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Staus, Stress, Stickoxide: Wie muss sich der Stadtverkehr ändern?

In den Großstädten stöhnen die Menschen über den zunehmenden Autoverkehr, der die Straßen verstopft und die Umwelt verpestet. Experten fordern schon lange eine Verkehrswende. Wie kann die gelingen?

Keine Dogmen! Wie wir unsere Städte vom Verkehr befreien

Judith Häberli

Mitgründerin und CEO, Urban Connect

Judith Häberli
  • Autos verstopfen die Strassen unserer Städte. Zeit, etwas zu verändern
  • Jetzt dürfen wir nicht Technologien und Ideen gegeneinander ausspielen
  • Vier Schritte, in denen wir uns die Stadt zurückerobern

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In Zukunft wird sich ändern, wie sich Menschen in Städten bewegen. Bislang war die urbane Mobilität ein Sektor, der sich relativ immun gegen Veränderungen zeigte. Doch inzwischen hinterfragen wir unsere autozentrierten Reisegewohnheiten mehr als je zuvor. Ich bin daher überzeugt, dass wir zunehmend zu einem plattformzentrierten Modell übergehen werden, bei dem Mobilität zu einem Versorgungsgut wird. Vier konvergente Trends treiben diese Veränderung an: erstens die Elektrifizierung der Mobilität, zweitens das autonome Fahren, drittens die Verbreitung des Carsharings und viertens ein multimodaler Mobilitätsansatz.

Die Zukunft ist elektrisch

Elektrofahrzeuge werden ein entscheidendes Instrument im globalen Kampf gegen den Klimawandel sein. Auf den Verkehr entfällt heute fast ein Viertel der weltweiten energiebedingten Emissionen. 75 Prozent davon entfallen auf Pkw- und Lkw-Fahrten. In diesem Rahmen können Elektrofahrzeuge Teil der Lösungen sein, da ihre Gesamtemissionen mindestens 40 Prozent niedriger sind als bei einem Verbrennungsmotor.

Daher glaube ich, dass der Druck auf den Automobilsektor, den Kraftstoffverbrauch und die CO2-Emissionen zu senken, noch weiter zunehmen wird. Dieser Trend wird durch immer strengere Vorschriften beschleunigt, die die Fahrzeughersteller stärker unter Druck setzen werden, auf elektrische Antriebe zu wechseln. Darüber hinaus sinken die Batteriekosten schneller als in den optimistischsten Vorhersagen, sodass sich die wirtschaftliche Entwicklung mittelfristig zugunsten von Elektrofahrzeugen verschieben wird.

Was die Vorschriften anbelangt, war Europa die bislang ehrgeizigste Region: Bis 2020 sollen in den wichtigsten EU-Ländern zwei Millionen Elektrofahrzeuge und in der EU insgesamt zehn Millionen auf den Strassen erscheinen. China holt schnell auf und strebt bis 2020 fünf Millionen Elektrofahrzeuge an.

Autos fahren von allein

Selbstfahrende Autos oder autonome Fahrzeuge (AVs) werden bald auch menschliche Fahrer ersetzen. Sie verwenden eine Kombination von disruptiven Technologien einschliesslich künstlicher Intelligenz, Sensoren, Radar, Kameras, GPS und Datenkommunikationssystemen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Indem autonome Fahrzeuge den menschlichen Faktor hinter dem Lenkrad reduzieren, dürften sie Verkehrsunfälle laut dem US-Thinktank Eno Center for Transportation um 70 Prozent reduzieren und weltweit bis zu 150.000 Menschenleben pro Jahr retten.

Darüber hinaus könnte das autonome Fahren auch die Auslastung von Strassen verbessern, da Fahrzeuge enger beieinander fahren könnten und seltener abbremsen müssten, wodurch Emissionen und Staus verringert würden. Letztendlich könnten fahrerlose Fahrzeuge den Fahrgästen Zeit für andere Aufgaben verschaffen oder Menschen chauffieren, die sonst nicht selbst fahren können.

Einige neue Luxusautomodelle wie Tesla verfügen heute bereits über ausgeklügelte Fahrerassistenzsysteme, die ein gewisses Mass an Autonomie bieten. Google hat ebenfalls angekündigt, bis 2020 einen Piloten für ein vollständig autonomes Auto auf den Markt zu bringen. Und Uber hat zusammen mit der Carnegie Mellon University das Uber Advanced Technologies Center ins Leben gerufen, um AV-Geräte für seine Flotten zu bauen. Das Rennen zum vollautonomen Fahren ist also eröffnet.

Das Erwachen der Sharing-Economy

Die meisten Autos stehen zu 95 Prozent oder mehr ihrer Lebenszeit auf Parkplätzen herum – und beanspruchen dabei wertvollen öffentlichen Raum. Ride-Hailing (also gewerbliche Mitfahrdienste) und andere Mitfahrgelegenheiten könnten diese schlechte Auslastung von Autos erheblich verbessern und möglicherweise gleichzeitig die Anzahl der Autos auf den Strassen verringern.

Tatsächlich glaube ich, dass wir langsam, aber sicher in die Ära des Nullbesitzes eintreten, in der der Zugang zu Dienstleistungen den Besitz von Gegenständen übertrifft. Dieser Trend baut auf den Grundlagen einer individuell zugeschnittenen, vernetzten On-Demand-Wirtschaft auf. Walter Kielholz, Präsident des Verwaltungsrates von Swiss Re, geht sogar davon aus, dass der Fahrzeugbesitz in den nächsten zehn bis 15 Jahren um 85 Prozent sinken wird.

Ich denke also, dass traditionelle Modelle für den Fahrzeugbesitz bereits auf den Kopf gestellt werden und dass sich die neu entwickelten plattformzentrierten Modelle in Verbindung mit traditionellen Mitteln wie Radfahren, Gehen und öffentlichen Verkehrsmitteln weiterentwickeln werden.

Ein multimodaler Mobilitätsansatz

Carsharing- und Mitfahrgelegenheiten werden mit einer Vielzahl persönlicher Transportmöglichkeiten einhergehen, einschliesslich öffentlicher Verkehrsmittel, Laufen, des Rads und der Fahrten mit E-Bike, E-Scooter oder sogar mit Robo-Taxis. All diese Optionen werden zu Schlüsselelementen eines multimodalen städtischen Verkehrsnetzes der nächsten Generation werden. Tatsächlich haben viele Städte gezeigt: Je mehr Menschen gemeinsame Mobilitätsformen nutzen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie öffentliche Verkehrsmittel nutzen, weniger Autos besitzen und weniger für den Verkehr im Allgemeinen ausgeben.

Weniger Autos in der Stadt – das bedeutet weniger Staus und Verkehrslärm, weniger gesundheitsschädliche Abgase, weniger schwere Verkehrsunfälle und mehr Raum und Lebensqualität. Es ist eine Perspektive, auf die sich alle Stadtbewohner freuen können.


Judith Häberli spricht am Donnerstag, den 16. Mai, auf der Transformamus, einer Konferenz für Business-Transformationen in Zürich. Dort berichten Unternehmer und Manager über ihre Erfahrungen als Führungskräfte und Innovatoren. XING ist Partner der Veranstaltung und richtet zwei Breakout-Sessions zum Thema „Perspektivenwechsel“ aus.

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Judith Häberli
© Judith Häberli
Judith Häberli

Mitgründerin und CEO, Urban Connect

Judith Häberli (Jg. 1989) leitet Urban Connect. Das Unternehmen mit Sitz in Zürich bietet Firmen intelligente E-Bike- und E-Scooter-Flottenlösungen für deren Mitarbeitende an. Häberli hat einen Abschluss in VWL der Universität Zürich und hat davor Schauspiel an der European Film Actor School studiert. Sie wurde als EY Winning Women Europe 2018 ausgezeichnet und ist Mutter von drei Kindern.

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