Life-Separation: Sorry, Chef, das muss echt warten!

Die Generation Z fordert weniger Stress und mehr Leben. Arbeitgeber werden stärker darauf achten müssen, dass Feierabend und Wochenende frei bleiben. Ist die Trennung überhaupt sinnvoll und notwendig?

Ja zu kürzerer Arbeitszeit trotz Fachkräftemangel

Dr. Henning Dransfeld
  • Der Bedarf an sogenannten „High Potentials“ nimmt rasant zu
  • Weniger zu arbeiten kann dennoch eine Lösung sein
  • Entscheidend ist nicht die Zahl der Überstunden, sondern die Produktivität

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Es klingt wie ein Paradox: Der Arbeitsmarkt für „High Potentials“ ist in vielen Branchen wie leergefegt. Und gleichzeitig diskutiert die Republik wieder über Arbeitszeitverkürzungen – etwa in den Tarifverhandlungen der Metallindustrie Anfang dieses Jahres. Die Richtung stimmt: Zahlreiche Arbeitnehmer wünschen sich weniger Arbeitszeit. Diesen müssen Unternehmen entgegen kommen, um sie für sich zu gewinnen. Aber das gilt nicht für alle.

Deshalb lautet das richtige Konzept für die Arbeitswelt von Morgen: Kein einheitlicher Schnitt bei der Arbeitszeit für jeden, sondern kürzere Arbeitszeiten auf Wunsch. Viele Arbeitnehmer würden schon heute gerne auf einen Teil ihres Einkommens verzichten, wenn sie dafür mehr Zeit etwa für die Familie bekämen.

Wer kürzer arbeitet, ist produktiver

Das kann sich sogar lohnen – für beide Seiten. Arbeit bleibt hierzulande teuer. Eine höhere Produktivität kann und muss diese steigenden Kosten ausgleichen. Doch es gilt: Wer kürzer arbeitet, ist in der Regel produktiver. Dies belegen nicht nur akademische Studien aller Art, sondern immer wieder auch die Praxis.

Zum Beispiel in Schweden: Dort sind es nicht mehr nur einzelne Unternehmen, die den Acht- in einen Sechs-Stunden-Tag umgewandelt haben und so produktiver geworden sind. So berichtet zum Beispiel der britische „Independent“, dass Toyota in Göteborg schon vor über 14 Jahren auf die 30-Stunden-Woche umgestellt hat. Die Folge seien eine höhere Zufriedenheit der Angestellten, eine geringere Mitarbeiterfluktuation sowie steigende Gewinne.

Daneben hat eine ganze Reihe schwedischer Pflegeheime und Krankenhäuser trotz des Mangels an Krankenpflegern und Ärzten die Vorzüge des Sechs-Stunden-Tages entdeckt. Auch sie berichten von höherer Produktivität, niedrigeren Krankenständen und geringerer Fluktuation.

Dasselbe in Neuseeland: Dort erprobte die Fondsgesellschaft Perpetual Guardian bei all ihren 240 Mitarbeitern zwei Monate lang die Vier-Tage-Woche. Dabei nahm nicht nur die Mitarbeiterzufriedenheit deutlich zu, auch die Produktivität stieg leicht an, sodass aus dem Pilotprojekt nun ein Dauerzustand werden soll.

Immer mehr Freiberufler

Doch ganz egal, welche Arbeitszeitmodelle Unternehmen ihren Mitarbeitern bieten – die hoch begehrten „High Potentials“ haben es heutzutage zumeist ohnehin selbst in der Hand: mehr Geld verdienen oder weniger arbeiten? Auch deshalb wählen immer mehr Fachkräfte die Selbstständigkeit oder Freiberuflichkeit, um selbst Herr ihrer Arbeitszeit zu sein.

Ein Beispiel ist der Freiberuflermarkt in der IT: Laut einer aktuellen Studie von IDG Research ist in vielen IT-Abteilungen nur mehr die Hälfte der Fachkräfte beim Unternehmen fest angestellt, die anderen Mitarbeiter kommen als Zeitarbeiter, von Outsourcing-Dienstleistern oder sind als selbstständige IT-Experten mit an Bord. Wenn Unternehmen die ihnen noch verbliebenen Mitarbeiter dauerhaft an sich binden wollen, sind sie deshalb gut beraten, ihnen ebenfalls flexible Arbeitszeitoptionen zu bieten.

Hinzu kommt: Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft basiert auf einer hohen Produktivität. Die Potenziale der digitalen Revolution und Automation voll zu nutzen, ist deshalb gerade für hiesige Unternehmen ein Muss. Den höchstwahrscheinlich exponentiell anwachsenden Folgen dieser Automatisierung lässt sich mit herkömmlichen Arbeitszeitmodellen sehr bald nicht einmal mehr im Ansatz beikommen.

Zum einen gibt es die Jobs, die teilweise oder ganz wegfallen werden. Hier sind kürzere Arbeitszeiten ein probates Mittel, um den Strukturwandel abzufedern. Zum anderen führt die Digitalisierung zu immer mehr hochqualifizierten Tätigkeiten, vor allem in der Zusammenarbeit mit (Software-)Robotern. Die dafür notwendigen Experten können die Unternehmen jedoch nicht immer mehr und länger arbeiten lassen. Anderenfalls leidet alsbald wiederum die Produktivität.

Die „Regelarbeitszeit“ hat ausgedient

Insofern ist und bleibt (Weiter-)Bildung das wirksamste Mittel gegen den Fachkräftemangel. Sie sorgt dafür, dass wegautomatisierte Arbeitnehmer nicht ins Bodenlose fallen, sondern stattdessen eine höher qualifizierte Tätigkeit erhalten. Und zudem ist Bildung der Garant dafür, dass die vielen neuen Jobs etwa in der Kreation, im Design oder in der Steuerung von Künstlicher Intelligenz (KI) nicht unbesetzt bleiben.

Wirtschaft und Staat sind hier gemeinsam in der Pflicht, entsprechend fortschrittliche Fort- und Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen – auch damit die Digitalisierung die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern am Arbeitsmarkt nicht weiter vertieft.

Flexible Arbeitszeitmodelle sind ein wichtiges Instrument, diesen Strukturwandel zu gestalten. Je nach Branche, individueller Tätigkeit und Lebenssituation sollten Struktur und Länge der Arbeitszeit unterschiedlich ausfallen können. Somit hat der Standard der sogenannten Regelarbeitszeit ausgedient. Zumal die agilen Modelle wiederum die betriebliche Effizienz erhöhen. Am Ende werden nicht jene Unternehmen die Gewinner sein, deren Mitarbeiter die meisten Überstunden anhäufen, sondern deren Teams am produktivsten sind.


15 Jahre XING

Vor 15 Jahren gab es weder soziale Medien noch Smartphones, agiles Arbeiten war hierzulande unbekannt. Unvorstellbar, was in den kommenden 15 Jahre alles Neues entstehen und wie sich unsere Arbeitswelt entwickeln wird! In welchen Berufen werden wir künftig überhaupt arbeiten – und wie? Wie verändert die künstliche Intelligenz den Recruiting-Prozess? Wird die Arbeitswelt von morgen gerechter sein – oder tiefer gespalten?

Zusammen mit dem Zukunftsforscher und Gründer des Trendbüros, Professor Peter Wippermann, hat XING 15 Trends untersucht, die Arbeitnehmer und Unternehmen betreffen und die Gesellschaft verändern werden. Unsere Prognosen basieren auf der wissenschaftlichen Expertise des Trendbüros, einer repräsentativen Umfrage unter den XING Mitgliedern und E-Recruiting-Kunden sowie aus unserer Erfahrung als Vorreiter beim Thema New Work.

Die 15 Trends lassen wir ab dem 5. November täglich auf XING diskutieren – hier auf XING Klartext, von unseren XING Insidern und im XING Talk. Alle Beiträge finden Sie gesammelt auf einer News-Seite.

  • In der Woche ab dem 5. November dreht sich alles darum, was sich für den einzelnen Arbeitnehmer ändert.
  • Ab dem 12. November diskutieren wir eine Woche lang die Folgen des Wandels für Unternehmen.
  • Eine Woche später, ab dem 19. November, thematisieren wir, wie sich unsere Gesellschaft verändern wird.

Bei Fragen, Feedback und Ideen erreichen Sie die Redaktion von XING News unter klartext@xing.com. Wir freuen uns auf spannende und hitzige Diskussionen!

Veröffentlicht:

Dr. Henning Dransfeld
© ISG
Dr. Henning Dransfeld

Berater und Analyst, Information Services Group

Dr. Henning Dransfeld ist Berater und Analyst beim IT-Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Information Services Group (ISG). Zuvor arbeitete der Spezialist für mobile Unternehmen, digitale Arbeitsplätze und Internet der Dinge unter anderem bei Forrester Research und bei T-Systems. Seinen Doktortitel erhielt er an der University of Wales, Swansea College im Fach Management Science.

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