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Ist das Silicon Valley überbewertet?

Es gilt als globales Zentrum der digitalen Welt: Google, Apple oder Facebook – sie alle sind dort zu Weltmarken geworden. Aber ist das Image als innovatives Schaffenszentrum noch gerechtfertigt?

Prof. Dr. Friederike Müller-Friemauth
  • Europäer konzentrieren sich zu sehr darauf, die Gegenwart zu verbessern
  • Die Amerikaner versuchen sich hingegen an den „Schüssen zum Mond“
  • Im Fokus steht die Frage: Was können wir als Export-Champion lernen?

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Wofür das Silicon Valley steht, wird immer diffuser. Nicht nur, dass die Medien ein inzwischen unübersichtliches Deutungsspektrum präsentieren: Von neuer Weltregierung inklusive neuem Reich, der „eiskalt funktionierenden Geldmaschine“ des Valley bis hin zu – gern auch umgekehrt – einer letztlich nicht zukunftsfähigen Ökonomie ist alles dabei. Auch der Pilgerstrom von Unternehmern und Politikern ins gelobte Westamerika reißt nicht ab, und jeder bietet seine eigene Perspektive feil. Bloß bedeutet dieser Info-Overkill keineswegs, dass das Verständnis vom dortigen Wirtschaftsgeschehen zunimmt. Im Gegenteil.

Erst erkennen, dann bewerten

Das inzwischen geflügelte Wort des Siemens-Chefs Joe Kaeser wünsche ich mir als Leitspruch der Debatte. Erst mal erkennen, um was es geht und was die dort treiben. In einem Forschungsprojekt haben wir das gerade näher untersucht. Wie man solche Ergebnisse anschließend bewertet, steht auf einem anderen Blatt – aber bitte in dieser Reihenfolge.

Unternehmertum durch „Moonshots“ also, der Markenkern des Valley. Was sind „Mondschüsse“? Langzeit-Projekte in unvorstellbarer Dimension und Neuheit. Das regionale Innovationscluster Silicon Valley ist ein Hotspot aus Technologieunternehmen, amerikanischer Rüstungs- und Raumfahrtindustrie sowie der DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency): einer Pentagon-Institution, gegründet von Präsident Eisenhower Ende der 1950er. Einziges (!) Ziel: radikale Innovationen („das „Eintreten der Zukunft zu beschleunigen“, wie es in einem internen Gründungspapier heißt).

Europäern graut es vor Disruptionen

Dieser Hotspot steht hinter dem derzeit vielleicht wichtigsten amerikanischen Großprojekt, der sogenannten Mars-Mission. Spätestens 2040 soll es losgehen mit der Besiedelung unseres Nachbarplaneten. Was wir dafür brauchen, sind Technologien, die dieses Projekt überhaupt erst realisierbar machen: Kommunikationstechnologien zum Beispiel, die eine Nachrichtenübermittlung auf einer Strecke zwischen 56 und 401 Millionen Kilometern, je nach Sonnenkonjunktion, in Minutenschnelle erlauben; oder Mobilitätslösungen in neuer Dimension. Die Zukunftsforschungsschmieden im Valley wie [GoogleX] erforschen genau das.

Was für sie unternehmerisch hilfreich ist: Dabei fallen eine Menge „radikaler“ Nebenprodukte („byproducts“) ab, mit denen man zwischendurch auf der guten alten Erde Geld verdienen kann, um das eigentliche Hauptprojekt am Laufen zu halten. Und weil diese Innovationen so grundstürzend anders sind, hat man ihnen einen eigenen Begriff verpasst: „Disruptionen“. Europäern, vor allem Deutschen, graut vor ihnen: Disruptionen wirbeln nicht nur ganze Branchen um, sondern verändern auch Gesellschaften. Der Grund ist leicht einzusehen: Aus einer Messlatte, die extraterrestrisch geeicht ist, kommen Lösungen heraus, die für terrestrische Verhältnisse ziemlich seltsam anmuten. Zum Beispiel Internetsignale über Ballons aus der Stratosphäre zu senden, um jeden Zentimeter der Erde mit Internet zu versorgen (Project „Loon“ von Google). Verrückt? Von solchen Ballons aus kann man prima Grundlagenforschung betreiben – und zwar nach oben, nicht nach unten.

Das Valley nicht kopieren, sondern kapieren

Fazit: Bei der Auseinandersetzung mit den Kaliforniern ist nur eines wichtig – wie dort gedacht wird. Lassen sich aus deren Erwartungsmanagement Funken schlagen für europäische, eigene Projekte, dann aber nach unseren Maßstäben? Europäer konzentrieren sich lieber darauf, die Gegenwart zu verbessern, als im Übermorgen zu schwelgen; auch für diese Blickrichtung hat die Denkweise des Valley viel zu bieten. Das Valley nicht kopieren, aber kapieren und anschließend kühn kapern: unser eigenes Ding damit drehen. Daraus könnte etwas werden.

Und: In einer globalen Ökonomie ist es wenig klug, die ganze Welt über den Leisten der eigenen Perspektive zu schlagen. Was wäre, wenn unsere Kriterien gar nicht die dortigen träfen? Und wie wäre es, sich auch als Export-Champion von anderen inspirieren zu lassen?

Veröffentlicht:

Prof. Dr. Friederike Müller-Friemauth
© Prof. Dr. Friederike Müller-Friemauth
Prof. Dr. Friederike Müller-Friemauth

Unternehmerin und Zukunftsforscherin, FOM Hochschule

Prof. Dr. Friederike Müller-Friemauth ist Zukunftsforscherin, Autorin und Co-Gründerin von „kühn denken auf vorrat“ . Sie hat eine Professur für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Innovationsmanagement an der FOM, Hochschule für Oekonomie und Management, am Standort Köln inne. Zusammen mit Rainer Kühn unterstützt sie innovative Unternehmen bei ihrer Organisationsentwicklung und Zukunftsvorsorge. Derzeit forscht sie über Zukunftsökonomien und das Silicon Valley.

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